# taz.de -- Rechte Anschlagsserie in Berlin-Neukölln: Polizist wegen Geheimnisverrats verurteilt
       
       > Ein Polizist hat Informationen über rechte Vorfälle an eine Bekannte
       > weitergegeben. Doch der vermutete Maulwurf im Neukölln-Komplex ist er
       > wohl nicht.
       
 (IMG) Bild: Mahnmal für Burak Bektaş in Buckow: Ein Foto von einer Hakenkreuz-Schmiererei landete bei Jennifer G. – und dann bei Ferat Koçak
       
       Der Vorwurf, der im Raum stand, hatte das Zeug zum handfesten
       Polizeiskandal: Der Berliner Polizist Norbert M. sollte geheime
       Informationen durchgestochen haben, die dann womöglich im Neuköllner
       Neonazi-Milieu landeten. Und das, obwohl M. selbst einer Ermittlungsgruppe
       innerhalb der Polizei angehörte, die die [1][rechtsextreme Anschlagsserie]
       in dem Bezirk aufklären sollte und Betroffene betreute.
       
       Am Montag hat das Amtsgericht Tiergarten den 58-jährigen Hauptkommissar
       tatsächlich wegen der Weitergabe von Dienstgeheimnissen in vier Fällen
       schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 120 Euro
       verurteilt. Gleichzeitig hat sich in der Verhandlung deutlich abgezeichnet:
       Norbert M. ist wohl kaum der polizeiinterne Maulwurf, über den [2][zuvor
       öffentlich spekuliert worden war].
       
       Das Gericht sah es als erwiesen an, dass M. in den Jahren 2020 bis 2023
       seiner Bekannten Jennifer G. einen Dienstplanentwurf sowie drei interne
       Nachrichten der Polizei zu rechtsextremen Vorfällen in Neukölln
       weitergeleitet hatte. Allerdings habe Jennifer G. anders als zunächst
       vermutet keinerlei Kontakt in die rechte Szene – im Gegenteil. „Die
       Strafbarkeit ändert sich deshalb nicht, aber die Bewertung ändert sich“,
       sagte der Richter.
       
       Die 32-jährige Ex-Bundeswehrsoldatin G. war im Prozess als Zeugin
       aufgetreten und hatte deutlich gemacht, sich dem Kampf gegen
       Rechtsextremismus im Süden von Neukölln verschrieben zu haben. Den
       Polizisten Norbert M. habe sie in einer Kneipe kennengelernt, sie habe
       schnell festgestellt, „dass er politisch mit mir auf einer Wellenlänge
       ist“.
       
       ## Infos an Ferat Koçak weitergeleitet
       
       Die beiden hätten sich anschließend immer wieder ausgetauscht, wenn ihnen
       etwas aufgefallen sei: rechte Schmierereien, Prügeleien, Plakate. In dem
       Zusammenhang habe Norbert M. ihr auch die Infos durchgesteckt – um sie zu
       fragen, ob ihr als Anwohnerin etwas aufgefallen sei. In einem Fall, als das
       Denkmal für den erschossenen Burak Bektaş beschmiert worden war, leitete
       Jennifer G. die Nachricht an den Linken-Politiker Ferat Koçak weiter, der
       selbst von der Anschlagsserie betroffen war.
       
       Jennifer G. sah sich selbst als Aufklärerin, die die Polizei mit Hinweisen
       versorgt – auch wenn diese Zusammenarbeit nie offiziell war. Fotos zeigen
       sie auf rechtsextremen Bärgida-Demonstrationen und bei NPD-Veranstaltungen.
       Sie sei dort zur „eigeninitiativen Informationsbeschaffung“ gewesen,
       versicherte sie am Montag. Wegen der Aufnahmen war sie überhaupt erst in
       den Verdacht geraten, selbst ein Spitzel der rechten Szene zu sein.
       
       „Jennifer G. versuchte, nach Harakiri-Manier die rechtsradikale Szene zu
       unterwandern, um diese zu schwächen“, betonte auch Staatsanwältin Antonie
       Ernst in ihrem Plädoyer. Es sei kein Wunder, dass G. und Norbert M. schnell
       zueinander gefunden hätten. Wie G. habe Norbert M. sich zu viel Zeit für
       diese Aufgabe genommen. „Er hat jede freie Sekunde der Verfolgung
       rechtsradikaler Taten in Neukölln gewidmet und hat dabei einen falschen
       Abzweig gemacht“, so Ernst. Der Polizist habe Regeln überdehnt und
       überschritten, auch wenn es aus einem „noblen Motiv“ geschehen sei.
       
       ## Eine weitere skurrile Wendung
       
       Das Urteil ist eine weitere skurrile Wendung in der bis heute nicht
       vollständig aufgeklärten rechtsextremen Anschlagsserie in Neukölln, die bis
       2009 zurückreicht. Zu dem Komplex werden mindestens 70 Taten gezählt,
       darunter Brandanschläge, Hakenkreuzschmierereien und Morddrohungen. Immer
       wieder kamen dabei Fehler und Skandale bei der Polizei und
       Staatsanwaltschaft ans Licht.
       
       Etwa [3][verprügelte ein Kollege von Norbert M.] aus der Neuköllner
       Ermittlungsgruppe im Jahr 2017 gemeinsam mit rechten Union-Berlin-Fans
       einen afghanischen Geflüchteten und verletzte ihn schwer. Ein weiterer
       Neuköllner Polizist war AfD-Mitglied und zusammen mit einem der
       Verdächtigen in einer Chatgruppe. Und ein Staatsanwalt wurde wegen
       Befangenheit und Verdacht auf AfD-Nähe versetzt.
       
       Weil es so viele Pannen bei den Ermittlungen gab – die Hauptverdächtigen
       hielten immer genau dann die Füße still, wenn sie observiert wurden –,
       hatte der ehemalige leitende Ermittler im Landeskriminalamt [4][öffentlich
       gemutmaßt], es könnte einen Maulwurf in den Reihen der Polizei gegeben
       haben, der Infos über die verdeckten Einsätze durchstach. Diese Erklärung
       für die schlechte Aufklärungsarbeit stützt das Urteil gegen Norbert M.
       indes nicht.
       
       26 Jan 2026
       
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