# taz.de -- Verdrängung in Berlin: Die letzten Perlen vom Herrfurthplatz
       
       > Im Neuköllner Schillerkiez werden Wohnhäuser höchstbietend verkauft, die
       > eine Künstlerin an eine Landesstiftung vererbt hatte. Ist das rechtens?
       
 (IMG) Bild: Seit Jahren ein Hotspot der Gentrifizierung: Der Herrfurthplatz im Neuköllner Schillerkiez von oben
       
       99 Jahre alt wurde die Kunsthistorikerin Helga Kliemann. Am 4. Februar 2024
       verstarb die verwitwete Partnerin von Carl-Heinz Kliemann, der zu den
       bedeutendsten Nachkriegsmalern Berlins gezählt wird. Wie schon bei ihrem
       Mann sollte auch das Vermächtnis von Helge Kliemann an eine Stiftung gehen,
       die Carl-Heinz-und-Helga-Kliemann-Stiftung, verwaltet von der landeseigenen
       Stiftung Stadtmuseum Berlin. Dort freut man sich über die Chance, das
       Oeuvre der beiden Künstler:innen zu bewahren.
       
       Doch ein Teil dieses Vermächtnisses macht jetzt Ärger. Denn vererbt hat
       Kliemann nicht nur Bilder und Dokumente. Zu ihrem Vermächtnis gehörten auch
       zwei Wohnhäuser im Neuköllner Schillerkiez, am Herrfurthplatz. Deren
       Bewohner:innen gehen nun auf die Barrikaden. Denn mit den Häusern
       passiert nun, was, so sagen sie es jedenfalls, nach Wunsch der Eigentümerin
       nie passieren sollte: Es wird verkauft. Und zwar an den Höchstbietenden.
       
       Erik Lehmann seufzt, wenn er von Helge Kliemann erzählt. Seit 20 Jahren
       lebt der Mann, der eigentlich anders heißt, aber auf Wunsch anonym bleiben
       soll, am Herrfurthplatz 7. Er habe noch die Zeit erlebt, „als es hier noch
       nicht hip und der Kiez noch leer war“. Als die Bars und Cafés einzogen, als
       der Flughafen Tempelhof nebenan geschlossen wurde. Und sich dann die Mieten
       vervielfachten. „Überall, aber nicht bei uns“, fügt er hinzu, „wegen der
       restriktiven Instruktionen von Frau Kliemann und der Hausverwaltung.“ Noch
       immer seien die Mieten im Haus unter dem Mietspiegel und bezahlbar.
       
       „Frau Kliemann“, wie Lehmann seine ehemalige Vermieterin stets nennt, sei
       es stets wichtig gewesen, dass sich nicht so viel am Haus verändert. Auch
       dass hier Künstler:innen leben können, die Platz zum Leben und Arbeiten
       brauchen und die „nicht die stabilsten Einkommensverhältnisse haben“, wie
       Lehmann sagt. Das Haus sei noch das einzige unsanierte am Platz. In manchen
       Wohnungen, wo die Leute es sich nicht anders leisten können, gebe es noch
       Kohleheizung. Die Eckkneipe unten, das Daffke, sei ein Original, noch mit
       Fresken aus der Gründerzeit. Und auch die Hausgemeinschaft sei hier noch
       intakt. „Wenn ein:e Nachbar:in Geburtstag hat, sind eigentlich immer alle
       eingeladen. Das ist so ein schöner Austausch, gerade weil die Leute hier so
       divers sind. Das wollen wir unbedingt behalten“, sagt Lehmann.
       
       ## Ein Testamentvollstrecker, ein zweiter Erbe
       
       Aber diese Idylle ist bedroht. Denn etwas ist schiefgegangen mit dem Erbe.
       Wie eine Sprecherin der Stiftung Stadtmuseum der taz bestätigte, waren die
       Wohnhäuser „Teil der Erbmasse“ von Helge Kliemann. Doch es gebe einen
       „Pflichtteilsberechtigten“, also ein:e Verwandte:n mit Mindestanspruch
       auf einen Erbanteil. Deshalb sei, gemäß der Vorgaben im Testament, vom
       Amtsgericht ein Testamentsvollstrecker eingesetzt worden. Der habe sich
       dazu entschieden, die Häuser zu verkaufen, um den Pflichtteilsberechtigten
       auszuzahlen. Ein Käufer sei auch bereits gefunden und der Notarvertrag
       unterschrieben worden.
       
       Bei den Bewohner:innen löst das natürlich Ängste aus: „Uns schwant der
       Horror, das nach dem Verkauf umfangreiche Sanierungsmaßnahmen durchgedrückt
       werden, dass die Mieten anziehen und das Haus zur Baustelle wird“, sagt
       Lehmann. Für viele im Haus wäre das existenzbedrohend, so der
       Langzeitmieter. „Ganz viele haben große Angst.“
       
       Die Mieter:innen sind deshalb an die Öffentlichkeit gegangen. Vor gut
       einer Woche gab es eine Kundgebung vor dem Haus, „Berlin, bitte vorkauf
       mich!“ steht auf einem großen Transparent, das über die Balkone der grauen
       Fassade von einem der zwei Häuser gespannt ist. Die Hoffnung der
       Bewohner:innen: dass der Bezirk einschreitet und das Haus dem Käufer per
       Vorkaufsrecht vor der Nase wegschnappt. Dann müsste sich dieser, um das
       Vorkaufsrecht abzuwenden, zu einer sozialverträglichen Vermietung
       verpflichten – oder das Haus geht an einen gemeinnützigen Träger.
       
       Doch die Chancen dafür stehen schlecht. Seit das Bundesverwaltungsgericht
       2022 das Vorkaufsrecht vehement beschnitten hat, ist dieses eigentlich nur
       noch für Schrottimmobilien nutzbar – und um solche handelt es sich eher
       nicht. „Wir sind da noch in der Prüfung“, sagt der zuständige Baustadtrat,
       Jochen Biedermann (Grüne). Es gebe beim Vorkaufsrecht allerdings „sehr hohe
       Hürden zu überspringen“.
       
       ## Wurde das Abgeordnetenhaus übergangen?
       
       Was allerdings die Aufmerksamkeit von Biedermanns Parteikollegen, dem
       Neuköllner Abgeordneten André Schulze, auf sich zieht: dass die
       Carl-Heinz-und-Helga-Kliemann-Stiftung nach eigenen Angaben [1][eine
       „unselbstständige“ Stiftung vom Stadtmuseum Berlin ist], die sich im
       Landesbesitz befindet. Und eine Landesstiftung kann nicht einfach so ein
       Wohnhaus verkaufen. „Der Verkauf einer Immobilie durch eine Stiftung des
       Landes bedarf aus guten Gründen der Zustimmung des Abgeordnetenhauses, um
       derartige Verkäufe zum Höchstpreis zulasten der Mieter*innen zu
       verhindern“, sagt Schulze.
       
       Doch die Stiftung argumentiert, nie im Besitz des Hauses gewesen zu sein.
       Das Erbe sei an den Testamentvollstrecker gegangen, der zunächst die
       Pflichtteilsberechtigten bedienen müsse, bevor das restliche Erbe an die
       Carl-Heinz-und-Helga-Kliemann-Stiftung gehen könne. Daher würden „die
       Regeln des Landes Berlin zu landeseigenen Grundstücksverkäufen nicht
       gelten“, so die Stiftungssprecherin. Man habe keinen Einfluss darauf
       gehabt, dass das Haus höchstbietend verkauft wurde. „Die Stiftung
       Stadtmuseum Berlin selbst könnte sich alternative Eigentümerkonstruktionen
       vorstellen“, sagt sie.
       
       Dass die Stiftung gar keinen Einfluss auf den Umgang mit dem eigenen Erbe
       gehabt habe, überzeugt Schulze nicht. „Aus Erfahrung ist davon auszugehen,
       dass es eine Rückkopplung zwischen dem Testamentvollstrecker und der
       Stiftung zum Verkauf des Hauses gab“, so Schulze zur taz. In jedem Fall sei
       es „fatal“, wenn eine öffentliche Stiftung ein Haus erbe und dieses dann
       verhökere. „Damit trägt die öffentliche Hand zur Spekulation am
       Wohnungsmarkt bei.“
       
       Das Vertrauen der Mieter:innen ist jedenfalls zerstört. Vor allem, dass
       die Hausgemeinschaft erst informiert wurde, als alles schon durch war,
       stößt ihnen übel auf. „Man kann ein Haus oder dessen Mieter:innen
       verkaufen, und in dem Fall wurden wir als Mieter:innen verkauft“, sagt
       Lehmann. Seine Hoffnung: dass sich der bisher unbekannt gebliebene Käufer
       noch vorstellt. „Es muss ja kein Unmensch sein. Wir sind bereit, in Kontakt
       zu treten.“
       
       17 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.stadtmuseum.de/stiftungen/carl-heinz-und-helga-kliemann-stiftung
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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