# taz.de -- Die Wahrheit: Zottels Traum
> Warum schreibt der neue „Bild“-Kolumnist Harald Martenstein immer noch?
> Offenbar motiviert ihn vor allem die Kollegenschelte.
Viel zu oft bedenken wir nicht, welch verheerende Wirkungen unsere Worte
bei anderen entfalten. Man kennt das aus jeder Beziehung: Einmal etwas
Unbedachtes zur Frisur des Gegenübers gesagt, schon schläft man nächtelang
auf dem Sofa. Je näher man sich steht, umso leichter ist es, einander zu
verletzen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie nah Harald Martenstein
und ich uns stehen.
Der versendet in der Bild seit dieser Woche täglich eine „Mail von
Martenstein“, als Nachfolger des jüngst abberufenen Franz-Josef Wagner.
Dessen zwischen offenem Wahn und dadaistischer Lyrik changierender „Post
von Wagner“ galt lange als Ausgeburt reaktionärer Gesinnung, aber
angesichts Springers Wechsel ins offen Rechtspopulistische war Wagner am
Ende fast ein letzter Anker gewisser Rest-Menschenfreundlichkeit.
Damit so etwas nicht wieder passiert, hat die Bild mit der Berufung
Martensteins vorgebaut. Denn der einst als liberale Edelfeder geltende, für
Zeit und Tagesspiegel schreibende Zausel radikalisierte sich zusehends und
kämpfte immer verbissener gegen eine herbeihalluzinierte linksgrüne
Meinungsübermacht, bis die Kollegen der Welt sich erbarmten und ihn hinter
ihrer Bezahlschranke wegsperrten. Fortan mussten wir nur noch – das
Zeit-Magazin ignorieren wir eh – einmal wöchentlich eine hässliche
Strichzeichnung von ihm erblicken. Was im Text stehen würde, war auch ohne
Welt-plus-Abo klar, denn inzwischen verlaufen Martenstein-Kolumnen ähnlich
überraschend und humorvoll wie Alice-Weidel-Reden.
Das also blüht uns nun täglich frei zugänglich. Und das alles nur, weil ich
einst auf dieser Seite eine kleine Satire über einen besonders wirren Text
von ihm schrieb, in deren Verlauf ich ihn als „so zottelig wie den
durchschnittlichen IS-Kämpfer“ beschrieben hatte. Zugegeben, das war nicht
nett. Diese Kränkung hat offenbar fünf lange Jahre in ihm gearbeitet, bis
er plötzlich in der Zeit der damaligen taz-Kollegin Saskia Vogel und mir
antwortete und mich dabei einen „Spießer“ schalt.
Alles gut. Aber dann griff er in Sachen Beleidigung noch eine Schublade
tiefer: „Einer meiner Motivationstrainer ist auch Heiko Werning, der ein
bisschen wie Herbert Grönemeyer aussieht.“ Das geht zu weit! Doch er setzte
noch einen drauf: „Ich wollte endlich mal Danke sagen, Saskia, Heiko und
all den anderen. You make me tick. Wenn es selbstverständlich wäre, nicht
zu allem, was ihr wollt, Ja sagen zu müssen, hätte ich schon längst
aufgehört.“
Offenbar ist es aber immer noch selbstverständlich, zu allem, was ich will,
Ja sagen zu müssen. Zumindest in Harald Martensteins Welt. Schade, dass ich
darin nicht leben darf. Stattdessen muss ich mit jener vorliebnehmen, in
der ich auch noch dafür verantwortlich bin, dass er immer weiterschreibt.
Jetzt also täglich in der Bild. Ich bitte um Verzeihung.
13 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Heiko Werning
## TAGS
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
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