# taz.de -- Die Wahrheit: Entschieden gegen Scheidung
       
       > Was eine Trennung von guten Freunden für die eigene Paardynamik bedeutet:
       > Alles – und was das mit Fenchelbüscheln und Knoblauchzehen zu tun hat.
       
       S. und A. haben sich getrennt. Meine Frau und ich sind wie vor den Kopf
       geschlagen. „Wart ihr nicht ewig zusammen?“, fragen wir konsterniert. „Ja,
       26 Jahre“, antwortet A. Wir protestieren: „Ihr wart doch so ein tolles
       Paar. Ihr habt perfekt zusammengepasst!“. Sie winkt ab: „Nach außen mag das
       so gewirkt haben …“ – „Ach was!“, falle ich A. ins Wort, „so was merken wir
       doch. Ihr passt super zusammen!“ – „Ihr kriegt doch gar nicht alles mit …“
       – „Willst du etwa sagen, wir seien unsensibel? Unsinn! Ihr seid ein
       Super-Paar! Also hört auf mit dem Quatsch und rauft euch gefälligst wieder
       zusammen! Probiert halt mal was aus. Im Bett zum Beispiel!“, schlage ich
       vor. „Habe ich gerade erst in der Süddeutschen Zeitung gelesen: Da hat die
       Autorin, die schon ewig mit ihrem Mann zusammen war, einen Monat lang jeden
       Tag mit ihm Sex gehabt. Das hat die Paardynamik ganz neu angeheizt.“
       
       A. guckt mich entsetzt an. Meine Frau auch. „Sex ist ja nicht alles“,
       beschwichtige ich, „man kann auch zusammen … äh …“ – „Netflix gucken“,
       ergänzt meine Frau. „Genau!“, pflichte ich bei, „schaut noch mal ‚Breaking
       Bad‘ am Stück durch, dann wird das wieder!“ –„Wir haben ‚Breaking Bad‘ und
       ‚Better Call Saul‘ schon drei Mal durch“, erwidert A. resignierend, „wir
       haben sogar schon angefangen, ‚Tatort‘ zu gucken!“ Verdammt, es ist
       wirklich ernst.
       
       Diese ständige Trennerei ist aber auch eine Zumutung. Vor allem für die
       Freunde. Dabei sind wir es doch, die mit der neuen Situation klarkommen
       müssen. Mit wem trifft man sich jetzt? Was erzählt man dem einen, was der
       anderen? Wen lädt man zu Festen ein? Vor allem aber: Meine Frau und ich
       sind jetzt auch schon seit 30 Jahren zusammen. Wir sind beunruhigt.
       
       „Ich habe einen Kochkurs für uns gebucht!“, erkläre ich der Frau einige
       Tage später stolz. „Was?“, fragt sie irritiert, „wieso das denn? Wir kochen
       doch gar nicht!“– „Eben!“, sage ich, „dann fangen wir jetzt mal damit an!
       Wir müssen einfach mal was Neues probieren! Damit es uns nicht geht wie
       Stefan und Anne!“ Sie sieht mich beunruhigt an.
       
       ## Kurz noch die Spülmaschine ausräumen
       
       Als ich einige Tage später abends die Spüle wische, kommt sie nackt zu mir
       in die Küche. „Ist alles in Ordnung bei dir?“, frage ich erschrocken. „Nimm
       mich!“, sagt sie, „gleich hier!“ – „Was?“ – „Wir müssen unser Liebesleben
       befeuern“, sagt sie, „es darf nicht werden wie bei Anne und Stefan!“ –
       „Okay“, sage ich, „aber lass mich kurz die Spülmaschine ausräumen.“ Für
       wahre Leidenschaft bin ich noch jederzeit zu haben!
       
       Einige Tage später komme ich mit Wolfsbarsch-Filet, Fenchelbüschel und
       Knoblauchzehen nach Hause. Ich schaue meine Frau an. „Oder möchtest du
       heute mal die Fesseln nehmen?“, frage ich. „Also, meinetwegen“, seufzt sie,
       „könnten wir auch einfach den ‚Tatort‘ vom Sonntag gucken und eine Pizza
       bestellen.“ Mich durchströmt ein großes warmes Gefühl. „Au ja!“, sage ich
       erleichtert, und: „Ist es nicht schön, wie gut wir noch zusammenpassen?“ –
       „Und das, obwohl wir schon ewig zusammen sind“, bestätigt die Frau, nach
       der Fernbedienung greifend.
       
       13 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
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