# taz.de -- „Geheimnisse einer Seele“ auf Berlinale: Im Rausch der Psychose
       
       > Vor 100 Jahren zeigte G. W. Pabsts Stummfilmklassiker „Geheimnisse einer
       > Seele“ die Psychoanalyse. Nun läuft der Film auf der Berlinale in einer
       > restaurierten Fassung.
       
 (IMG) Bild: Psychoanalyse in sprechenden Bildern: „Geheimnisse einer Seele“ (1926) von Georg Wilhelm Pabst
       
       Die Sektion „Berlinale Classics“ lädt seit Jahren dazu ein, Filmklassiker
       neu zu entdecken, die gerade frisch restauriert wurden. Darunter gibt es
       dieses Jahr Fundstücke wie „Crystal Palace“ von 1934 aus der Ukraine
       (damals Teil der UdSSR), der unter anderem wegen seiner Kritik am
       Totalitarismus verboten wurde. „The Pornographers“ (1966) von Shohei
       Imamura ist wiederum als comichafte Satire angelegt und handelt von den
       sexuellen Neurosen seiner Zeit.
       
       Höhepunkt der Reihe ist dieses Jahr der deutsche Stummfilm „Geheimnisse
       einer Seele“ von Georg Wilhelm Pabst, der 1926, vor genau 100 Jahren, seine
       Uraufführung erlebte. Der Regisseur, dessen Karriereverlauf jüngst in
       [1][Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ thematisiert wurde], gehörte neben
       Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau zu den wichtigsten [2][Regisseuren
       der Weimarer Republik]. Mit einfühlsamen, realistischen Melodramen um
       gesellschaftlich ausgestoßene Frauen (unter anderem „Die freudlose Gasse“,
       „Die Büchse der Pandora“) dargestellt von Stars wie Asta Nielsen, Greta
       Garbo oder Louise Brooks, feierte er seine größten Erfolge.
       
       In „Geheimnisse einer Seele“ steht jedoch ein Mann im Mittelpunkt, der
       Chemiker Martin Fellmann (dargestellt vom brillanten Werner Krauß, bekannt
       aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“), der in einer glücklichen, jedoch
       kinderlosen Ehe mit einer schönen Frau lebt. Nachdem in ihrer Nachbarschaft
       ein Frauenmord geschieht, entwickelt Martin eine Messerphobie.
       
       Als tags darauf der gemeinsame Freund des Ehepaars aus Kindheitstagen von
       einer langen Tropenreise zurückkehrt, wird Martin von bizarren Angstträumen
       heimgesucht, und er glaubt, seine Frau mit einem Messer erstechen zu
       wollen. Er lernt einen Psychoanalytiker kennen und beginnt eine Therapie.
       Eine Heilung scheint möglich, wenn erst die Ursachen der Obsession gefunden
       sind: in Träumen und Kindheitserlebnissen.
       
       ## In fast dokumentarischer Nüchternheit erzählt
       
       Der mit dem Untertitel „ein psychoanalytischer Film“ versehene Streifen kam
       seinerzeit bei Kritikern wie beim Publikum gut an, bekam das Prädikat
       „volksbildend“. Pabst hatte den Anspruch, eine psychische Krankheit anhand
       eines konkreten Falls glaubhaft darzustellen und die damals noch nicht sehr
       verbreitete Wissenschaft der Psychoanalyse auf der Leinwand zu vermitteln.
       Um das umsetzen zu können, suchte er die Unterstützung zweier Mitarbeiter
       Sigmund Freuds, Karl Abraham und Hanns Sachs, die auch im Vorspann genannt
       werden.
       
       Der Fokus der in fast dokumentarischer Nüchternheit erzählten Geschichte
       liegt auf der Perspektive Martins, dessen Geisteszustand immer wahnhaftere
       Züge annimmt, insbesondere, wenn sein Blick auf messerähnliche Gegenstände
       fällt. Für die Traumsequenzen wurden surrealistische Bilder geschaffen, die
       noch heute beeindrucken. In einer Szene beginnt Martin wie ein Vogel zu
       fliegen, und sein vermeintlicher Nebenbuhler (im Traum stets grinsend, mit
       verwegenem Tropenhelm!) schießt ihn wie ein Jäger ab, worauf ein
       schwindelerregender Absturz erfolgt.
       
       Kameramann war Guido Seeber (1879–1940), ein Filmtechnikpionier, der seine
       beeindruckenden Effekte oft mithilfe von raffinierten Mehrfachbelichtungen
       erzielte. Perfekte Lichtgebung und Montage kommen hinzu.
       
       Pabsts „Seelenthriller“ ist durch die neue Restaurierung, die aus drei
       verschiedenen Kopien aus Deutschland, Belgien und den USA zusammengesetzt
       wurde, deutlich kompletter geworden als die bisher bekannte, knapp zehn
       Minuten kürzere Fassung. Durch den Zusammenschnitt von 35-mm- mit
       (unschärferem) 16-mm-Material kommt es wegen der unterschiedlichen Formate
       manchmal zu kurzen Irritationen.
       
       Zum filmischen Experiment wird zur Premiere auch die passende musikalische
       Begleitung geboten. Sie stammt vom koreanischen Komponisten Yongbom Lee und
       dem Kammerensemble Broken Frames Syndicate. Auf innovative Weise wird das
       Gehirn des Solobratschisten mit dem Synthesizer verbunden. Unbewusste
       neuronale Bewegungen lenken so den Verlauf der Musik und sorgen für
       zusätzliche Lichteffekte.
       
       12 Feb 2026
       
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