# taz.de -- „Woche der Kritik“ während der Berlinale: Streit, der Denkräume öffnet
       
       > Die parallel zur Berlinale laufende „Woche der Kritik“ erkundet dieses
       > Jahr die Grenzen und Potenziale von Streitkultur. Zentrales Thema ist der
       > Nahostkonflikt.
       
 (IMG) Bild: Der Dokumentarfilm „Israel Palestine on Swedish TV 1958–1989“ von Göran Hugo Olsson
       
       In den polarisierten Zeiten, in denen wir leben, wird das Reden immer
       wichtiger, vor allem das Reden miteinander. Auch das Kino kann hierzu
       beitragen, kann vermitteln oder Diskussionen anregen, wird inzwischen aber
       auch oft als Mittel zur Agitation ge- oder missbraucht. Gerade auf der
       Berlinale zeigen sich diese Widersprüche: Politisch soll das Kino hier
       sein, aber wenn sich FilmemacherInnen politisch äußern, ist es oft auch
       nicht recht. Was denn nun?
       
       Passend zu diesem Fragenkomplex zeigt sich die diesjährige „Woche der
       Kritik“ – eine vom Verband der deutschen Filmkritik initiierte Reihe, die
       seit nun schon über einem Jahrzehnt parallel zur Berlinale läuft – selbst
       für ihre eigenen Verhältnisse besonders diskussionsfreudig. Unter der
       Überschrift „Widersprechen, wieder sprechen – Grenzen und Potenziale von
       Streitkultur“ finden seit Anfang der Woche Veranstaltungen statt,
       Filmvorführungen mit anschließender Diskussion, in denen Formen der
       Diskussions- und Streitkultur ausprobiert werden.
       
       Als zentrales Thema erweist sich dabei der Nahostkonflikt, womit sich die
       „Woche der Kritik“ offenbar bewusst in das diskursive Wespennest der
       deutschen Öffentlichkeit setzt, das gerade auch bei der Berlinale immer
       wieder für Kontroversen sorgt. Am Samstag, den 14. Februar, gibt es hierzu
       im Sinema Transtopia einen Workshop zur „Mediendarstellung des
       Nahostkonflikts“, leider, vielleicht auch vernünftigerweise, nicht
       öffentlich.
       
       Die 20 Teilnehmer, die sich im Vorfeld für die Veranstaltung beworben
       haben, werden dabei anhand von aktuellen und historischen Fernsehberichten
       über den Nahostkonflikt über Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung
       eines Konfliktes diskutieren, die gerade in Deutschland aus
       offensichtlichen Gründen oft heikel erscheint. Diskussionsteilnehmer sind
       unter anderem der Fernsehproduzent Lars Säfström und auch der taz-Redakteur
       Daniel Bax.
       
       ## Archive des öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehens
       
       Weiterer Gast ist der schwedische Regisseur Göran Hugo Olsson, der am
       Freitagabend in den Hackeschen Höfen seinen jüngsten Film präsentiert, ohne
       Frage das zentrale Werk der diesjährigen „Woche der Kritik“, und darüber
       hinaus einer der eindringlichsten Filme, die dieses Jahr im Rahmen der
       Berlinale zu sehen sein werden.
       
       „Israel Palestine on Swedish TV 1958–1989“ lautet ganz pragmatisch der
       Titel des dreieinhalbstündigen Found-Footage-Films, der ähnlich pragmatisch
       wie sein Titel funktioniert: Aus den Archiven des öffentlich-rechtlichen
       schwedischen Fernsehens hat Olsson Berichte über den Nahostkonflikt
       zusammengetragen, die er nun unverändert zeigt. Zu Beginn jedes Berichts
       weist eine Texttafel auf den Drehort und Erstausstrahlungszeitpunkt hin,
       mehr Kontext erscheint nicht nötig.
       
       Warum gerade der scheinbar willkürliche Zeitraum zwischen 1958 und 1989?
       Das schwedische öffentlich-rechtliche Fernsehen nahm 1957 den regulären
       Sendebetrieb auf und hatte bis Ende der 80er eine Art Monopolstellung,
       bevor mit der Privatisierung des Fernsehens, ähnlich wie in Deutschland,
       Privatsender auf den Markt kamen und die Fernsehlandschaft grundlegend
       veränderten.
       
       In der Zwischenzeit war der Nahostkonflikt immer wieder Thema im Programm,
       anlässlich der diversen Kriege, aber auch der Versuche, Lösungen für die
       verzwickte Situation zu finden. Keine Seite bleibt dabei von Kritik
       ausgespart, im besten Sinne neutral wird über die Region berichtet,
       israelische Siedler kommen ebenso zu Wort wie palästinensische Flüchtlinge.
       Israelische Politiker wie Golda Meir sind ebenso zu hören wie ein scharfer
       Kritiker der ehemaligen Premierministerin, wohlgemerkt ein jüdischer
       Israeli, der Meirs Verhalten nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 mit der Politik
       der Nazis im „Dritten Reich“ vergleicht.
       
       Aus deutscher Sicht mag man bei solchen Vergleichen schlucken. Eine der
       Stärken des Films ist es, zu zeigen, wie es dem schwedischen Fernsehen auch
       wegen der neutralen Position des Landes möglich war, gegensätzliche
       Positionen abzubilden. Stoff für kontroverse Diskussionen bietet er
       unbedingt.
       
       ## Mühsames Erklären der eigenen Intentionen
       
       In Zeiten der „Hyperreaktivität“, um den treffenden Ausdruck der
       Kulturwissenschaftlerin und [1][taz-Kolumnistin Annekathrin Kohout] zu
       verwenden, führen kontroverse, zugespitzte Aussagen allzu oft zu einem
       Online-Shitstorm, dem meist unweigerlich ein mühseliges Erklären der
       eigentlichen Intentionen folgt. Dass diese Muster auch Auswirkungen auf
       Veröffentlichung, auf die Kunst, auf Filme hat, steht außer Frage. Gerade
       das Festivalkino erweist sich oft als ideologisch simpel, rennt gerne
       offenen Türen ein und bestätigt ohnehin vorhandene liberale Positionen.
       
       Wie es anders gehen könnte, diskutieren unter der Überschrift „Agree to
       Disagree? – Zur Bedeutung von Kontroversen in der Filmkultur“ am 14.
       Februar unter anderem die beiden Filmemacher Ruth Beckermann und Radu Jude.
       Gerade [2][Jude, vor einigen Jahren für „Bad Luck Banging or Loony Porn“
       mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet], erweist sich immer wieder als vor
       keiner Kontroverse zurückschreckender Regisseur, der mit seinen Filmen
       verstört, aneckt und im besten Sinne zum Streit anregt.
       
       Wobei Streit ebenso wie der Begriff Kritik nicht automatisch negativ
       verstanden werden sollte, sondern als das, was die Woche der Kritik auch in
       diesem Jahr wieder zu zeigen versucht: als Anlass für eine im besten Fall
       kontroverse, auch hitzige, vor allem aber neue Denkräume eröffnende
       Diskussion. Insofern genau das Gegenteil dessen, was momentan als „soziale
       Medien“ bezeichnet wird.
       
       12 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Meyns
       
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