# taz.de -- Buch des griechischen Ex-Premiers: Tsipras' ewige Reise
       
       > Das Buch von Alexis Tsipras über die Schuldenkrise der Zehnerjahre ist in
       > Griechenland ein Topseller. Plant der Ex-Premier sein politisches
       > Comeback?
       
 (IMG) Bild: Alexis Tsipras 2015 auf einem EU-Gipfel
       
       Sein erstes Buch ist 762 Seiten stark und zugleich als Hörbuch in einer
       Länge von 27 Stunden und 33 Minuten erhältlich, alles bisher nur auf
       Griechisch. Geschrieben ist es so, wie sich der Autor stets in seiner
       Muttersprache ausdrückt: schnörkellos, sachbetont, detailreich. Auch der
       unbewandertste Leser und Hörer soll den Inhalt auf Anhieb verstehen. Der
       Name des Autors: Alexis Tsipras, Ex-Premier von Griechenland, der erste
       linke Regierungschef seit Hellas' offizieller Staatsgründung vor bald 200
       Jahren. Der einprägsame Titel seines Werks lautet: „Ithaka“.
       
       Tsipras hat ein politisches Buch verfasst, das ein sofortiger Publikums-und
       Medienhit in Griechenland wurde: Laut Angaben seines Athener Verlags
       verkaufte man bereits in den ersten Stunden nach Verkaufsstart am 24.
       November 33.000 Exemplare.
       
       Der Buchtitel ist ein direkter Verweis auf eine knapp achtminütige,
       symbolträchtige Fernsehansprache. Tsipras hielt sie im August 2018 auf
       einem Hügel über dem Hafen von Ithaka, der berühmten Insel im Ionischen
       Meer, bei brütender Hitze und strahlend blauem Himmel im blütenweißen Hemd.
       Der damalige Premier verkündete darin den „endgültigen“ Ausstieg des
       Euro-Landes aus den schmerzhaften Sparprogrammen.
       
       Die Griechen bräuchten kein Geld mehr von außen, Hellas habe endlich seine
       „finanzpolitische Souveränität“ zurückgewonnen, sagte Tsipras mit fester
       Stimme. Der damalige Chef des „Bündnis der Radikalen Linken“ („Syriza“),
       Europas damaliger linker Vorzeigepartei, erklärte auf Ithaka den „Beginn
       einer neuen Ära“.
       
       ## Wie bei Merkels Buch: Konterfei und Schlüsselwort
       
       Auf dem Cover von „Ithaka“ prangt Tsipras abermals im blütenweißen Hemd.
       Die Aufmachung – das Konterfei des Autors und ein Schlüsselwort als Titel –
       erinnert an Angela Merkels Buch „Freiheit“. Da passt es ins Bild, dass der
       zunächst als Schreckgespenst in der Eurozone gefürchtete Grieche in seiner
       Amtszeit als Premier nach und nach ein gutes Verhältnis zur
       Ex-Bundeskanzlerin entwickelte, die eine Schlüsselfigur im Umgang mit der
       Griechenlandkrise der Zehnerjahre war.
       
       „Zeit, dass meine eigene Stimme gehört wird“, lässt Tsipras gleich am
       Anfang seines Buches wissen. Darin beschreibt der heute 51-Jährige aus
       seiner Sicht die Ereignisse und Hintergründe, die sich in Hellas und auf
       europäischer Bühne vor allem ab Anfang 2015 ereigneten. Er beleuchtet indes
       auch innenpolitisch den Zeitraum bis 2023, als er nach einer zweiten,
       verheerenden Wahlniederlage bei den Parlamentswahlen enttäuscht den
       Syriza-Vorsitz abgab.
       
       Tsipras' Buch ist persönlich, offen, voller Hintergrundinformationen, mit
       scharfen Beobachtungen über Menschen und Situationen. Der Leser sieht, wie
       Figuren, Egos, Ambitionen und persönliche Entscheidungen die Geschichte
       geprägt haben. Reinen Tisch macht Tsipras mit einstigen Weggefährten,
       Gegnern und allerlei Narrativen samt hartnäckigen Vorwürfen. Wer von
       Tsipras hingegen Selbstkritik erwartet, irrt jedoch.
       
       Tsipras' steiler Politaufstieg fiel in eine turbulente Zeit mit enormen
       ökonomischen und sozialen Verwerfungen. Griechenland war ab dem faktischen
       Staatsbankrott im Frühjahr 2010 von seinen öffentlichen Gläubigern EU, EZB
       und IWF ein rigoroser Austeritätskurs aufgebürdet worden – im Gegenzug für
       die Gewährung von Darlehen von knapp 289 Milliarden Euro. Nach gut fünf
       Monaten an der Macht, einem weltweit Aufsehen erregenden Referendum und
       dramatischen Verhandlungen in Brüssel unterzeichnete der zuvor bekennende
       Spargegner Tsipras im Juli 2015 das dritte griechische Sparprogramm in
       Folge.
       
       Über den historischsten Moment seiner Regierungszeit, die Ausrufung des
       Referendums über die Sparforderungen der Gläubiger-Troika, schreibt
       Tsipras: „Das war meine Entscheidung.“ Zugleich hebt er hervor, dass er
       nicht wollte, dass Griechenland den Euro verlasse. Dies hätten in seiner
       Partei nicht alle Genossinnen und Genossen geteilt. Syriza habe den
       „Eindruck einer ungeordneten Armee erweckt“, ätzt Tsipras und betont: „Ich
       war nicht anti-europäisch. Ich wollte Brücken mit der europäischen Linken
       bauen.“
       
       ## Spott für Varoufakis
       
       Den geläufigen Vorwurf seiner linken Kritiker, wonach er nach dem klaren
       Nein der Griechen im Volksentscheid am 5. Juli 2015 einen politischen
       „Purzelbaum“ vollzogen habe, indem er sich vom Spargegner zum Befürworter
       gewandelt habe, lässt Tsipras nicht gelten. Die Gläubiger in Brüssel,
       Berlin und Paris hätten immerhin „Bedingungen akzeptiert, die für uns
       unabdingbar waren.“ Etwa die Notwendigkeit einer Entschuldung Griechenlands
       sowie Maßnahmen zum Schutz benachteiligter sozialer Gruppen. Noch immer ist
       Tsipras überzeugt: „Die Opfer unseres Volkes waren nicht umsonst wie bei
       den früheren Sparprogrammen.“
       
       Über den schillernden Ex-Finanzminister [1][Yanis Varoufakis], der sich mit
       Tsipras ob der Fortsetzung des Sparkurses überwarf, äußert sich Tsipras in
       seinem Buch abschätzig. Varoufakis habe sich „sehr schnell in einen
       negativen Protagonisten verwandelt“. Schon früh hatte Tsipras für
       Varoufakis nach dessen spektakulärem Ausscheiden aus seiner Regierung bloß
       feinen Spott übrig. Varoufakis, der „offenbar eine Karriere als Autor
       verfolgen“ wolle, „möchte er nur gute Verkaufszahlen wünschen“, trat
       Tsipras damals nach.
       
       Nun ist Tsipras selber bloß Buchautor. Anders als Varoufakis nimmt er dabei
       den einheimischen Minibuchmarkt in den Blick. Womit sich die Frage stellt:
       Wieso weckt Tsipras' opulentes Werk bei den Griechen ein derart großes
       Interesse, zumal die darin beschriebenen Ereignisse lange her sind?
       
       Die Gründe sind vielfältig: Einerseits spricht der damalige
       Politprotagonist schlechthin – Hoffnungsträger für die einen, Reizfigur für
       die anderen – erstmals ausführlich über eine Zeit, die für Griechenland
       unstrittig eine politische, ökonomische und soziale Zäsur darstellt.
       Tsipras polarisiert. Bis heute.
       
       ## Eine Neuausrichtung der „Marke Tsipras“
       
       Ferner stellt „Ithaka“ ganz offensichtlich einen Baustein für eine
       strategische Neuausrichtung der „Marke Tsipras“ dar. „Ithaka“ soll offenbar
       den Weg für Tsipras' politisches Comeback ebnen, nachdem er Anfang Oktober
       überraschend sein Abgeordnetenmandat im Athener Parlament niederlegte und
       Syriza verließ. Tsipras' ungeschriebene Botschaft: „Ich bin zu jung, um in
       den Ruhestand zu treten.“ Das interessiert gleichermaßen treue Fans,
       enttäuschte Ex-Wähler sowie Gegner.
       
       Ob er zeitnah eine neue Partei gründen wird, bleibt abzuwarten. Der
       Zuspruch für eine neue Tsipras-Partei dürfte überschaubar sein: Laut einer
       jüngsten Umfrage würden 9,9 Prozent der Befragten „sehr wahrscheinlich“
       eine Tsipras-Partei wählen, weitere 4,7 Prozent „ziemlich wahrscheinlich“.
       Demgegenüber schließen dies 76,3 Prozent der Befragten kategorisch aus. Der
       Umstand, dass Tsipras ein eigenes Institut gegründet hat, das sich mit
       Zukunftsfragen beschäftigt, ändert daran nichts.
       
       Auf nationaler Ebene will Tsipras die Kräfte im Mitte-Links-Spektrum im
       Kampf gegen die seit fast sieben Jahren herrschende Einparteienregierung
       der konservativen Nea Dimokratia (ND) einen. Schaffen will er dies mit der
       führenden Oppositionspartei Pasok, mit der arg geschrumpften Syriza (in der
       Tsipras bis heute in weiten Kreisen eine Ikone ist) und deren Ableger Neue
       Linke.
       
       Ein rotes Tuch sind für Tsipras hingegen die Parlamentspartei Kurs der
       Freiheit sowie die derzeit außerparlamentarische Kleinpartei Mera25 von
       Varoufakis, ebenfalls im Kern eine Syriza-Abspaltung.
       
       ## Herkulesleistung Staatssanierung
       
       Der Nährboden zur Rückgewinnung der Macht in Athen ist bereitet: Die
       Staatsfinanzen sind saniert, wofür die Regierung Tsipras mit einer
       Herkulesleistung die Weichen stellte. Das Gros der [2][Griechen ist heute
       aber pleite]. Die himmelschreiende Straflosigkeit trotz vieler
       Politskandale, die ungebändigte Teuerung, die grassierende Korruption:
       Viele sind unzufrieden mit der Regierung unter dem neoliberalen Premier
       [3][Kyriakos Mitsotakis].
       
       Dennoch kommt die zersplitterte Athener Opposition auf keinen grünen Zweig.
       Auch dafür trägt Tsipras eine große Verantwortung. Geradezu mythisch mutet
       daher seine Anmerkung über sein Buch an, Ithaka sei kein Ziel, sondern
       „eine ewige Reise“. Anders als in Homers Odyssee ist unklar, ob Tsipras
       sein Reiseziel erreicht.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ferry Batzoglou
       
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