# taz.de -- Neue Serien auf der Berlinale: Inseln, Intrigen und Immobilienhaie
       
       > Die Berlinale setzt in ihrem Serienprogramm auf europäische Produktionen.
       > Gänzlich abwesend waren aber große Highlights. Vier Serien im Porträt.
       
 (IMG) Bild: „Herr der Fliegen“, von der Schullektüre zur Serie
       
       Es geht auch ohne die USA. Das möchte uns wohl die Auswahlkommission der
       [1][Berlinale Special Sektion], die für die Serien auf dem Berliner
       Filmfestival zuständig ist, zu verstehen geben. Während der hiesige Markt
       noch immer von US-amerikanischen Produktionen dominiert wird, setzt die
       Berlinale – mit einer chilenischen Ausnahme – gänzlich auf europäische
       Serien.
       
       Doch nicht nur die USA fehlen im Programm, auch auf echte Highlights hat
       die diesjährige Berlinale verzichtet. In den letzten Jahren haben Premieren
       von „Better Call Saul“ oder auch deutsche Produktion wie „4 Blocks“ oder
       „Der Schwarm“ für Aufsehen gesorgt. Dieses Jahr ist mit [2][„Lord of the
       Flies“] die größte Produktion nicht einmal eine Weltpremiere, die Serie ist
       in Großbritannien längst bei der BBC zu streamen. Die Folge der fehlenden
       Highlights sind zum Teil halb gefüllte Kinosäle. Schade, denn auch das
       diesjährige Programm zeigt: Serien haben durchaus einen Platz auf der
       großen Leinwand verdient.
       
       ## Fliegende Funken
       
       Es ist die klassische Geschichte der verbotenen Liebe, der Starcrossed
       Lovers. Als sich Shannon (Emma Laird) und Arran (Ben Loyle-Carner) am
       Bahnsteig eines kleinen schottischen Bahnhofs gegenüberstehen, ist es
       zumindest für Emma Liebe auf den ersten Blick. Getrennt vom Gleisbett
       grinsen sie sich an, er imitiert ihre Bewegungen und das hat etwas kindisch
       Liebevolles. Offensichtlich ist auch Arran bezaubert von Shannons
       glitzernden Augen. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass buchstäblich
       Funken über die Bildfläche tanzen, sobald sie Blicke austauschen.
       
       Die 22-Jährige sucht Nähe, die ihr bevormundender Vater Dylan (Sam Riley)
       ihr, was Männer angeht, verweigert. Denn, dass sie mit den falschen Typen
       in Kontakt kommt, kann er nicht riskieren. Dylan ist der Kopf einer
       mächtigen Gangsterfamilie, Shannons Oma (Lindsay Duncan) die
       matriarchalische Strippenzieherin im Hintergrund. Was genau die Familie und
       ihre Handlanger machen, ist unklar, außer dass sie offenbar einen Haufen
       Kohle verdienen und ihren Gegnern öfter mal aufs Maul hauen müssen.
       Blöderweise ein Mitglied der rivalisierenden Gang: Arran.
       
       Die abgewandelte Erzählung der Montagues und Capulets bekommt mit Charlotte
       Regans – stellenweise etwas langatmigem – „Mint“ eine visuell eigenwillige
       Übersetzung. Gerade wenn Emma und Arran allein sind, geht das Geschehen in
       fragmentarische Bildschnipsel über, teils gestochen scharfen, teils altes
       Camcorder-Material, harte Schnitte, extreme Nahaufnahmen, die sich mit
       surrealen Elementen zu einer Collage zusammensetzen. Plötzlich sind sie an
       einem anderen Ort als noch wenige Sekunden zuvor, isoliert von der Welt,
       nur um im nächsten Moment wieder im schottischen Dorf zu landen. Dann
       schweben sie, vom Liebesrausch beflügelt, durch die Luft.
       
       In genau diesen Momenten sind Shannon und Arran frei von dem, was ihre
       Umstände ihnen vorschreiben wollen. Bis die Realität wieder einbricht und
       eine Waffe an Arrans Schläfe gerichtet wird.
       
       ## Die Jungs auf der Insel
       
       Was geschieht, wenn eine Gruppe Jungs allein auf einer einsamen Insel ist,
       auf der die üblichen gesellschaftlichen Konventionen nicht gelten und sie
       von dunklen Trieben geleitet werden? Nichts Gutes. Das weiß auch „Lord of
       the Flies“, der neueste Versuch, den literarischen Stoff von William
       Golding aus dem Jahr 1954 filmisch umzusetzen. Diesmal als vierteilige
       Miniserie.
       
       Nach einem Flugzeugabsturz müssen sich die überlebenden Jungen im Alter von
       etwa 6 bis 12 Jahren auf einer sonst menschenleeren Südseeinsel
       zurechtfinden. Schnell ist mit Ralph (Winston Sawyers) ein beliebter
       Anführer gewählt, auch wenn Jack (Lox Pratt) sich eigentlich für den Posten
       interessierte. Schließlich gibt er sich als Jagdchef zufrieden. Der
       unmittelbar liebenswürdige und pragmatische Piggy (David McKenna)
       schlichtet zwischen den beiden und kümmert sich um logistische Fragen: Wer
       schützt die „Littluns“, die Kleinen? Welche Regeln gelten bei den
       Versammlungen? Wie soll Trinkwasser gelagert werden? Und wo die Toiletten
       eingerichtet?
       
       Es ist McKennas Schauspieldebüt und das ist kaum zu glauben, so
       selbstverständlich und natürlich liefert er seine Zeilen. Überhaupt ist
       dieser Kindercast schauspielerisch fantastisch.
       
       Für die Neuinterpretation des Romans ist Jack Thorne verantwortlich, der
       bereits als Drehbuchautor der Netflix-Erfolgsserie „Adolescence“ bekannt
       ist. Gemeinsam mit Regisseur Mark Munden erkundet er in „Lord of the Flies“
       erneut die Abgründe der jungen männlichen Psyche. Es dauert nicht lange,
       bis diese nach den anfänglichen Abenteuergefühlen an die Oberfläche treten.
       Jack stempelt die vernünftigen Entscheidungen von Piggy und Ralph schnell
       als langweilig ab und gründet ein zweites Camp, das mehr Spaß versprechen
       soll. Doch dessen Mitglieder, die alle zur Jägertruppe gehören, verfallen
       bald einem Blutdurst.
       
       Die eindringliche Musik, die spürbare Hitze sowie allgegenwärtiger Schweiß
       und Dreck tragen dazu bei, dass sich ein Unwohlsein beim Zusehen einstellt.
       Sicherlich ist daran auch die Bestie schuld, die die Kleinen in der Nacht
       ausgemacht haben wollen. Die Größeren lachen sie deshalb aus und reden
       ihnen ein, sie hätten das nur geträumt. Doch dann sehen auch sie etwas im
       Wald lungern.
       
       ## Literarisches Vorbild
       
       Es gibt literarische Stoffe, die so viele Bilder im Kopf entstehen lassen,
       dass eine Verfilmung es schwer hat, gegen die Bilder im Kopf anzukommen.
       „Geisterhaus“ der chilenischen Bestsellerautorin Isabel Allende von 1982
       ist so eines. Mittels einer Familiensaga erzählt Allende die Geschichte
       Chiles des 20. Jahrhunderts. Und zwar gleichermaßen fantasievoll,
       humoristisch und grausam. In ihrem Roman, der dem magischen Realismus
       zugerechnet wird, entwirft sie eine Welt in allen Farben, die man sich nur
       vorstellen kann.
       
       Die achtteilige Serie von und mit Francisca Alegría will diese Geschichte
       nun auf die Leinwand bringen. Ein erneuter Versuch – in den 1990er Jahren
       gab es schon eine Verfilmung mit Meryl Streep. Die Serie bleibt nah am
       literarischen Vorbild und zeigt, wie die Oberschichtsfamilie Trueba mit
       politischen Intrigen und gesellschaftlichen Umschwüngen umgehen muss.
       
       Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive der Enkeltochter Alba. Sie
       entdeckt die Tagebücher ihrer Großmutter Clara und lernt damit nicht nur
       die Geschichte der Familie kennen, sondern auch, dass Clara übernatürliche
       Fähigkeiten hatte. Sie konnte mit Toten sprechen, Unglücke vorhersehen und
       durch Gedankenkraft Gegenstände bewegen.
       
       Im Original ist die Handlung komplex, was durch die fantasievolle Sprache
       gebrochen wird. Mit diesem Erzählton kann die Serie leider nicht mithalten.
       Es macht zwar Spaß, das bunte und detaillreiche Szenenbild anzugucken, doch
       die Elemente des magischen Realismus – die das Buch ausmachen – sind oft
       etwas plump umgesetzt. Ohnehin übertreibt die Serie den Einsatz der
       dramatischen Mittel: Der Wind pfeift ohrenbetäubend laut, lässt Fenster
       knallen und Kinder zittern. Die musikalische Untermalung nimmt jede
       Überraschung vorweg und möchte die Gefühlswelt der Zuschauer_innen
       diktieren.
       
       Wer sich davon nicht stören lässt, entdeckt, dass das Hauptthema Allendes
       Geschichte nicht aktueller sein könnte: der dringend notwendige Widerstand
       gegen das Patriarchat.
       
       ## Immobilienhaie in Barcelona
       
       Es sind noch ein paar Stunden, bevor das Restaurant sein 100. Jubiläum
       feiert. In einem kurzen Moment der Ruhe setzt sich die Großfamilie am
       Mittag um den gedeckten Tisch, stößt mit Rotwein an. Denn es gibt noch
       einen weiteren Grund zu feiern, den Sohn Àlex (Enric Auquer) seinen Eltern
       verkündet. Das Restaurant „Can Mosques“ in Barcelona-Raval, das sie seit
       Jahrzehnten leitet, wird bald ihres sein. Mit der Hilfe von Investoren
       können sie den Laden kaufen. Die Stimmung ist feierlich: Endlich gehört der
       Familie, was ohnehin längst zu ihnen gehört.
       
       Doch die Freude ist nicht von langer Dauer. Klar ist die katalanische Serie
       keine Familienkomödie, sondern eine Verbrecherserie. Und in „Ravalear“ sind
       die Verbrecher diejenigen, die auch in der Realität die Großstädter_innen –
       nicht nur in Barcelona – in Angst und Schrecken versetzen: Immobilienhaie.
       Denn der Deal mit den Investoren platzt, das Haus geht an einen
       Immobilienriesen und das Restaurant soll plötzlich das sechsfache an Miete
       bezahlen.
       
       Dass es sich nicht lohnt, mit legalen Mitteln gegen solche Verbrecher
       vorzugehen, ist schnell klar. Deswegen sucht die Familie andere Wege, um
       ihr Restaurant zu erhalten.
       
       Ravalear wirkt nicht wie ein klassischer Krimi, sondern streckenweise wie
       eine Doku über die Vernichtung einer Großstadt. Echte Aufnahmen aus den
       Straßen Ravals, bei denen die Augen der Passanten verpixelt werden,
       verstärken diesen Eindruck. Serienmacher Pol Rodríguez wurde von der
       Geschichte des Restaurants seiner Familie inspiriert, dass nach 90 Jahren
       schließen musste. Diesem wahren Hintergrund ist es wohl zu verdanken, dass
       diese Serie nicht nur emotional berührt, sondern auch ein kämpferisches
       Gefühl hinterlässt: Wir müssen uns schon wehren, wenn wir wollen, dass sich
       etwas ändert.
       
       19 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Carolina Schwarz
       
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