# taz.de -- Versicherungsbetrug in China: Geschäftsmodell Psychiatrie
       
       > In der Provinz Hubei haben psychiatrische Krankenhäuser angebliche
       > „Langzeitpatienten“ gefangen gehalten, um Versicherungsgelder zu
       > kassieren.
       
 (IMG) Bild: Ob das alles so freiwillig ist in diesem Therapiekreis?
       
       Das chinesische Gesundheitssystem wird regelmäßig von Korruptionsfällen
       geplagt, doch der jüngste Skandal ist besonders grausam. Mehrere
       psychiatrische Kliniken in der zentralen Provinz Hubei haben gezielt
       Senioren als Langzeitpatienten rekrutiert – unter dem Versprechen,
       kostenlos Unterkunft und Verpflegung zu erhalten. Dann wurden die scheinbar
       Kranken wie „Cashcows“ gemolken, wie es in den Berichten der chinesischen
       Presse heißt.
       
       Aufgedeckt hat den Missstand die Pekinger Tageszeitung The Beijing News.
       Ein Reporter hat sich über Monate hinweg als Pflegekraft ausgegeben und
       seine Konversationen in den Krankenhäusern mit versteckter Kamera gefilmt.
       Herausgekommen ist einer der größten Versicherungsbetrüge in der jüngeren
       Geschichte des Landes.
       
       Gezielt haben die Kliniken ihre Opfer in den umliegenden Dörfern rekrutiert
       – und sich gezielt greise Senioren ausgesucht, die wenig mobil waren.
       Anschließend haben die Ärzte ihren Scheinpatienten falsche Diagnosen und
       Behandlungsmethoden ausgestellt, auch wenn die Leistungen nie erbracht
       wurden. Ziel der Psychiatrien war es, ihre „Cashcows“ so lange wie möglich
       im Betrieb zu halten.
       
       Und dies geschah auch unter Zwang und körperlicher Gewalt. Das medizinische
       Personal übte brutale Foltermethoden aus – von Tritten bis hin zu Prügel
       mit Wasserrohren. Mindestens eine Person, ein alkoholkranker Mann, beging
       Suizid, nachdem er gegen seine Zwangseinweisung keine Berufung einlegen
       konnte. „Sie sperren dich von morgens bis abends ein“, sagte ein
       verzweifelter Scheinpatient dem verdeckten Reporter von The Beijing News.
       
       Das Ausmaß der Versicherungsbetrüger lässt sich zwar seriös nicht
       abschätzen, doch allein im Landkreis Xiangyang, einem der betroffenen
       Gebiete, liegt die Anzahl an psychiatrischen Krankenhäusern laut
       Lokalmedien über zehnmal höher als im Landesdurchschnitt. „Überall sind
       psychiatrische Krankenhäuser wie Pilze aus dem Boden geschossen, ähnlich
       wie lokale Nudelläden“, heißt es in einem Kommentar.
       
       „Besonders ironisch ist, dass die „Scheinpatienten“ Betten belegen und
       Ressourcen verbrauchen, [1][während Menschen mit tatsächlichen psychischen
       Störungen, die wirklich Behandlung benötigen, keine Krankenhausplätze
       finden können]“, kritisiert der Politkkommentator Yanshu auf seinem Blog.
       
       ## Recherche erinnert an die goldenen Zeiten
       
       Der Skandal ist auch aus journalistischer Perspektive hochspannend. Denn
       die Recherche erinnert an die goldenen Zeiten des chinesischen
       Investigativjournalismus während der Nullerjahre, als unerschrockene
       Reporter der politischen Repressionen trotzten und gesellschaftliche
       Missstände aufdeckten – von geheimen Arbeitslagern bis hin zu korrupten
       Parteikadern.
       
       Seit Xi Jinping jedoch an der Macht ist, [2][hat die staatliche Zensur
       massiv zugenommen.] Der 72-jährige Parteivorsitzende hat die Medien dazu
       verdonnert, „positive Energie“ zu verbreiten. Heikle Recherchen,
       insbesondere gegen die Zentralbehörden, sind längst nicht mehr möglich.
       Aufmüpfige Medien riskieren ihre Publikationslizenz und hohe Geldstrafen,
       einzelne Reporter gar ihre körperliche Freiheit.
       
       Diesmal jedoch lassen die Behörden einen öffentlichen Diskurs zu – wohl
       auch, weil die Partei eine flächendeckende Untersuchung des Falls
       angeordnet hat. Insofern gibt die Causa auch einen aktuellen Einblick in
       den Umgang der Parteiführung mit sensiblen Informationen: Diese werden
       immer dann geduldet, wenn sie mit einem positiven „Spin“ versehen werden
       können. In diesem Fall lautet er: Private Kliniken in der Provinz handeln
       aus Geldgier, doch die Zentralregierung nimmt sich des Problems der
       Korruption an.
       
       Doch die meisten Betrugsfälle erreichen nur selten das Licht der
       Öffentlichkeit. So kommt es – gerade in den ländlichen Gebieten – immer
       wieder vor, dass Ärzte auf Schmiergelder bestehen, um Patienten zu
       behandeln. Ebenso ist es nicht unüblich, dass große Krankenhausketten
       geheime Verträge mit Pharmaunternehmen eingehen – um ihren Patienten
       gezielt deren Medikamente zu verschreiben, selbst wenn alternative Produkte
       bessere Chancen auf Heilung bieten.
       
       6 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Chinesische-App-fragt-ob-du-noch-lebst/!6145248
 (DIR) [2] /Aktivist-und-Verleger-Jimmy-Lai-in-Hongkong-schuldig-gesprochen/!6138319
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) China
 (DIR) Menschenrechte
 (DIR) Psychiatrie
 (DIR) Versicherung
 (DIR) Betrug
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) China
 (DIR) Freihandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Energiewende in Asien: China und Indien wenden sich von fossilem Strom ab
       
       Die Stromproduktion in China und Indien ist ein Treiber globaler
       Emissionen. Das ändert sich nun: In beiden Ländern sank 2025 die fossile
       Strommenge.
       
 (DIR) Cyberkriminalität und Todesstrafe: China exekutiert elf Onlinebetrüger
       
       Die Angehörigen eines Mafia-Clans wurden von Rebellen in Myanmar gefangen,
       die China zu einer Offensive gegen die Militärjunta ermuntert hatte.
       
 (DIR) Abkommen zwischen der EU und Indien: Lieber zu viele Partner als zu wenige
       
       Die Handels- und Sicherheitsabkommen zwischen der EU und Indien setzen auch
       geopolitische Zeichen. Im Zentrum stehen Russland, Pakistan und die USA.