# taz.de -- Mara Wohnhaas im GAK Bremen: Der Teufel steckt im Detail
       
       > Sand im Getriebe: Mara Wohnhaas’ Arbeiten im Bremer Kunstverein
       > Gesellschaft für Aktuelle Kunst e. V. verhandeln Brüche und Störungen.
       
 (IMG) Bild: Flache, aneinandergereihte Aluminiumplatten fügen sich zur Skulptur „A“ (2026) zusammen
       
       Fast wie Designobjekte stehen sie dort und bespielen die gesamte
       Ausstellungsfläche. Zwei massive rechteckige Holzskulpturen, die sich wie
       Fußballtore gegenüberstehen, sind in der Raummitte im Kunstverein
       Gesellschaft für Aktuelle Kunst e. V. (GAK) in Bremen platziert. Aus der
       Ferne sehen sie perfekt verarbeitet aus: außen Mahagoniholz, in der hohlen
       Innenseite sind sie mit gestreiften Jacquardstoff überzogen. Ihre Bedeutung
       ist nicht unmittelbar zu erkennen.
       
       Wohnhaas’ Arbeiten verhandeln Brüche und Störungen. Das Spiel mit Seh- und
       Denkgewohnheiten ist dabei zentral. In ihrer zweiteiligen Show „What do we
       want that seduces us“ und „The Anecdote“ in der GAK liegt die Störung im
       Detail, im nahezu Unsichtbaren. Das fordert die Besucher*innen auf,
       sich Zeit zu nehmen, um die Arbeiten wirken zu lassen und zu entschlüsseln
       – fast so, als müsste man durch ein Nadelöhr auf ihre Praxis blicken.
       
       Die beiden Holzskulpturen mit demselben Titel „What do we want that seduces
       us“ sehen makellos aus und erinnern an Minimal Art. Doch bei näherer
       Betrachtung sieht man, dass das Holz nur aus einer ganz dünnen Platte
       besteht, die bunten Streifen im Inneren der Korpusse subtil in ihrer Breite
       variieren und an einigen Stellen Bläschen unter dem Stoff aufploppen. Der
       perfekte Schein trügt.
       
       Die Vorlage der Objekte geht auf ein Foto einer Bühnenkonstruktion aus
       einem alten Zauberkatalog zurück. Am Anfang ihrer Arbeiten steht oft ein
       scheinbar bedeutungsloser Ausgangspunkt, wie das Foto aus dem Archiv, das
       die Künstlerin aufgreift, aus seinem Kontext löst und neu interpretiert.
       
       Diese historischen Referenzen sind jedoch keineswegs willkürlich. In diesem
       Fall verändert die Künstlerin die Logik des Mahagoniholzes. Dieses wird
       häufig als königliches Holz bezeichnet, ist ein Edelholz aus Mittel- und
       Südamerika und prägte den Möbelbau im Barock, Empire und Biedermeier.
       Aufgrund seiner Beliebtheit und des daraus resultierenden Raubbaus ist das
       Holz heute geschützt. Das Furnier, das Wohnhaas für ihre Arbeit nutzt, ist
       ein Überbleibsel aus den 60er Jahren. Nach dem Abflachen des Trends sind
       heute noch viele Bestände zu finden. Indem Wohnhaas das Material in den
       Ausstellungsraum bringt, hinterfragt sie dessen Wert und Wandel.
       
       ## Markierung im Raum
       
       Während der erste Teil der Ausstellung sich an der Dramaturgie einer Bühne
       orientiert, greift der zweite das Innenleben, also die Handlung auf. Die
       Skulptur „A“ (2026) im zweiten Teil „The Anecdote“ besteht aus flachen,
       aneinandergereihten Aluminiumplatten, die übereinander geschichtet eine
       X-Form bilden. Je nach Standpunkt lässt sich die Skulptur unterschiedlich
       lesen: als abstrahierte Figur, als Zeichen oder Markierung im Raum. Würde
       man die Konstruktion auseinandernehmen und die einzelnen Platten direkt
       aufeinanderlegen, entstünde ein Rechteck.
       
       Auch die antiken kleinen runden Bronzen mit dem Titel „The nails are truer
       than anything you can hang on them“ (2026) operieren mit Momenten der
       Täuschung. Ihre Oberfläche ist von Metalloxid gezeichnet; das braune
       Material ist von türkisen Spuren durchzogen. Aus der Distanz scheinen die
       Bronzeplättchen an Nägeln an der Wand zu hängen. Der Nagel ist aber eine
       Attrappe – ein Detail, das sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt.
       
       Das Video im letzten Raum nähert sich erneut dem Thema der
       Bedeutungsschöpfung. Die Arbeit „Anecdote“ (2024) zeigt eine Hand, die eine
       2-Euro-Münze in die Luft schnippt. Sie verschwindet am oberen Bildrand, als
       sie wieder nach unten fällt, sieht man erst bei genauerem Hinschauen, dass
       aus der echten Münze Falschgeld geworden ist. Das Video wurde als
       kollaborative Arbeit während Wohnhaas’ Kunststipendiums in Wisconsin, USA,
       gedreht, als Trump auf seiner Wahlkampfveranstaltung angeschossen wurde.
       
       Dass die Arbeit an diesem Tag entstand, ist Zufall. Und doch kann man
       Wohnhaas’ Praxis durchaus als Gegenwartskritik lesen. Ob Trump, Social
       Media oder die aufsteigende Rechte: Die Gefahr durch Desinformation wird
       immer größer. Entscheidend sind dabei nicht nur die anderen, sondern auch
       wir selbst. Wir sind es, die Lüge und Wahrheit unterscheiden müssen, die
       nachbohren müssen und uns nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben
       sollten.
       
       Und so sind es weniger bestimmte Themen oder Objekte, die den roten Faden
       in Wohnhaas’ Werken liefern. Die Kunstwerke wirken selbst wie eine Störung.
       Vielmehr liegt die Qualität im Spiel mit der eigenen Wahrnehmung. Und der
       kritischen Frage: Sehen wir, was wir sehen wollen? Oder sind wir bereit,
       genauer hinzuschauen?
       
       4 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Theresa Weise
       
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