# taz.de -- Medizin für Frauen ab 40: Krankheiten haben kein Mindestalter
       
       > Sobald Frauen eine bestimmte Altersgrenze überschreiten, ist beim Arzt
       > jedes Symptom plötzlich hormonell. Ein Fall von Medical Gaslighting?
       
 (IMG) Bild: Achtung Einschlag: „Sie sind jetzt eine Frau über 40.“
       
       Endlich ist sich die Medizin mal einig. Ich habe eine neue Diagnose
       erhalten. Ich bin [1][jetzt eine Frau] über 40. Ob Kreislaufprobleme oder
       schmerzender Knöchel, egal ob Hausärztin, Hautarzt oder Neurologe, egal mit
       welchem Leiden ich in welche Arztpraxis komme, früher oder später schaut
       mich jemand an mit diesem Blick.
       
       Dieser Blick, bei dem der Kopf leicht gesenkt ist, die Mundwinkel zu einem
       mitleidigen Lächeln hochgezogen und die Augen ein Stückchen weiter geöffnet
       sind als sonst. Um zu zeigen, dass jetzt ein wichtiges Geheimnis geteilt
       wird: Es ist das, was Schauspieler mit ihren Augen machen, wenn sie die
       Einzigen sind, die wissen, dass der Komet gleich einschlägt, der T-Rex frei
       herumläuft oder sie schlechte Nachrichten aus der Zukunft überbringen.
       
       Nur eben in Kombination mit Kopf in defensiver Senkung und Mitleidsmund.
       Und dieser ganze Mimikaufwand wird betrieben, um folgenden Satz zu sagen:
       „Sie sind jetzt eine Frau über 40.“
       
       „Frau über 40“ ist ein sehr [2][vielfältiges Krankheitsbild], und so gut
       kennt man sich damit auch nicht aus (gibt es noch nicht so lange und kann
       höchstens die Hälfte der Bevölkerung treffen), aber einmal diagnostiziert,
       ist es offensichtlich der Grund für fast alle Probleme, die ein Körper
       haben kann. Damit ist auch gesagt: „Dafür sind wir nicht zuständig. Wenden
       Sie sich bitte an Ihre Gynäkologin.“
       
       ## Medical Gaslighting im Alltag
       
       Die Vermutung ist: Der schmerzende Knöchel, die ständigen Kopfschmerzen
       oder Kreislaufprobleme, das alles könnten Wechseljahrsbeschwerden sein.
       Schon möglich. Viel wahrscheinlicher jedoch in meinem Alter (die
       Ü40-Diagnose ist noch frisch) und vor allem bei dem Wissen über meinen
       eigenen Körper ist jedoch: eher nicht. Um den Symptomen auf den Grund zu
       gehen, sollten wir etwas [3][tiefer in meine Krankenakte] schauen, als nur
       bis zum Geburtsdatum.
       
       Viele Gruppen erfahren Medical Gaslighting, werden also in der Praxis nicht
       ernst genommen, wenn sie ihre Beschwerden beschreiben. Laut Studien: Frauen
       – einfach, weil sie Frauen sind. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen
       werden körperliche Leiden vorschnell in den seelischen Bereich geschoben
       und bei dicken Menschen liegt erst mal alles am Gewicht.
       
       Das Besondere an der Form von Medical Gaslighting, die alle Menschen
       trifft, die die Frau-Ü40-Diagnose bekommen können – ob das ihrer
       Geschlechtsidentität entspricht oder nicht –, ist, dass hier mal eine
       positive Entwicklung der Grund ist: Es wird mehr über Menopause und
       Perimenopause gesprochen, und es gibt ein größeres Bewusstsein dafür, dass
       Wechseljahrsbeschwerden diverser sind als so manche Flinta*-Party.
       
       Sie zeigen sich nicht nur in Form von Hitzewallungen und Schlafstörungen,
       sondern tauchen mal als Gelenkschmerzen oder Blasenentzündung auf. Die
       lange Liste der Symptome macht mir Brainfog. Wobei das auch ein
       Perimenopausen-Symptom ist. Ich kann in meinem Alter also nicht genau
       sagen, wo das jetzt herkommt.
       
       Die Sache ist: Krankheiten verschwinden nicht einfach so, wenn frau über 40
       ist. Krankheiten sind keine Filmhauptrollen. Deshalb lohnt es sich zu
       schauen, was sonst noch so los sein könnte im Körper. Leider können
       Gynäkolog*innen ab einem gewissen Alter der Patient*innen jedes
       gesundheitliche Problem nicht mit magischen Hormonen lösen.
       
       6 Feb 2026
       
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