# taz.de -- Vorgezogene Wahlen in Japan: Totgesagte Partei mit besten Chancen der Wiederauferstehung
       
       > Bei den Wahlen in Japan wird laut Umfragen die konservative Koalition von
       > Premierministerin Sanae Takaichi gewinnen. Die spielt geschickt mit ihrem
       > Image.
       
 (IMG) Bild: Eine Person geht in Tokio an Postern von Kandidaten für die Unterhauswahl am 8. Februar vorbei
       
       Die riskante Wette von [1][Japans Regierungschefin Sanae Takaichi], nur
       vier Monate nach ihrem Amtsantritt [2][eine vorgezogene Neuwahl
       anzusetzen], scheint aufzugehen. Gemäß der letzten Umfragen dürfte ihre
       Liberaldemokratische Partei (LDP) am Sonntag die absolute Mehrheit
       erreichen. Zusammen mit ihrem Koalitionspartner, der
       Japan-Erneuerungspartei, könnte sie sogar mehr als zwei Drittel der Mandate
       gewinnen. Bisher regierte die Koalition nur mit einer hauchdünnen Mehrheit.
       
       Die 64-jährige Konservative machte die Wahl zu einer Abstimmung über ihre
       Person und ihren nationalistischen „Kurswechsel“ in der Politik. Unter dem
       Slogan „Für ein starkes und wohlhabendes Japan“ betonte die
       Regierungschefin bei ihren Auftritten vor allem ihre „proaktive“
       Fiskalpolitik mit höheren Staatsausgaben zur Stärkung der Wirtschaft. „Ich
       werde den Trend zum Sparen und zu wenig Investitionen beenden“, versprach
       sie.
       
       Beobachter erklären Takaichis große Beliebtheit damit, dass sie das Primat
       der alten Männer in Japans Politik beendet hat. Auch ihr Aufstieg aus einer
       Angestelltenfamilie in Japans höchstes Amt beeindruckt. Zum anderen spielt
       sie geschickt mit dem Image einer Karriere-Powerfrau, die auch niedlich
       sein kann und über Mode und Kosmetik spricht.
       
       Auf der Plattform X [3][folgen ihr] 2,6 Millionen, 40-mal mehr als ihrem
       Oppositionsrivalen Yoshihiko Noda. Ein Youtube-Video von Takaichi [4][auf
       dem Kanal der LDP] erreichte in neun Tagen 118 Millionen Zuschauer. Clips
       über ein Schlagzeugspiel mit Südkoreas Präsidenten Lee und ein
       Geburtsständchen auf Italienisch für Ministerpräsidentin Georgia Meloni
       gingen viral.
       
       ## Takaichi gelang ein Imagewandel der alten LDP
       
       Die Bilder sprechen viele junge Japaner an, die traditionell unpolitisch
       sind. „Die erste Frau in diesem Amt ist ein Symbol für den Wandel der
       Gesellschaft“, meinte eine Oberschülerin [5][bei einer Fernsehdiskussion].
       Dem Sender Fuji TV [6][sagte ein Student], er habe den Eindruck, dass
       Takaichi „mit enormer Energie über die Zukunft Japans nachdenkt“.
       
       Die Opposition konnte dieser Dynamik offenbar wenig entgegensetzen. Die
       Konstitutionell-Demokratische Partei (CDP) und die buddhistische
       Komei-Partei schlossen sich zwar überraschend zur Zentristischen
       Reform-Allianz zusammen. Sie stellt sich als Partei der Mitte dar, die den
       Sozialstaat ausbaut und auf Diplomatie in der Außenpolitik setzt.
       
       Was wie ein guter Schachzug aussah, scheint aber nicht zu funktionieren.
       Die Komei-Partei kann ihren Anhängern wohl nur schwer vermitteln, warum sie
       nach 26 Jahren Koalition mit der LDP, die erst im Oktober endete, plötzlich
       in einem Boot mit dem alten politischen Gegner CDP sitzt.
       
       Dennoch kommt die Aussicht auf einen Erdrutschsieg der LDP überraschend.
       Die Partei, die Japan seit 70 Jahren fast ununterbrochen regiert, [7][lag
       im Herbst nach dem Rücktritt von Premier und Parteichef Shigeru Ishiba am
       Boden.] Bei zwei Wahlen hatte die LDP erstmals ihre absolute Mehrheit in
       beiden Parlamentskammern verloren.
       
       ## Fast vergessen: Schwarze Kassen von LDP-Abgeordneten
       
       Denn LDP-Abgeordnete hatten schwarze Kassen angelegt und sich von der
       südkoreanischen Vereinigungskirche (Moon-Sekte) unterstützen lassen. Auch
       Takaichi soll laut einem Zeitungsbericht von der sektenähnlichen
       Organisation indirekt Geld genommen haben. Sie dementierte jedoch jegliche
       Kontakte.
       
       Zugleich war die LDP in den vergangenen Jahren in die Mitte gerückt und
       hatte ihre rechte Flanke für Rechtspopulisten geöffnet, darunter die
       Sansei-Partei, die mit ihrem ausländerfeindlichen Slogan „Japaner zuerst“
       viele Wähler anzog. Die LDP hob Takaichi im Oktober auf den Schild, um ihr
       konservatives Image zu stärken und mit ihrem frischen Gesicht die Skandale
       vergessen zu machen. Dieses Kalkül scheint funktioniert zu haben.
       
       5 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Konservative-Premierministerin/!6122451
 (DIR) [2] /Vorgezogene-Wahlen-in-Japan/!6145945
 (DIR) [3] https://x.com/takaichi_sanae
 (DIR) [4] https://youtu.be/yLx9Rs0h9Ao?si=vPFL3u6NNqKwMdFa
 (DIR) [5] https://live.nicovideo.jp/watch/lv349695044
 (DIR) [6] https://youtu.be/pwLI_EdxYfo?si=SiB93QpniB-8lQ_L
 (DIR) [7] /Regierungskrise-in-Japan/!6119372
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Fritz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Japan
 (DIR) Sanae Takaichi
 (DIR) Liberaldemokraten
 (DIR) Unterhaus
 (DIR) Parlamentswahl
 (DIR) Podcast „Fernverbindung“
 (DIR) China
 (DIR) Japan
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Arbeitskultur in Japan: Wie kämpft Japans Jugend gegen die Überarbeitung?
       
       Seit dem Suizid der 24-jährigen Matsuri Takahashi vor zehn Jahren verändert
       sich der japanische Diskurs um Arbeit. Ist er stärker als die Tradition?
       
 (DIR) Japanische Popsängerin Ayumi Hamasaki: Vor leeren Sitzen, mit Liebe
       
       Weil die japanische Premierministerin die Regierung in Peking hart
       kritisiert, reagiert die mit einem Kulturboykott. J-Pop-Queen Ayu sang
       trotzdem.
       
 (DIR) Trump in Tokio: „Goldenes Zeitalter“ für gegenseitige Schmeicheleien
       
       In Japan demonstriert US-Präsident Trump Nähe zur neuen Premierministerin
       Sanae Takaichi – und lässt vor dem Treffen mit Xi Jinping die Muskeln
       spielen.