# taz.de -- Synodaler Weg: Reformen ohne Rechenschaft
> Sechs Jahre Synodaler Weg tun der Macht der Bischöfe keinen Abbruch.
> Mitreden ist erlaubt, Mitentscheiden nicht.
(IMG) Bild: Bischöfliche Rückendeckung: Georg Bätzing unterstützt die Forderungen nach Maßnahmen gegen Diskriminierung in der Kirche
Der Synodale Weg sollte aus der Missbrauchskrise Konsequenzen ziehen. Doch
bei Kontrolle, Rechenschaft und Machtteilung stößt der Reformprozess an
seine Grenzen. Die Mitglieder der Versammlung beraten über das Monitoring
der Reformen – wer setzt sie um und wer nicht. Sich in den eigenen
Bistümern kontrollieren zu lassen, stößt indes auf breiten Unwillen. Das
wird zum Ende der sechsten Synodalversammlung, des Reformprozesses der
katholischen Kirche, sehr deutlich.
Doch was haben die letzten Jahre des Reformprozesses gebracht, wenn keine
Rechenschaft bei den Mächtigen eingefordert werden kann. Seit 2019 beraten
rund 230 Delegierte in der Synodalversammlung. Ausgelöst wurde der Prozess
nicht aus Erneuerungseifer, sondern durch [1][sexualisierte Gewalt und
jahrzehntelange Vertuschung]. Die von der Deutschen Bischofskonferenz
beauftragte [2][Studie] zeigte, was Missbrauch in der Kirche begünstigt:
asymmetrische Machtverhältnisse, hierarchische Abschottung, Intransparenz,
Klerikalismus sowie der Umgang mit Zölibat und Sexualmoral. Das war der
Ausgangspunkt.
Drei Jahre lang wurde diskutiert und beschlossen. Als die fünfte
Synodalversammlung 2023 endete, lagen Texte vor, die kleine Veränderungen
ermöglichen. [3][Frauen] können in einigen Bistümern die Taufe spenden, und
das kirchliche Arbeitsrecht hat sich verbessert. Kleine
Kompromissvorschläge, die vielen nicht weit genug gehen, aber vor Ort
zumindest manche Dinge möglich machen. Nun kam die Versammlung noch einmal
zusammen, um zu prüfen, ob die Beschlüsse umgesetzt wurden.
Grundlage dieser Überprüfung ist ein Monitoring der einzelnen Bistümer.
Doch es bleibt anonym. Nicht sichtbar wird, welches Bistum Beschlüsse
umsetzt und welches sie liegen lässt. Damit fehlt etwas Zentrales:
Rechenschaft. Ohne Namen gibt es weder Verantwortung noch Anerkennung.
Fortschritte lassen sich nicht benennen, Blockaden nicht adressieren.
Verantwortung zu übernehmen hieße, sich prüfen zu lassen – durch die
eigenen Gläubigen. Es hieße, voneinander zu lernen und Macht zu teilen.
## Gelächter über Diskriminierung
Genau daran entzündet sich unter den Klerikern Widerstand. Niemand möchte
von Macht reden, Sie nennen sich lieber Diener Gottes. Es ist leicht, von
Dienst zu sprechen, wenn man über anderen steht. Während der Debatte über
Quoten – über die Frage, wie Frauen und junge Menschen im künftigen
Folgegremium vertreten sein sollen – wird gescherzt. „Dann bin ich für eine
Quote von über Siebzigjährigen, die keine Bischöfe sind.“ Gelächter. „Und
die nächste Quote dann für Pfälzer.“
Fünf Männer sitzen nebeneinander: Priester, Professor, Weihbischof,
Bischof, Priester. Schwarz gekleidet, weißer Kragen. Sie lachen. Die Frauen
und jungen Menschen in den umliegenden Reihen nicht. Am Ende wird eine
Quote beschlossen. Doch von der oft beschworenen Haltungsänderung bei
Männern in Machtpositionen in dieser Kirche ist in solchen Momenten wenig
zu spüren. Wenn über Diskriminierung gelacht wird, ist nicht viel
angekommen. Ohne Quote bleiben die Mächtigen unverändert mächtig.
Mehr Freude brauche es in der Kirche, sagt ein Bischof. Wie soll Freude
entstehen in Strukturen, die Menschen systematisch ausschließen? Wie soll
Vertrauen wachsen, wenn Betroffene von sexualisierter Gewalt hören, man
habe nun „auch genug über Missbrauch gesprochen“? Als [4][Johannes Norpoth]
ans Mikrofon tritt, wird im Saal noch gesprochen. Er beginnt trotzdem.
Norpoth ist Mitglied des Betroffenenbeirats der Deutschen
Bischofskonferenz.
Er spricht über den Grund dieses Prozesses, fragt, ob die Bereitschaft
bestünde, mutig zu sein. Mutig genug, die eigenen Strukturen infrage zu
stellen. Er benennt, was sich verändert hat: Dass heute offen über Macht,
Gewaltenteilung, Geschlechtergerechtigkeit, Sexuallehre und klerikale
Lebensformen gesprochen wird, ist keine Selbstverständlichkeit.
## Ernüchternde Bilanz
Diese Offenheit ist der größte Ertrag des Synodalen Weges. Zugleich weist
Norpoth den Vorwurf zurück, der Synodale Weg instrumentalisiere den
Missbrauch für kirchenpolitische Agenden. Wer den Prozess als Missbrauch
des Missbrauchs bezeichne, versuche damit, die Auseinandersetzung mit
systemischen Ursachen zu diskreditieren und relativiere sowohl die
Ergebnisse der Missbrauchsstudien als auch die Erfahrungen der Betroffenen.
Gemessen an der Beseitigung der systemischen Ursachen von Missbrauch bleibt
die Bilanz des Synodalen Weges ernüchternd. Ja, der Synodale Weg hat
Ehrlichkeit ermöglicht. Ja, er hat Themen öffentlich gemacht, die lange
ausgeblendet waren. Nein, die Machtverhältnisse haben sich nicht
verschoben. Beschlüsse bleiben unverbindlich. Beteiligung endet dort, wo
Entscheidung beginnt.
Das ist kein Versehen, sondern Teil der Konstruktion. Synodalität ist
möglich als Beratung, nicht als Mitentscheidung. Die Macht bleibt bei den
Bischöfen. Damit bleibt auch das zentrale Versprechen unerfüllt, aus der
Missbrauchskrise strukturelle Konsequenzen zu ziehen. Wie begrenzt der
Spielraum ist, zeigt sich auch im Umgang mit Rom. Die Beschlüsse der
Synodalversammlung wurden per Brief 2023 an den Papst geschickt, denn für
die Umsetzung einiger Beschlüsse bräuchte es seine Zustimmung.
Eine Antwort steht aus. Seit drei Jahren. Bei der Versammlung schlug eine
Teilnehmerin vor, das Schweigen aus Rom doch einfach als Zustimmung zu
werten. Das ginge schließlich auch bei jeder Strompreiserhöhung. Ob dieses
Schweigen des Papstes nun Respektlosigkeit, ein Politikum oder eben
tatsächlich stille Zustimmung ist, bleibt erst mal offen. Entscheidend ist
die Konsequenz: Ein Reformprozess, der aus einer Gewaltgeschichte heraus
entstanden ist, bleibt ohne Rückmeldung der Instanz, die über verbindliche
Veränderungen entscheidet.
Mit der Synodalkonferenz soll der Reformprozess weitergehen. Voraussetzung
ist allerdings, dass Rom zustimmt. Dort sollen Lai*innen und Bischöfe
gemeinsam beraten. Das ist ein Fortschritt. Doch die entscheidende Frage
ist: Bleibt es beim Gespräch, oder entsteht echte Mitentscheidung und
Rechenschaftspflicht?
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kommission-zu-sexualisierter-Gewalt/!6124140
(DIR) [2] https://www.aufarbeitungskommission.de/kommission/forschung-studien-kindesmissbrauch/fallstudie-evangelische-und-katholische-kirche/
(DIR) [3] /Frauen-in-der-katholischen-Kirche/!6045079
(DIR) [4] https://www.domradio.de/person/johannes-norpoth
## AUTOREN
(DIR) Daniela Ordowski
## TAGS
(DIR) Katholische Kirche
(DIR) Synodaler Weg
(DIR) Kindesmissbrauch
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Burschenschaft
(DIR) Katholische Kirche
(DIR) Katholische Kirche
(DIR) Katholische Priester
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Missbrauch in der Evangelischen Kirche: Rücktritt unter Frust
Nancy Janz tritt als Sprecherin evangelischer Missbrauchsbetroffener
zurück. Sie beklagt Kommunikationsmängel und schleppenden Fortschritt.
(DIR) Internes Papier aus Studentenverbindung: Zu reaktionär für eine Verbindung
Bei den katholischen Studentenverbindungen sorgt ein internes Papier für
Streit. Es liegt der taz vor.
(DIR) Vatikan gegen Synodalen Rat: Weg frei für den freien Fall
Mit dem Synodalen Weg begann die deutsche Bischofskonferenz an
menschenfreundlicheren Strukturen zu arbeiten. Jetzt kam ein Veto aus Rom.
(DIR) Reformprozess in der Katholischen Kirche: Es bleibt ein Gefühl der Ohnmacht
Der Synodale Weg brachte ein paar kleine Fortschritte. Von der Beseitigung
systemischer Missstände sind wir aber noch sehr weit entfernt.
(DIR) Missbrauch in der katholischen Kirche: Nicht mehr als eine Entschuldigung
Ein Jahr nach dem Missbrauchsgutachten ziehen Kardinal Marx und das
Erzbistum München Bilanz. Von sexueller Gewalt Betroffene kommen nicht zu
Wort.