# taz.de -- Die Wahrheit: Epsteins Lolita
> Neues aus Neuseeland: Wie einmal ein neuseeländischer Literaturprofessor
> in die Fänge des amerikanischen Pädo-Kriminellen Jeffrey Epstein geriet.
Millionen Seiten Epstein Files werden emsig in allen Redaktion der Welt
durchsiebt – da bleibt zum Glück auch was für uns Kiwis hängen. Stolze
1.081 Erwähnungen findet Neuseeland im brandheißen Aktenvermächtnis des
toten Pädokriminellen. Jetzt wissen wir, dass Jeffrey Epsteins selektive
Kulturförderung um ein Haar einen Literaturprofessor kompromittiert hätte.
Wer „New Zealand“ in die entsprechende Suchmaschine des
US-Justizministeriums eingibt, stößt vor allem auf Banales: Bankauszüge von
Epsteins ehemaliger Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell, die 2009 in eine
Staatsanleihe down under investierte. Oder eine Einladung für das
Täterpaar, Google-Mitbegründer Larry Page zur Spritztour auf dessen
neuseeländischem Katamaran zu begleiten. Heiße Details!
Der brisanteste Fund in dem Datenwust ist jedoch Brian Boyd, pensionierter
Professor der Universität Auckland. Sein Fachgebiet ist Vladimir Nabokov,
der 1955 den umstrittenen Klassiker „Lolita“ schrieb. Boyd arbeitete gerade
an einer Biografie über den russischen Autor und träumte davon, auch ein
Werk über „Lolita“ zu verfassen, als sich Epstein bei ihm meldete und ihn
2012 zu einem Treffen in Boston einlud.
Epsteins Privatflugzeug trug seinerzeit den Spitznamen „Lolita Express“,
und Fotos belegen, dass er gern Sätze aus „Lolita“ auf die Körper seiner
Opfer schrieb. Von all dem und den Missbrauchsvorwürfen wusste der
Professor angeblich nichts. Er hatte den „Lolita“-Fan bei seiner eigenen
Vorlesung über Nabokov an der Harvard-Universität getroffen – im Rahmen
eines Programms, das damals Millionen Dollar Fördergelder von Epstein
erhielt.
## Identische
Das Treffen zum Frühstück fand mit Epstein und seinen fünf angeblichen
„Assistentinnen“ statt – identisch aussehende, bildhübsche Frauen, um die
22 Jahre alt. Zwei Nächte im Hotel wurden dem Professor ebenfalls
spendiert. Nichts Ungewöhnliches, dachte sich Boyd – so stellte er sich
auch das Leben von Playboy-Gründer Hugh Heffner vor. „Großartig, Sie und
Ihre Schar von Schönheiten zu treffen“, schrieb der 73-Jährige dem
US-Magnaten begeistert nach dem Termin.
Dann stieg man per E-Mail in finanzielle Verhandlungen ein. Denn Epstein
wollte Boyd mit 75.000 Dollar unter die Arme greifen, damit der Akademiker
sich für ein Jahr freistellen und endlich sein ersehntes „Lolita“-Buch
schreiben könne. „Danke für die Gelegenheit! Best, Brian“, waren dessen
letzten Worte – samt Kontonummer und Swift-Code – an den vermeintlichen
Literaturliebhaber. Doch die Spende blieb aus.
Das Essen in Boston stößt dem distinguierten Professor rückwirkend auf.
Diese Woche tauchte er in Schlagzeilen und im Frühstücksfernsehen auf. Er
habe sich nichts vorzuwerfen und sei froh, dass der Kontakt abgebrochen
sei, betont er. „Ziemlich eklig“ fühle es sich dennoch an. Das Buch über
„Lolita“ hat er bis heute nicht geschrieben.
5 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Anke Richter
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