# taz.de -- Unabhängige Buchläden in Berlin: Wärmestuben für den Geist
       
       > Unabhängige Buchläden sind mehr als reine Verkaufsflächen. Damit diese
       > sozialen Orte fortbestehen, verbünden sich jetzt acht Berliner
       > Buchhändlerinnen.
       
 (IMG) Bild: Auch sie macht bei der IG Indie-Buchläden mit: Christina Galandi in ihrem Buchladen ebertundweber in Kreuzberg
       
       Montagmorgen um 9 Uhr in der Falckensteinstraße, Ecke Schlesische.
       Christina Galandi steht mit einem Besen vor ihrem [1][Buchladen
       ebertundweber], fegt den Dreck vom Wochenende zusammen, schiebt einen
       vertrockneten Christbaum beiseite, sammelt ein paar leere Bierflaschen auf.
       Fünf Minuten später kommen die ersten von acht Buchhändlerinnen an.
       
       Nach dem Durchreichen von Tassen mit dampfenden Heißgetränken und einer
       Runde Tetris auf dem großen Sofa im hinteren Raum geht es konzentriert ins
       Thema. Denn die acht Inhaberinnen haben vor Kurzem eine neue
       Interessengemeinschaft gegründet: die IG Indie-Buchläden in Berlin.
       
       Sie wollen darüber sprechen, was unabhängige Buchläden in dieser Stadt
       leisten. Was sie außer Bücher verkaufen jeden Tag tun. Und warum es immer
       schwerer wird, diese Arbeit weiterzumachen. Es geht um die Frage, welchen
       Platz diese Wärmestuben für den Geist in einer kälter werdenden Stadt wie
       Berlin haben müssen.
       
       Leicht ist das Geschäft mit Büchern nirgendwo mehr. In ganz Deutschland
       gibt es heute weniger Buchhandlungen als noch vor fünf Jahren. Zwischen
       2018 und 2023 ist die Zahl der Buchläden laut Börsenverein des deutschen
       Buchhandels bundesweit um rund 12 Prozent gesunken, [2][viele haben
       dichtgemacht], andere wurden von großen Ketten übernommen. Thalia und
       Hugendubel wachsen weiter und der Onlinehandel floriert. Zwar ist Berlin
       mit rund 210 Buchhandlungen bundesweit ganz vorn – doch die Lage verschärft
       sich.
       
       ## Orte, die zum Funktionieren einer Stadt beitragen
       
       Die größten Probleme, die die Frauen benennen, sind schnell aufgezählt: die
       explodierenden Gewerbemieten. Die wenigen Förderprogramme, die es gibt. Zu
       viel Papierkrieg bei zu wenig Aussicht auf Erfolg. Die unbezahlte
       Zusatzarbeit. Und [3][die Großen kaufen Bücher in hohen Mengen], das heißt
       kleinere Einkaufspreise, höhere Gewinne und englischsprachige Bücher –
       wegen fehlender Buchpreisbindung – zum Dumpingpreis. Hinzu kommt: Der
       Buchhandel ist eine weiblich geprägte Branche, in der Unternehmerinnentum
       bei Banken und Ämtern oft weniger ernst genommen wird.
       
       Und doch wollen sie bleiben. Genau deshalb haben sich als vorläufige
       Gründungsmitglieder die Buchhandlungen zusammengeschlossen: in Mitte
       [4][about bookshop] und [5][GOLDA books and more], in Friedrichshain die
       Buchhandlungen [6][InterKontinental] und [7][Mouse and Bear,] in Kreuzberg
       [8][book affairs] und [9][ebertundweber] und in Neukölln die Buchläden
       [10][Buchkönigin] und [11][Stadtlichter].
       
       Ihr Ziel ist kein nostalgischer Rettungsappell, sondern politische und
       wirtschaftliche Sichtbarkeit. Sie wünschen sich regelmäßige Gespräche mit
       Politik, Verlagen und Branchenverbänden. Sie wollen mitreden, wenn über
       Stadtentwicklung, Mieten oder Kulturförderung gesprochen wird. Sie möchten,
       dass Buchläden nicht nur als Verkaufsstellen betrachtet werden, sondern als
       Orte, die zum Funktionieren einer Stadt beitragen. Denn für sie sind ihre
       Buchläden dritte Orte zwischen Arbeitsplatz und Zuhause.
       
       „Buchhandlungen sind Kulturorte. Aber sie werden nicht so behandelt“, sagt
       Jenny Bühler von book affairs. „Bücher zu kaufen ist ein politischer Akt“,
       sagt Christina Galandi. Was folgt, ist eine Art Lagebericht aus dem
       Maschinenraum der belesenen Stadt.
       
       Stefanie Hirsbrunner von der Buchhandlung InterKontinental berichtet von
       Kund*innen, die Cover fotografieren, um sich zu Hause das eine auszusuchen,
       das sie sich im Monat leisten können.
       
       Und dann geht es querbeet: Eine der Buchhändlerinnen hilft einer
       Stammkundin, indem sie die Briefe vom Amt in Einfache Sprache übersetzt.
       Eine leiht den Omas gegen Rechts ihre Technik. Eine bestellt für einen
       älteren Nachbarn Flanellhemden im Internet, weil er sich da nicht auskennt
       – oder weil er sich keins leisten kann. „Bei uns ist Literatur kein
       Elfenbeinturm“, sagt Hirsbrunner. „Wir sind im Kiez. Es gibt Leute, die
       kommen nach der Schicht im Blaumann rein und schauen sich Gedichte an.“
       
       Für die Frauen sind ihre Läden Orte, von denen es auch in Berlin immer
       weniger gibt, an denen man bleiben darf, ohne etwas kaufen zu müssen. Orte
       der Aufmerksamkeit, der langsamen Gespräche, bei denen das Handy auch mal
       im Stummmodus bleibt, Debattierclubs, Zufluchtsorte gegen das Abschmelzen
       von Demokratie, gegen das Auseinanderdriften der Stadt.
       
       Dies bestätigt auch ein Blick auf Christina Galandis Tisch mit Sachbüchern:
       Neben [12][Heike Geißlers Buch „Arbeiten“], das gnadenlos offenlegt, wie
       ausbeuterisch unser System der Lohnarbeit ist, liegen Bücher über Sinn und
       Nutzen der Klassengesellschaft. Eins weiter [13][Dirk Brockmanns „Survival
       of the Nettest“] gegen den Mythos, dass immer nur die Stärksten gewinnen,
       und [14][Timothy Snyders „Über Freiheit“], das von der Freiheit der
       verantwortungsvollen Teilhabe handelt. So etwas nennt man kuratiertes
       Lesen.
       
       ## Die Situation wird immer schwieriger
       
       Die Frauen sprechen über Läden, die verschwunden sind. „Lesen und Lesen
       lassen“ in Friedrichshain, 28 Jahre lang ein fester Ort im Kiez, scheiterte
       an der Miete. Auch die Tucholsky-Buchhandlung in Mitte konnte nicht
       übernommen werden, weil sich die Miete verdoppelt hätte.
       
       Die Situation wird schwieriger, denn auch Lesungen werden zunehmend zum
       Luxus. Christina Galandi erzählt, dass bekannte Autor*innen heute 600
       Euro und mehr Gage verlangen müssen, um auf ihren Schnitt zu kommen. In
       kleine Läden passen aber oft nur 40 Menschen rein.
       
       „Also machen wir es oft selbst“, fügt Catherine Feldmeier von der
       Kinderbuchhandlung Mouse and Bear kichernd hinzu. Sie liest Gruppen aus der
       Schule und dem Kindergarten einfach selbst regelmäßig vor, damit es genug
       Veranstaltungen gibt.
       
       Was hier beschrieben wird, klingt romantisch. Ist es aber nur von außen. In
       Wirklichkeit bedeutet es: Selbstausbeutung und lange Tage, oft von morgens
       bis spät in die Nacht. Neben dem Verkauf kommen Social Media und
       Onlinegeschäft, Newsletter, Veranstaltungen, Buchhaltung, Schaufenster,
       Bestellungen und immer mehr Gespräche hinzu. Viele Läden verkaufen
       inzwischen auch Spiele, Postkarten, Geschenke, Kaffee oder Kuchen, in der
       Sprache der Wirtschaft: Cross-Channeling. Nicht aus Lifestyle-Gründen,
       sondern weil Bücher allein oft nicht mehr reichen.
       
       Am Ende kehrt das Gespräch zurück zum Anfang. Zu Bürgersteigen. Als die
       anderen schon weg sind, unterhalten sich Christina Galandi und Ileana Seidl
       von der Buchkönigin noch eine Weile darüber, wie viel Mühe es kostet, den
       Bereich vor ihren Läden sauber zu halten. Es geht um Müll, Ratten und
       Gestank im Sommer. Und ob das besser sei als die Christbäume und das
       Glatteis im Winter. Sie lachen.
       
       Es ist eine kleine Szene. Fast nebensächlich. Und doch erzählt sie ziemlich
       genau, worum es hier geht: Jemand fegt. Jemand räumt auf. Jemand kümmert
       sich. Fast jeden Tag.
       
       4 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ebertundweber.de/
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 (DIR) [6] https://www.interkontinental.org/
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