# taz.de -- Razzia in Lübeck: Deutsche Helfer für Putins Krieg
       
       > Ein Netzwerk um ein Unternehmen in Lübeck soll systematisch die
       > Russlandsanktionen unterlaufen und die russische Rüstungsindustrie
       > beliefert haben.
       
 (IMG) Bild: Besuch vom Zoll: Beamte durchsuchen eine Firma in Lübeck, die Russlandsanktionen umgangen haben soll
       
       „Geben Sie uns Ihre Bestellliste durch und wir kümmern uns um den Rest!
       Einfach, schnell und zuverlässig.“ So wirbt das Handelsunternehmen Global
       Trade im Lübecker Stadtteil Buntekuh für seine Dienste. Es „hilft Ihnen
       dabei, Stillstand und hohe Kosten für Lieferausfälle zu vermeiden“ –
       anscheinend ideal für die von westlichen Sanktionen geplagte russische
       Industrie. Denn auf der Website wirbt die Lübecker Firma: „Wir decken alle
       Arten von Ersatzteilsendungen ab, von kleineren Komponenten bis hin zu
       großen Maschinenteilen.“
       
       16.000 Lieferungen im Wert von 30 Millionen Euro sollen laut der
       Bundesanwaltschaft so nach Russland gelangt sein seit der russischen
       Invasion in der Ukraine – auch an mindestens 24 auf [1][EU-Sanktionslisten]
       geführte russische Rüstungsunternehmen. Der beschuldigte Nikita S. soll
       Alleingesellschafter und Geschäftsführer des Unternehmens sein und mit
       einer Scheinfirma in Lübeck sowie in- und außerhalb der EU ansässigen
       Scheinabnehmern Lieferungen sanktionierter Technik nach Russland
       abgewickelt haben.
       
       Zusammen mit vier weiteren Beschuldigten aus Schleswig-Holstein wurde S. am
       Montag vom Zollkriminalamt festgenommen. Ein weiterer Verdächtigter hat –
       wie S. – neben der deutschen auch die russische Staatsbürgerschaft und ein
       anderer daneben einen ukrainischen Pass. Laut der Anklagebehörde, die bei
       ihren Ermittlungen vom Bundesnachrichtendienst unterstützt wurde, sollen
       „hinter dem Beschaffungsnetzwerk auf russischer Seite mutmaßlich staatliche
       Stellen“ stehen.
       
       S. hat im März 2022, wenige Tage nach dem russischen Überfall auf die
       Ukraine, das Handels- und Logistikunternehmen als Gesellschafter übernommen
       und wurde Geschäftsführer. Jetzt werden S. und seine vier mutmaßlichen
       Mittäter dringend verdächtigt, als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung
       gewerbs- und bandenmäßig gegen das Außenwirtschaftsgesetz verstoßen zu
       haben, also die Russlandsanktionen umgangen zu haben.
       
       ## Mehr als 70 Verstöße
       
       Dabei sollen sie laut den Anklägern „konspirativ Güter für die russische
       Industrie beschafft und nach Russland ausgeführt haben“. Es sollen
       Sensoren, Konverter und spezielle Kugellager geliefert worden sein – auch
       an eine Firma in Russland, in der der Global-Trade-Geschäftsführer S.
       arbeiten soll.
       
       Allein dem Hauptbeschuldigten 38-jährigen Nikita S. werden mehr als 70
       Verstöße gegen das Sanktionsregime vorgeworfen. Parallel zu den
       Verhaftungen wurden zahlreiche Wohn- und Geschäftsräume in Lübeck,
       Frankfurt am Main, Nürnberg, im Landkreis Nordwestmecklenburg sowie im
       Kreis Ostholstein durchsucht.
       
       Der Fall ist nicht der erste, in dem deutsche Firmen getarnt die
       Rüstungsindustrie in Russland versorgt haben. Dabei werden oft angebliche
       Abnehmer in der Türkei oder in zentralasiatischen Nachbarstaaten Russlands
       angegeben. Von dort werden die Waren weitergeschleust.
       
       Allein nach Kirgistan, gegen das die EU wegen gezielter Umgehung der
       verhängten Russlandsanktionen Strafmaßnahmen erwägt, haben deutsche Firmen
       von Januar bis November Waren für über 400 Millionen Euro geliefert. 2021,
       im Jahr vor Russlands Ukrainekrieg, waren es noch 48,9 Millionen. Die
       deutschen Exporte nach Tadschikistan wuchsen voriges Jahr um fast 60
       Prozent.
       
       Bekannt wurden auch Fälle, in denen massenhaft Waschmaschinen nach
       Kasachstan geliefert wurden – um die darin befindlichen Chips in russische
       Raketen einzubauen. 2025 führte Kirgistan eine auf den russischen Rubel
       lautende Stablecoin namens A7A5 ein, eine digitale Währung, die nach
       Ansicht westlicher Experten dazu dient, Transaktionen unter Umgehung der
       Sanktionen zu erleichtern.
       
       [2][Die Ukraine berichtet regelmäßig, dass sie in russischen Raketen und
       Drohnen, die auf ihr Territorium geschossen wurden, haufenweise westliche
       Chips finde.] Egal, ob von Nvidia, Texas Instruments oder Infineon. Aus
       Marschflugkörpern wie der Ch-101 oder Iskander-Raketen holten ukrainische
       Forensiker sogar jeweils mehr als mehrere Hundert einzelne westliche
       Komponenten. Die Firma Smart Inpex aus Kerpen soll über eine eigens in der
       Türkei gegründete Tochter unter [3][Sanktionsbruch] Waren nach Russland
       geliefert haben.
       
       2 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neue-Sanktionen-gegen-Russland/!6123393
 (DIR) [2] /Umgehung-von-Russland-Sanktionen/!6065740
 (DIR) [3] /Umgehung-von-Russland-Sanktionen/!5917961
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mathias Brüggmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Russland
 (DIR) EU-Sanktionen
 (DIR) Mikrochips
 (DIR) Lübeck
 (DIR) GNS
 (DIR) Energiekrise 
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Russischer Angriffskrieg auf die Ukraine: Mindestens eine Tote und mehrere Verletzte
       
       Trotz Friedensverhandlungen führt Russland seine Angriffe auf die Ukraine
       weiter fort. Der mögliche Attentäter eines russischen Generals wurde
       gefasst.
       
 (DIR) Friedensgespräche für die Ukraine: Nächste Runde am nächsten Mittwoch
       
       Ukraines Präsident Selenskyj kündigt eine zweite Runde von Direktgesprächen
       mit Russland ab dem 4. Februar an. Das ist drei Tage später als zunächst
       geplant.
       
 (DIR) Waffenstillstand in der Ukraine: Moratorium statt Beschuss
       
       Nachdem Russland das ukrainische Energienetz massiv beschossen hat, gab es
       eine kurze Feuerpause. Doch auch die Ukraine beschießt russische Anlagen.
       
 (DIR) Umgehung von Russland-Sanktionen: Tödliche Mikrochips
       
       Um seine Raketen zu bauen, braucht Russland westliche Komponenten. Die
       gelangen trotz Sanktionen in das Land – und stammen auch aus Deutschland.