# taz.de -- Ausstellung zur Oder in Berlin: Die Oder ist weiblich
> Die Künstlerin Cecylia Malik hat mit den „Flussschwestern“ in Polen für
> Wirbel gesorgt. Nun wird ihr ökofeministischer Aktivismus in Berlin
> ausgestellt.
(IMG) Bild: Die Flussschwestern bei ihrem Happening an der Oder
Mit weiten, wehenden Röcken zelebrieren die Tänzerinnen die Rückkehr des
Wassers. Blau sind die meisten Röcke, so blau wie die Oder, die nahe dem
Kloster Leubus 600 Hektar an zusätzlicher Überschwemmungsfläche bekommen
hat. Zuvor war ein Deich entfernt worden. Ein „schönes und optimistisches
Beispiel für die Befreiung eines Flusses“, nennt das die Künstlerin und
Aktivistin Cecylia Malik.
Malik hat mit den von ihr gegründeten „[1][Flussschwestern – Siostry
rzeki]“ für viel Wirbel in Polen gesorgt. Zuletzt haben die Aktivistinnen,
die Flüssen in Polen eine Stimme verleihen wollen, im Juni 2023 auch an der
Grenzoder zwischen Polen und Deutschland gegen das massenhafte Fischsterben
demonstriert. Zuvor waren sie in Leubus beim Weltflusstag mit dem Happening
„Skirts celebrating the Rising Waters“ in Erscheinung getreten. Ihre
Parole: „Przestrzeń rzekom“ – „Gebt den Flüssen mehr Raum“.
Einige dieser Röcke sind nun in der [2][Galerie des Polnischen Instituts]
in der Burgstraße am Hackeschen Markt zu sehen. „Kunst kann Wirklichkeiten
beeinflussen“, sagt Marta Smolińska. „Deshalb habe ich Cecylia Malik mit
ihren Arbeiten nach Berlin geholt.“
Smolińska lehrt als Kunsthistorikerin an der [3][Universität der Künste in
Posen] und hat für das Polnische Institut die Ausstellung „Puls der Oder“
kuratiert. Gezeigt wird darin auch Maliks Filmdokumentation „Lasst den
Flüssen Raum, den Menschen Sicherheit“ über den Weltflusstag und ihre
Performance beim Kloster Leubus. Zu Wort kommt darin auch [4][Piotr
Nieznański vom WWF Polen]. Für Smolińska ein Hinweis darauf, dass Ökologie
und Feminismus inzwischen ein „ökofeministisches“ Bündnis eingegangen sind.
Ist die Oder weiblich? Bislang war sie, das betont auch Marta Smolińska, in
der deutschen wie auch der polnischen Wahrnehmung vor allem ein Grenzfluss.
„Aber es war nie die Oder, die diese Grenze gebildet hat“, betont die
Kuratorin. „Zur Grenze haben sie alleine die Menschen gemacht.“
Und nicht nur das. Auch eingedeicht wurde die Oder im Lauf der
Jahrhunderte, in ein Bett gedrängt, begradigt. Alleine die Trockenlegung
des Oderbruchs, so Smolińska, habe den Lauf der Oder im 18. Jahrhundert um
200 Kilometer verkürzt. „Das Patriarchat hat Frauen und die Natur
ausgebeutet“, sagt sie. Mit ihrer Ausstellung will sie nun zeigen, dass
damit nicht das letzte Wort in der Geschichte des Flusses gesprochen ist.
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten des
[5][Fotografen und Künstlers Tom Kretschmer], die mit einer ganz anderen
Bildsprache die Performances von Malik kontrastieren. In seinem Zyklus
„Atrium Sacrum“ aus dem Jahre 2025 hat Kretschmer die Innenräume von
Totholz in den Oderauen fotografisch kartiert.
Für Kretschmer ist Totholz „kein Ende, sondern Quelle neuen Lebens“. Atrium
Sacrum, der heilige Vorhof, offenbare, wie das scheinbar Tote zur
Brutstätte des Neuen werde. „Während wir leben, verfallen wir. Und im
Verfall wird Neues geboren.“
Faszinierend ist eine Arbeit, die Kretschmer „Meander Vitae“ – „Windungen
des Lebens“ nennt. Zu sehen ist eine Kamerafahrt an der Oberfläche des
Wassers. „Knapp über der Wasseroberfläche entsteht eine immersive, fast
surreale Reise aus Spiegelungen, organischen Formen und fließenden
Schatten“, schreibt Kretschmer selbst über das Projekt. „Natürliche Flüsse
fließen nie geradeaus. Ihre Windungen schaffen Artenvielfalt, Resilienz und
Schönheit – doch wir haben sie begradigt, um Zeit und Geld zu sparen.“
Für Kuratorin Smolińska ist diese Arbeit auch eine Antwort auf die Frage:
„Wie verhält sich Wasser, wenn man ihm die Freiheit lässt?“
Fragen wie diese zeigen, wie sich unser Bild von Flüssen verändert hat.
Dass die Oder mehr ist als eine Grenze, wurde zwar schon bald nach dem Ende
der Teilung Europas gesehen. Neue Erzählungen des Flusses tauchten auf: die
Oder als Brücke zwischen Deutschland und Polen, ihr Einzugsgebiet ein
narrativer Raum, in dem sich die Menschen ihre Geschichten erzählen, auch
die von den dunklen Seiten der Geschichte.
Eine, die solche Erzählungen schon damals weitergesponnen hat, war die
spätere Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Geboren in Sulechów an
der Oder, war der Fluss schon damals für sie voller Rätsel, ein Ort der
unerwarteten Wendungen. Ökofeminismus ist wohl ein Begriff, der auch auf
Tokarczuks späteres literarisches Schaffen ganz gut zutrifft.
Was macht das Wasser, wenn es sich befreit? Vielleicht verhält es sich so
wie die Ausstellung selbst: mäandernd, überraschend, unvorhersehbar.
Zumindest Cecylia Malik wünscht sich das auch für die Zukunft der Oder.
Unermüdlich fordert sie, darin auch unterstützt von Olga Tokarczuk, deshalb
die „Rückgabe“ unerschlossener Auen an die Flüsse, um so das Risiko von
Überschwemmungen zu minimieren.
Eine Botschaft, die leider noch nicht durchgedrungen ist, denn Kunst kann
auch an der Wirklichkeit abprallen. Vor allem auf polnischer Seite wird die
Oder durch die Ertüchtigung und den Neubau von Buhnen weiter eingehegt. Das
ist der patriarchale Umgang mit der Natur, den Kuratorin Smolińska beklagt.
Die Oder selbst, das ist die Botschaft der Ausstellung, ist weiblich. Und
sie wehrt sich. Zusammen mit den Flussschwestern. Ihnen mehr Raum zu geben:
Im Polnischen Institut hat das geklappt.
[6][Der Puls der Oder]. Noch bis 27. Februar. Dienstag bis Donnerstag 13
bis 18 Uhr. Freitag 13 bis 17 Uhr. Burgstraße 27. 10179 Berlin
3 Feb 2026
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