# taz.de -- Neuer Krieg in Südsudan: „Verschont niemanden!“, ruft der General
       
       > Aus Südsudans Hauptstadt Juba fliehen Menschen. Truppen von Präsident
       > Salva Kiir und seinem entmachteten Vize Riek Machar machen gegeneinander
       > mobil.
       
 (IMG) Bild: Seine Milizen wollen auf Juba marschieren, um ihn zu befreien: Südsudans Vizepräsident Riek Machar vor Gericht, 1. Oktober 2025
       
       „Verschont niemanden!“, [1][ruft General Johnson Olony]: „Weder die Alten,
       noch die Kinder oder die Hühner – kein einziges Haus soll stehen bleiben!“
       Seine Soldaten jubeln und klatschen.
       
       Diese Rede hielt Südsudans Vizearmeechef am Montag nahe der Stadt Bor,
       bevor er seine Truppen im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei in den Kampf
       schickte. „Unsere Probleme beginnen immer von dort!“, erklärt er: „Ich
       werde das jetzt ein für alle Mal beenden.“
       
       Die Zeichen stehen wieder auf Krieg in Südsudan. Der jüngste Staat der Welt
       ist seit der Unabhängigkeit 2011 nie zur Ruhe gekommen, der ewige
       Machtkampf zwischen den mächtigsten Politikern des Landes geht jetzt in
       eine neue Runde.
       
       Am Mittwochmorgen herrschte „Panikstimmung“ in der Hauptstadt Juba,
       berichtet Edmond Yakani, Menschenrechtsaktivist und Geschäftsführer der
       Organisation Cepa (Community Empowerment for Progress), der taz am Telefon.
       „Ich glaube, ein neuer Krieg hat bereits begonnen und dies ist erst der
       Anfang“, sagt er und klingt etwas abgehetzt. „Die Menschen in Juba packen
       ihre Sachen und fliehen, die Kinder gehen nicht mehr in die Schule. Es kann
       sein, dass wir alle in Juba bald nicht mehr sicher sind.“
       
       ## Machtkampf seit der Unabhängigkeit
       
       Hintergrund ist der Machtkampf zwischen Staatspräsident [2][Salva Kiir] und
       seinem langjährigen Rivalen und Vizepräsident [3][Riek Machar.] Salva Kiir
       von der Volksgruppe der Dinka führte Südsudan an der Spitze der einstigen
       Befreiungsarmee SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee) 2011 in die
       Unabhängigkeit, sein mächtiger Rivale Riek Machar von der Volksgruppe der
       Nuer wurde Vizepräsident. 2013 beschuldigte Kiir seinen Vize, einen Putsch
       zu planen, und [4][setzte ihn unter Hausarrest].
       
       Daraufhin begannen Kämpfe zwischen Fraktionen der Armee. Machars Truppen
       desertierten und formierten die Rebellenorganisation SPLA-IO (SPLA in
       Opposition). Ein Friedensabkommen setzte Riek Machar 2020 wieder als
       Vizepräsidenten ein – aber [5][im Krieg] waren bis zu 400.000 Menschen
       gestorben, über 4 Millionen wurden vertrieben.
       
       Jetzt geht es erneut los. In den vergangenen Wochen haben Machars Rebellen
       im Bundesstaat Jonglei nordöstlich der Hauptstadt Juba weite Gebiete
       erobert. Die jüngsten Gefechte tobten in den vergangenen Tagen rund um
       Jongleis Provinzhauptstadt Bor, flussabwärts von Juba am Nil.
       
       ## „Ich gebe Ihnen sieben Tage Zeit“
       
       Die SPLA-IO drohte vergangene Woche, in Richtung Juba zu marschieren, um
       Riek Machar zu befreien. Denn der sitzt seit März 2025 in Hausarrest. Im
       September wurde er angeklagt des Mordes, Landesverrats und der Verbrechen
       gegen die Menschlichkeit. Die Justiz wirft ihm vor, er sei verantwortlich
       für die Verbrechen der von ihm kontrollierten Nuer-Miliz [6][„Weiße
       Armee]“, die im März einen Armeeposten in Nasir, im Nordosten des Landes,
       angegriffen hatte. Dabei waren rund 250 Soldaten und ein General ums Leben
       gekommen.
       
       Am Mittwoch wurde der Prozess gegen Machar in Juba fortgesetzt – und
       vertagt, nachdem die Erkrankung eines Technikers die Videoinstallationen
       lahmlegte. Die SPLA-IO forderte im Vorfeld erneut Machars Freilassung und
       drohte damit, ihn sonst mit Gewalt zu befreien.
       
       Als Reaktion entsandte Südsudans Armeechef General Paul Nang Majok in den
       vergangenen Tagen Verstärkung nach Bor – mit einer klaren Ansage: „Ich gebe
       Ihnen sieben Tage Zeit, um die Mission zu vollenden – den Aufstand in
       diesen Gebieten niederzuschlagen und sie zurückzuerobern.“ Die Bevölkerung
       solle die umkämpften Gebiete verlassen. Rund 230.000 Menschen sind [7][nach
       UN-Angaben] derzeit in Jonglei auf der Flucht.
       
       „Die Zivilbevölkerung befindet sich zwischen den Fronten“, beschreibt
       Menschenrechtsaktivist Yakani die Lage. Teile des Bundesstaates sind
       aufgrund starker Regenfälle überflutet, die Bevölkerung dort überlebt
       ohnehin nur durch internationale Lebensmittellieferungen. Somit, so Yakani,
       sei es „extrem schwierig, irgendwohin zu fliehen“. Es bestehe das Risiko,
       dass die Kriegsparteien „Hunger als Kriegswaffe einsetzten“.
       
       ## Führungslose, aber effektive Opposition
       
       Bor ist eine strategisch wichtige Stadt. Bereits zu Beginn des letzten
       Kriegs 2013 hatten die Rebellen unter Führung von Machar Jonglei erobert
       und waren von Bor aus auf Juba vorgerückt. Auf den ersten Blick wirkt es
       derzeit, als würde sich die Vergangenheit wiederholen. „Doch es gibt
       Unterschiede zu der vergangenen Konfliktkonstellation“, erläutert Daniel
       Akech, Südsudan-Analyst der International Crisis Group. Der Südsudanese
       spricht von Kenias Hauptstadt Nairobi aus per Telefon mit der taz.
       
       Machar, unter Hausarrest, könne derzeit nicht mit seinen Anhängern
       kommunizieren und Befehle geben, erläutert er. „Dennoch ist diese
       führungslose Opposition sehr effektiv im Kampf gegen die Regierung“, so
       Akech. Unter dem Label der SPLA-IO hätten sich in den vergangenen Wochen
       „zahlreiche kleinere Milizen und bewaffnete Gruppen, die einst sogar gegen
       Machar waren, gegen einen gemeinsamen Feind zusammengetan“, so Akech:
       
       „Sie nutzen das Symbol und den Einfluss von Machar, um sich zu mobilisieren
       und zu kämpfen, ohne dass er selbst Befehle erteilt. Das macht es extrem
       schwierig, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Daher wird es unter
       diesen Umständen viel schwieriger sein, einen Waffenstillstand
       auszuhandeln.“
       
       ## Keine Wahlen und kein Geld
       
       [8][Das letzte Friedensabkommen] zwischen Salva Kiir und Riek Machar im
       Jahr 2018 hatte vorgesehen, dass die beiden erneut die Macht teilen und
       Posten in Regierung und Armee mit Vertretern beider Seiten besetzen. Für
       Ende 2024 waren Wahlen angedacht. Doch aufgrund fehlender finanzieller
       Mittel hat Kiir die Wahltermine [9][mehrfach verschoben], zuletzt auf
       Dezember 2026. Machar und seine Anhänger warfen daraufhin dem 73-jährigen
       Präsidenten vor, er wolle mit allen Mitteln an der Macht bleiben.
       
       Daraufhin wurden Machar verhaftet und zahlreiche seiner Vertreter aus der
       Regierung entlassen. Vergangene Woche wurde Machars Frau Angelina Teny, die
       zuletzt als Innenministerin fungierte, ihres Postens enthoben.
       
       Südsudans Staatsbudget hängt fast ausschließlich an den Einnahmen aus dem
       Ölexport. Das Öl gelangt jedoch über eine Pipeline via Sudan auf den
       Weltmarkt. Seit 2023 herrscht Krieg in Sudan, die Ölexporte waren
       [10][zeitweise unterbunden] – derzeit gelangen lediglich 30 Prozent des Öls
       auf den Weltmarkt.
       
       Dadurch entstanden enorme Lücken im Staatshaushalt, Löhne für Beamte und
       Soldaten können seit Jahren kaum ausgezahlt werden. Damit fehlt nun der
       Kitt, „der das alles zusammenhielt“, so Akech. Konflikte seien bislang
       dadurch beigelegt worden, „dass man ein Abkommen mit den Eliten schloss,
       diese in Juba zusammenbrachte und sie dann üblicherweise an die Öleinnahmen
       band“, die sie gemeinsam verwalteten, erklärt der Analyst.
       
       Als das Geld versiegte, führte Präsident Kiir „eine Reihe von Säuberungen“
       durch, um die reduzierten Mittel zu monopolisieren: „Damit zerbrach dann
       das Machtteilungs- und Sicherheitsabkommen.“ Der Präsident entließ im
       November sogar seinen loyalen Zweiten Vizepräsidenten und die Chefs der
       Zentralbank und der Steuerbehörde.
       
       Angst vor einem Genozid 
       
       Um eine Lösung zu suchen, kamen vergangene Woche zahlreiche Organisationen
       der Zivilgesellschaft und Gemeindevertreter verschiedener Gemeinden sowie
       Menschenrechtsanwälte aus den betroffenen Gebieten zu einem Online-Meeting
       zusammen. „Menschen rennen um ihr Leben. Familien wurden
       auseinandergerissen, Häuser zerstört und Kinder werden zum Kämpfen
       gezwungen. Das Leid unseres Volkes nimmt täglich zu“, hieß es in der
       Abschusserklärung ihres Treffens.
       
       Sie forderten Präsident Kiir auf, eine Feuerpause auszuhandeln. „Eine
       sofortige Einstellung der Kämpfe wird Leben retten, Vertriebenen den Zugang
       zu humanitärer Hilfe ermöglichen und Südsudan die Chance geben, sich in
       Richtung Frieden zu bewegen.“
       
       Menschenrechtsaktivist Yakani war dabei. Er fürchtet einen „Genozid“, wie
       er sagt. Die hetzerischen Befehle von Vize-Armeechef Johnson Olony würden
       die Grundlage legen für „weitläufige Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.facebook.com/reel/2077565533032079
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Salva_Kiir_Mayardit
 (DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Riek_Machar
 (DIR) [4] /Im-Suedsudan-droht-Buergerkrieg/!5062570
 (DIR) [5] /Fluechtlinge-im-Suedsudan/!5049644
 (DIR) [6] https://www.thenewhumanitarian.org/analysis/2025/09/17/white-army-militia-centre-renewed-conflict-south-sudan?utm_source=The+New+Humanitarian&utm_campaign=1d21ad66e9-RSS_EMAIL_CAMPAIGN_ENGLISH_AFRICA&utm_medium=email&utm_term=0_d842d98289-1d21ad66e9-29252237
 (DIR) [7] https://reliefweb.int/report/south-sudan/south-sudan-deteriorating-situation-jonglei-state-and-beyond-un-ocha-icrc-msf-dg-echo-partners-echo-daily-flash-27-january-2026
 (DIR) [8] https://www.peaceagreements.org/media/documents/ag2112_5be57be98faf9.pdf
 (DIR) [9] /Uebergangsstadium-wird-verlaengert/!6037370
 (DIR) [10] /Krieg-in-Sudan-eskaliert/!6136675
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Schlindwein
       
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