# taz.de -- Sexualisierte Gewalt im Sport: Vom Leistungssport zur Forschung
> Birgit Palzkill war Kugelstoßer:in und Basketballer:in. Doch
> Palzkills Vermächtnis wird Forschung zu Lesben sowie sexualisierter
> Gewalt im Sport.
Um ein Haar wäre es nichts geworden mit der Sportkarriere von Birgit
Palzkill. In der Grundschule, so erzählt Palzkill es [1][dem Projekt
„Zeitzeugen Sport“], gab es damals, in den 1950er Jahren im Heimatdorf in
NRW, nämlich gar keinen Sportunterricht, aber trotzdem eine Sportnote –
nach Körperfigur geurteilt. Palzkill bekam eine Vier. Und wäre danach nie
selbst in den Sportverein gegangen. Glücklicherweise wird Birgit Palzkill
Jahre später von einer Lehrerin in den Sportverein geschickt. Sonst nämlich
wäre dem deutschen Sport eine große Pionierfigur verloren gegangen.
Pionierinnen im Sport werden oft nach Medaillen erzählt. Auch Birgit
Palzkill, heute nichtbinär lebend, damals im Frauensport aktiv, hat
Medaillen gesammelt. Erst als Kugelstoßer:in, 1970 Vize-Europameisterin bei
den Juniorinnen. Das Ziel ist Olympia 1972, doch die westdeutschen
Kugelstoßerinnen dürfen nicht mit – auch wegen fehlender Medaillenchancen
gegen [2][die gedopten Ostblockfrauen]. Birgit Palzkill wechselt dann zum
Basketball, wird erneut zur Leistungssportlerin und Nationalspielerin,
zudem Pokalsiegerin und dreifache deutsche Meisterin.
Aber tiefere Spuren im Sport hinterlassen ja oft die, die Diskurse
aufmachen, Wandel anstoßen. Dieses Bewegen im wahrsten Sinn wird Birgit
Palzkills großes Vermächtnis: Palzkill ist eine der ersten Personen, die zu
lesbischen Frauen im Spitzensport forscht und spricht. Und die erste
Person, die 1998 eine Studie zu sexualisierter Gewalt im deutschen Sport
veröffentlicht.
Schon als Sportler:in fallen Birgit Palzkill bestimmte Dinge auf. Einmal
spielen sie bei einer Basketball-EM gegen Däninnen, die ohne BH antreten –
und bei jeder Spielerin mit großen Brüsten johlt das Publikum. Die
Athletinnen verstehen erst gar nicht, worum es geht, dann wird Palzkill
klar: „Die Leute waren da, um Frauenkörper anzugucken. Das fand ich sehr
entwürdigend.“ Als Kugelstoßer:in fallen Palzkill die oft von
Abhängigkeiten geprägten sexuellen Verhältnisse zwischen Sportlerinnen und
Trainern auf. Den als Mannsweibern verlachten Kugelstoßerinnen geht es auch
darum, sich damit aufzuwerten. Es sind wichtige Erinnerungen für später.
## Prägende Frauenbewegung
Wie prägend es ist, wenn Sportler:innen nicht voll professionell tätig
sind und andere Horizonte haben, zeigt sich bald. Birgit Palzkill, im
Hauptberuf Lehrer:in, zieht 1976 nach Köln – und kommt mit der
Frauenbewegung in Kontakt. Plötzlich bekommen viele eigene Erlebnisse in
der Sportwelt einen polittheoretischen Boden. Palzkill beginnt, lesbisch zu
leben, doch auch in der Frauenbewegung ist lesbisches Leben oft noch ein
Tabu. Eigentlich, um ins Gespräch zu kommen, startet Birgit Palzkill ein
Interviewprojekt mit [3][lesbischen Spitzensportlerinnen]. Was sich da
auftut, ist ein riesiges Dunkelfeld, das Interesse ist überwältigend. 1990
entsteht eine Pionierstudie.
Birgit Palzkill landet damit auf der Titelseite der Bild-Zeitung. Die
Schlagzeilen des Boulevards, so berichtet Palzkill es dem
Zeitzeugenprojekt, sind reißerisch: „Die süßen Tennisgirls – fast alle
lesbisch.“ Aber von Sportlerinnen gibt es riesigen Zuspruch. Negative
Konsequenzen erlebt Birgit Palzkill nicht – anders als auf anderem Gebiet.
Im Auftrag des damaligen Frauenministeriums veröffentlicht Palzkill 1998
zusammen mit Michael Klein die [4][erste deutsche Studie] zu
[5][sexualisierter Gewalt im Sport.]
„Ich konnte mir überhaupt nicht ausdenken, was das an Shitstorm bedeutet.“
Beleidigungen, massiver Druck, ein Verbot, Fortbildungen zu geben. Das
vielleicht größte Tabu ist, dass die beiden über Strukturen reden – denn
angeblich gibt es ja nur Einzelfälle. Zunächst wird die Studie unter
Verschluss gehalten, dann auf Druck von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau
doch veröffentlicht. Und Birgit Palzkill merkt: Die Presse greift das Thema
auf. Es tut sich was.
Es gibt viele weitere Leben in diesem einen bewegten und bewegenden Leben.
Wie Birgit Palzkills Rolle in der Friedensbewegung, auch da war der Sport
vorn mit dabei. Und im Zuge des langen Lebens hat Birgit Palzkill genossen,
zu erleben: Es ändern sich wirklich Dinge. Auch in den Strukturen. Seit
2017 ist Birgit Palzkill Unabhängige Beauftrage zum Schutz vor
sexualisierter Gewalt des Landessportbunds NRW.
29 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zeitzeugen-sport.de/birgitt-palzkill/
(DIR) [2] /Der-Fall-Geipel-und-Gesinnungskaempfe/!5977524
(DIR) [3] /Lesben-im-Frauenfussball/!5117630
(DIR) [4] https://www.bisp-surf.de/Record/PU199910402344
(DIR) [5] /Sexualisierte-Gewalt-im-Sport/!6099811
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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