# taz.de -- Die Wahrheit: Radioaktive Erschöpfung
> Selbst das dauernde Drücken der Programmwahltaste kann einen nicht vor
> der Dampfplauderei und Nachrichtenelendigkeit der Radiosender bewahren.
Wenn es nach mir ginge, würde ich mich nach dem Frühstück gleich wieder
hinlegen. Vor allem, weil mich das morgendliche Radiohören so wahnsinnig
anstrengt. Ständig muss ich einordnen, mich entscheiden, handeln. Ich habe
nämlich fünf sehr unterschiedliche Sender in mein Küchenradio
einprogrammiert und schalte in einer Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung
dauernd hin und her. Verzweiflung über das gerade Gehörte und Hoffnung
darauf, dass es ein paar Frequenzen weiter nicht ganz so elend zugeht.
An manchen Tagen lassen mich die tausendmal gehörten Musikstücke, an
anderen die deprimierenden Nachrichten immer wieder die Programmwahltaste
bedienen. Oft ist es aber auch der hysterische Ton der
Popradio-Dampfplauderer oder die performative Stirnfaltigkeit des
Sprechpersonals der bildungsbürgerlichen Kultur- und Infosender.
Vor einigen Tagen hörte ich eine Sendung, in der ein Schauspieler zu seiner
Arbeit befragt wurde. Er erzählte von einem kürzlich gedrehten Fernsehfilm
und sagte dann doch tatsächlich den abscheulichen Satz „In dieser Rolle
musste ich ganz tief in den Schmerz gehen.“ Reflexartig, vegetativ
reagierend schaltete ich weg. Es ist schrecklich: Die Grenzen des
öffentlich Sagbaren werden leider immer weiter verschoben.
Auf der Flucht vor dem Schauspielerschmerz landete ich bei der
Regionalsparte des NDR. Die Musikauswahl dort orientiert sich am
Durchschnittsgeschmack der Babyboomer. Mindestens fünfmal am Tag läuft
ABBA. Ich hörte die Zeilen „Ring, ring, why don’t you give me a call? Ring,
ring, I stare at the phone on the wall.“ Und überlegte: Was mögen Teenager
wohl denken, wenn sie diesen Song mal zufällig hören? Vielleicht: Wer hat
warum das Handy an die Wand geklebt oder genagelt?
## Telekommunizieren wie früher
Oder haben sie doch schon mal in einem Film gesehen, wie man früher
telekommunizierte? Nämlich nicht nur mit gemieteten Festnetztelefonen, die
auf häkeldeckendekorierten Tischchen im Flur standen und im Idealfall eine
lange Schnur hatten, damit man das Telefon in jedes Zimmer mitnehmen
konnte, sondern manchmal auch mit absolut immobilen „Wandapparaten“, die
von unkündbaren, pensionsberechtigten Postbeamten bei der Installation in
die Wand gedübelt wurden?
Da mein Teenager kein Teenager mehr ist und außerdem bereits länger die
elterliche Wohnung verlassen hat, bekam ich keine Antwort auf diese Fragen.
Ebenso wenig wie auf die, die sich nach dem erneuten Umschalten stellten:
Wer hat sich eigentlich den Titel der Deutschlandfunksendung
„Klassik-Pop-et cetera“ ausgedacht? Wie viel Beliebigkeit kann in einer
Formulierung eigentlich stecken? Wieso nennt man die Sendung nicht gleich
„Kraut und Rüben“. Oder: „Irgend ’ne Musik!“ Oder geht es hier vielleicht
gar nicht um Beliebigkeit, sondern um Vielfalt? Warum dann nicht das alte
Swinger-Club-Motto „Alles geht, nichts muss!“ recyceln?
Und da war sie wieder, diese Erschöpfung. Ich muss damit aufhören.
28 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Hartmut El Kurdi
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