# taz.de -- Die Wahrheit: Zum Kotzen schönes Täschchen
       
       > Einst gab es Dinge, die nur für einen einzigen und sei es auch völlig
       > abseitigen Zweck erworben und eingesetzt werden konnten.
       
       In der romantischen Komödie „Prime“, die auf Deutsch den beschrubbten Titel
       „Couch-Geflüster“ trägt, spielt Uma Thurman eine 37-jährige Frau, die eine
       Affäre mit einem 23-jährigen Mann hat. Als sie sein Alter erfährt, sagt
       sie: „O mein Gott, du bist ein Kind. Ich hab T-Shirts, die sind älter als
       du!“
       
       Mit zunehmendem Alter besitzt man tatsächlich immer mehr alten Kram:
       Schlüssel zu ehemaligen Wohnungen, kaputte Mehrfachsteckdosen, die man ganz
       sicher nochmal reparieren kann, Fünfeinviertelzoll-Diskettenlaufwerke –
       oder eben alte unansehnliche T-Shirts.
       
       Inzwischen habe ich den T-Shirt-Satz in anderen Filmen auch schon in
       Variationen gehört, zum Beispiel mit Unterhosen. Schriebe ich ein
       Rom-Com-Drehbuch, schöpfte ich aus meinem eigenen Leben und würde die
       Hauptfigur sagen lassen: „Ich habe eine Kopfhöreraufbewahrungstasche, die
       ist älter als du.“
       
       Dieses real existierende Täschchen stammt nämlich aus dem Jahr 1989 und
       trägt die fast verblichene Aufschrift: „Telehospital“. Ich war damals wegen
       einer Lebensmittelvergiftung respektive stundenlangen Erbrechens in die
       Städtischen Kliniken Hildesheim eingeliefert worden. Die Kotzerei begann
       ausgerechnet dann, als ich auf einer Kleinkunstbühne im ländlichen Raum
       Menschen unterhielt. Im Krankenhaus stoppte man meinen Brechreiz relativ
       schnell medikamentös, ließ mich aber – es gab ja noch keine Fallpauschalen
       – vier weitere Tage sinnlos herumliegen. Also schaute ich fern.
       
       Dazu musste ich mir allerdings einen „Druckluft-Kopfhörer“ für den sich am
       Bett befindlichen Mini-TV-Bildschirm kaufen. Bis heute ist mir diese
       Technik nirgendwo anders untergekommen. Das Ding kostete 15 D-Mark – viel
       Geld angesichts der Tatsache, dass man das pneumatische Kuriosum für nichts
       anderes und damit nie wieder benutzen konnte.
       
       Aber immerhin: Das Täschchen, in dem man den Kopfhörer geliefert bekam,
       bestand aus gutem, zähen, widerstandsfähigen 20.-Jahrhundert-Nylon, selbst
       der Reißverschluss war für eine jahrtausendelange Nutzung konzipiert. Und
       die Farbe war von Anfang an so eklig – irgendwo zwischen einem
       schmuddeligen Seafoamgreen und einem infektiösen Nasennebenhöhlentürkis –,
       dass der langsame zeitbedingte Farbintensitätsverlust auch wieder wurscht
       war.
       
       In jedem Jahrzehnt verändere ich die Nutzung des hässlichen Täschchens: Mal
       trage ich darin Stifte durch die Gegend, mal Gitarrenkrimskrams zu
       Auftritten, zurzeit dient es mir als Miniatur-Kulturbeutel. Und jedes Mal,
       wenn ich es anschaue, denke ich an diesen einen magenentleerenden Auftritt
       im Kulturgut Heiningen.
       
       Ich befürchte allerdings, dass sich die Menschen, die damals dort in der
       ersten Reihe saßen, auch ohne Täschchentrigger immer mal wieder an diesen
       Abend erinnern. Eigentlich habe ich diese Kolumne nur geschrieben, um ihnen
       nochmals zu sagen: Es tut mir aufrichtig leid!
       
       31 Dec 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hartmut El Kurdi
       
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