# taz.de -- Spielfilmdebüt „Little Trouble Girls“: Alle Sinne auf Empfang gestellt
       
       > In ihrem Debütfilm „Little Trouble Girls“ erzählt die Regisseurin Urška
       > Djukić vom sexuellen Erwachen einer Teenagerin. Dazu wählt sie einen sehr
       > eigenen Weg.
       
 (IMG) Bild: Verbotene Früchte? Lucija (Jara Sofija Ostan) und Ana Maria (Mina Švajger) in „Little Trouble Girls“
       
       Wer die Jugend als goldene Zeit in Erinnerung hält, hat wahrscheinlich zu
       lange nicht mehr in einem Schulbus gesessen. Schon vor Abfahrt kann hier
       allein die Platzwahl Hierarchien zementieren und Anlass zu Magenschmerzen
       geben. Letzteres bleibt Lucija erspart, als sie sich mit dem Mädchenchor
       ihrer katholischen Schule auf den Weg zu drei Tagen Probe in ein
       norditalienisches Kloster macht. Die Gespräche in der Clique, mit der die
       Sechzehnjährige kürzlich angebandelt hat, gehen dafür noch auf der Fahrt
       ans Eingemachte.
       
       „Seit wann hast du deine Periode?“, fragt Ana Maria sie unverblümt. Das
       Mädchen gibt in der Gruppe den Ton an, weil sie die reifste ist oder es am
       besten beherrscht, so zu tun. Lucija, die Protagonistin in Urška Djukić’
       Spielfilm „Little Trouble Girls“, ist schüchterner, unerfahrener und
       fasziniert von Ana Maria. Anders als man es von der speziellen Dynamik in
       so einem Schulbus erwarten könnte, antwortet sie ehrlich: Sie hat ihre
       Menstruation noch gar nicht bekommen.
       
       Ob sie sich als eher streng erzogenes Mädchen verpflichtet fühlt, brav die
       Wahrheit zu sagen, oder keinen Drang verspürt, sich für etwas school
       credibility einen Zyklus anzudichten, ob vielleicht beides zutrifft? Die
       Regisseurin überlässt das wie vieles in diesem auffallend sicher
       inszenierten Debüt der Interpretation.
       
       Eindeutiger ist, auf welches Terrain die Slowenin ihre Protagonistin mit
       dieser Reise schickt. Durch das Busfenster sieht Lucija einen Mann am
       Flussufer stehen. Er ist nackt, ihr Blick bleibt hängen und er guckt
       zurück. Blankes foreshadowing. Allerdings verfolgt die Handlung dann einen
       sehr eigenen Weg, vom sexuellen Erwachen dieses Mädchens zu erzählen.
       
       Ja, Djukić setzt eine Gruppe Schülerinnen fernab von zu Hause und unter den
       Augen der Jungfrau Maria in einem Kloster aus, wo sie auf Nonnen und
       schwitzende Bauarbeiter treffen. Was sie daraus macht, ist dann erstaunlich
       frei von Nonnen- wie Bauarbeiterklischees und handelt weniger von Sex als
       von Sinnlichkeit.
       
       ## Mehr Fragen als Urteile
       
       Für Lucija wird es darum gehen, die Welt und sich selbst nicht mehr nur
       durch die Brille ihrer Erziehung wahrzunehmen, sondern einen eigenen Blick
       zu wagen. Klingt leichter, als es ist. Sind die Glaubenssätze, mit denen
       man aufgewachsen ist, katholisch aufgeladen und will man zudem gern
       Freundschaften knüpfen, wird es noch etwas komplizierter. Und doch wirkt
       „Little Trouble Girls“, als wäre man im grimmigen Winter von einer
       sommerlichen Brise gestreift worden, die kurz Entspannung verschafft.
       
       Djukić hat Lucija mit der Laiendarstellerin Jara Sofija Ostan besetzt,
       deren untertouriges Spiel über weite Teile sehr gut zu dem zurückhaltenden
       Mädchen passt, das mehr Fragen als Urteile im Gepäck hat. (Gegen Ende wird
       diese Art zu spielen der Entwicklung ihrer Figur leider weniger gerecht.)
       Es ist kein Zufall, dass ihr Ohr das Erste ist, was man von ihr sieht. Als
       Mensch, der alles beobachtet und nur das Nötigste sagt, nimmt sie umso mehr
       von ihrer Umgebung wahr.
       
       Schon in der Anfangssequenz wirken die Themen und kohärente Ästhetik des
       Films gekonnt zusammen: Es ist die Chorprobe, in der Lucija und Ana Maria
       sich das erste Mal begegnen, und Lucijas Sinne sind voll auf Empfang
       gestellt. Sie guckt das fremde Mädchen nicht nur an, sie studiert es. Hört
       nicht nur den Bibeltext, der vorgelesen wird, sondern bemerkt das Summen
       der Fliege auf dem Kronleuchter. Wie Haarsträhnen um Finger gewickelt und
       heimlich SMS getippt werden.
       
       Es passiert viel zu selten, dass die Tonebene im Film die gleiche Zuwendung
       erfährt wie das Bild. Unter den vielen Preisen, die „Little Trouble Girls“
       bisher gewonnen hat, galt immerhin einer dem Sounddesign. Überdeutlich hört
       man die Mädchen beim Warmsingen atmen, hauchen, lautmalen. Woran dieser
       Klang noch erinnert, ist ihnen vielleicht nicht bewusst.
       
       ## Körperlicher Umgang der Mädchen untereinander
       
       Es braucht die Figur der Ana Maria, um das Bewusstsein der Protagonistin
       dahingehend zu erweitern und die Handlung voranzutreiben. Das klingt sehr
       technisch, gestaltet sich aber weitaus interessanter, als hätte Lucija
       geradewegs Bekanntschaft mit dem Badenden vom Flussufer gemacht. Die
       Beziehung zwischen den Mädchen ist komplex. Auch ist nicht ganz klar, ob
       die Anziehung zwischen ihnen nur freundschaftlicher Art ist. Ana Maria
       erklärt ihr, woran man spürt, ob man sich von jemandem angezogen fühlt. In
       einem intimen Moment zeigt sie ihr, wie ein richtiger Kuss sich anfühlen
       könnte.
       
       Ob ihr Verhältnis queer ist, wie es über den Film, der bei der
       [1][Berlinale 2025] die Nebenreihe „Perspectives“ eröffnete, öfter hieß,
       ist vielleicht gar nicht so wichtig. Es kann ebenso Ausdruck davon sein,
       dass der Umgang unter Mädchen körperlich oft unbefangener ist als bei
       gleichaltrigen Jungen. Sich nahe zu kommen, wird nicht gleich als Nachweis
       der sexuellen Orientierung gehandelt.
       
       Die Szenen zwischen den Schülerinnen erzählen in jedem Fall Schönes und
       Schmerzhaftes davon, wie komplex Mädchenfreundschaften sein können. Obwohl
       Ana Maria ein ambivalenter Charakter ist: Nachhaltig gestört wird die
       Beziehung der beiden erst vom vernichtenden Umgang des Chorleiters, dem
       sich Lucija in ihrer Verwirrung anvertraut. Auch bei seiner Rolle überzeugt
       die Besetzung.
       
       Bis hin zu den Nonnen nimmt die Regisseurin ihre Figuren ernst. Als Lucija
       eine von ihnen geradeheraus fragt, ob ihr das Zölibat zu schaffen mache,
       antwortet die Frau unbefangener, als es die übrigen Erwachsenen in dieser
       Geschichte bei dem Thema zustande gebracht hätten. Mit
       gesellschaftlich-kirchlichen Erwartungen sind die Schülerinnen sicher
       bestens vertraut. Hier lässt Djukić sie zur Abwechslung einmal Begegnungen
       mit Spiritualität machen.
       
       ## Aufkeimendes körperliches Verlangen
       
       Was ihr weniger gelingt, ist, starke Bilder für Lucijas inneres Erleben zu
       finden. Sich öffnende Blüten aller Arten sind hübsch anzusehen, wirken aber
       etwas uninspiriert, wenn es darum geht, das aufkeimende körperliche
       Verlangen einer Heranwachsenden zu illustrieren. Andererseits: Der
       halbdokumentarische Kurzfilm „Granny’s Sexual Life“, mit dem Urška Djukić
       bekannt wurde, erzählt von sexuellem Missbrauch in der Ehe. Will man da an
       ein paar Rosen herummäkeln, die sich gelassen und ohne Zwang selbst öffnen?
       
       Auch sei hier kurz an die Entjungferungskomödie „American Pie“ erinnert,
       die in den Neunzigern womöglich auch aufgrund des mangelnden Angebots zum
       Thema ein Hit wurde. Der Film war vorrangig aus der Perspektive
       selbstverständlich heterosexueller männlicher Teenager erzählt, die
       selbstverständlich mit Mädchen oder Frauen schlafen wollten.
       
       Dennoch war es für junge Zuschauer:innen quasi unmöglich, dabei etwas
       Aufschlussreiches über weibliche Sexualität zu erfahren. Wenn überhaupt,
       dann vom imaginierten Sexleben (hemmungslos) osteuropäischer (Land egal)
       Austauschschülerinnen. Frauen oder Mädchen, die sich ihrer Lust selbst
       annehmen, wie man es in [2][„Little Trouble Girls“] sieht? Das wird im Kino
       erst langsam, wenn auch mehr und mehr gewöhnlich.
       
       Für diesen Beitrag zu einer reicheren Filmlandschaft möchte man Djukić auch
       das etwas verworrene, überstürzte Ende verzeihen, das die Protagonistin
       recht plump aus der Handlung entlässt. Dass sie Lucija heißt, die
       Erleuchtete, lässt immerhin Gutes hoffen. Vielleicht endet diese Reise für
       sie mit der Erkenntnis, dass irdische und geistige Freuden sich nicht
       ausschließen müssen.
       
       27 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Abschluss-der-75-Berlinale/!6068358
 (DIR) [2] https://grandfilm.de/littletroublegirls/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Böhm​
       
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