# taz.de -- Neue Spaltungen bei links und rechts: Die Politik des Schibboleths
       
       > Die Allianzen von früher zwischen verschiedenen politischen Gruppen
       > gelten nicht mehr. Quer durch die Lager verlaufen heute die Trennlinien.
       
 (IMG) Bild: Karl Habsburg-Lothringen, der Enkel des letzten österreichischen Kaisers und Präsident der Paneuropabewegung Österreich am 11. Januar 2024 in Wien
       
       Die Differenz der politischen Lager hat eine zusätzliche Unterscheidung
       bekommen. Zur genauen Bestimmung reichen rechts und links nicht mehr aus.
       Es kommt noch etwas hinzu: eine Politik des Schibboleths – ein Prüfstein,
       ein Erkennungszeichen, an dem sich Loyalitäten formieren und Gruppen
       trennen.
       
       Einen besonders skurrilen Fall einer solchen Binnendifferenzierung konnte
       man kürzlich in Wien beobachten. Ausgangspunkt war [1][Karl Habsburg]. Nach
       einer Affäre um ehemalige Kronjuwelen kam dieser kürzlich wieder in die
       Schlagzeilen. Der Enkel des letzten Kaisers! Wobei – wirkliche Schlagzeilen
       waren es keine. Eher aufgeplusterte Meldungen. Denn für sich betrachtet,
       wäre das Ganze völlig nebensächlich. Interessant aber ist, was sich an
       diesem „Affärchen“ manifestiert hat.
       
       Habsburg hat eine Rede gehalten. In einem Forum, das bis zur besagten
       Kronjuwelenaffäre völlig unter dem Radar der Öffentlichkeit war. Wer hatte
       vorher schon vom „St.-Georgs-Orden“ gehört? Auch wenn dieser im Schloss
       Belvedere, der ehemaligen Residenz des Prinzen Eugen, zu tagen pflegt.
       (Darunter macht man es in Wien nicht.) Je nach eigener Position wird dieser
       Orden in den Medien als „illuster“ oder als „elitär“ bezeichnet – eine
       nuancierte Politik der Adjektive.
       
       „Ominös“ wäre auch noch eine Variante. Oder wie sonst sollte man einen
       Orden der Familie Habsburg-Lothringen bezeichnen, dem das Oberhaupt der
       Familie als „Großmeister“ vorsteht? Ein Fantasietitel. Ebenso wie die
       Fantasieliste einer „Ehrenritterschaft“, in die manche aufgenommen werden.
       Wie bei solchen hierarchischen Ordnungen üblich, wird bei Weitem nicht
       allen Mitgliedern diese Nobilitierung zuteil. Der Adel bedarf auch des
       Fußvolks – zur Differenzierung. Eine Spielwiese für das Ausagieren
       monarchischer Phantomschmerzen.
       
       ## Den „Patrioten“ ihren Patriotismus abgesprochen
       
       In der Rede mit dem imposanten Titel „Zur Zukunft Europas“ hat Habsburg
       Teilen der rechten EU-Fraktion Patrioten für Europa, der auch sechs
       FPÖ-Abgeordnete angehören, ihren Patriotismus abgesprochen. Diese seien
       vielmehr „brutale Nationalisten“ gegen die EU und zudem durch ihre
       Verbandelung mit Putin die „fünfte Kolonne Moskaus“. Dies sei ein doppelter
       „Hochverrat“ – am eigenen Land und an Europa.
       
       Hier zeigte sich: Es gab eine Allianz zwischen erzkonservativen und
       erzreaktionären Kräften. Auf der Spielwiese des Ordens tummeln sich nicht
       nur zahlreiche ÖVPler mit einer quasi „natürlichen“ Nähe zum Hause
       Habsburg, sondern auch etliche FPÖler. So viele, dass man schon von einer
       „Unterwanderung“ des Ordens durch Freiheitliche gesprochen hat.
       
       Diese Allianz hat die Rede nun aufgekündigt. Folgerichtig gab es lautstarke
       Austritte der FPÖ-Mitglieder.
       
       An diesen Schattengefechten zeigte sich: Solch rechte Allianzen haben einen
       Stolperstein, an dem sie sich auflösen – ihr Schibboleth. Bei den Wiener
       Geisterbeschwörungen, diesen politischen „Séancen“, war es das Verhältnis
       zu Putin, das sie trennte. Aber der Spaltpilz für die Rechten beschränkt
       sich nicht darauf. Auch das Verhältnis zu den USA kann zu einem solchen
       werden.
       
       ## Kein kohärentes Weltbild
       
       So verläuft etwa eine scharfe Trennlinie durch die AfD – zwischen jenen,
       die sich Trump und Musk zuwenden, und jenen, die in guter alter
       Nazitradition gegen den radikalisierten Liberalismus Stellung beziehen.
       Ironischerweise lautet der Vorwurf gegen die „westextremen“ Trump-Anhänger:
       [2][Die AfD sei nicht die „fünfte Kolonne von MAGA“], so der völkische
       Autor Benedikt Kaiser.
       
       Aber auch die Linke hat ihr Schibboleth. Hier ist es das Verhältnis zu
       Israel oder zum Judentum, das alte und neue Linke spaltet. Jene, die aus
       der antifaschistischen Tradition kommen – und jene, die sich auf die
       Gegenwart der israelischen Politik beziehen. Und beides bietet
       überschießenden, überbordenden emotionalen Treibstoff.
       
       Kurzum – Linke haben ebenso wenig wie Rechte noch ein kohärentes Weltbild,
       das sie vereint. Die Demarkationslinien verlaufen nunmehr nicht nur
       zwischen den Lagern, sondern auch quer durch diese. Mit ständig neuen
       Wegmarken, mit ständig wechselnden Gabelungen.
       
       Eine völlig zerklüftete politische Landschaft.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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