# taz.de -- Zum Tod von Holger Klotzbach: Der freundliche Zampano
       
       > Kurz vor seinem 80. Geburtstag ist der Mitbegründer der Showbühnen „Bar
       > jeder Vernunft“ und „Tipi am Kanzleramt“ gestorben. Seine große
       > Künstlerfamilie trauert.
       
 (IMG) Bild: 2022 feierte Holger Klotzbach ein Jubiläum, für sich und für Berlin: 30 Jahre Bar jeder Vernunft und 20 Jahre Tipi am Kanzleramt
       
       Mit dem freundlichen, gleichwohl kühlen Blick eines Betrachters vom
       ästhetischen Stadtmobiliar ließe sich sagen: Ohne ihn wäre Berlin –
       Hauptstadt der seit dem Fall der Mauer neuen Bundesrepublik – in jeder
       Hinsicht künstlerisch ärmer. Ungefähr so grau und einerlei, wie eine
       Millionenstadt im schmutzig schneearmen Winter nur sein kann.
       
       Holger Klotzbach hat Berlin eine Kunst beschert, mit seinem Freund und
       Geschäftspartner Lutz Deisinger, mit der Gründung der Bar jeder Vernunft –
       allein der Name! – und Jahre später mit der Filiale Tipi am Kanzleramt, die
       es zwischen bürgerlicher Opernallürenhaftigkeit, müdem Boulevard am Kudamm
       und verbleichendem Underground in den jeweiligen Szenevierteln einfach
       nicht gab. [1][Revue, Operette, Entertainment].
       
       „Das weiße Rößl“ etwa, angeblich verstaubteste Kultur, wurde in der Bar
       jeder Vernunft zu einem spektakulären Comeback in der Tradition der queeren
       Kulturen, die es in Berlin zuletzt in den Jahren der Weimarer Republik gab.
       
       Klotzbach, der eine astreine linksradikale Vergangenheit als
       Theaterprinzipal mitbrachte, Akteur der 68er-Bewegung in Tübingen,
       sogenannter Organisationssekretär der „Proletarischen
       Linken/Parteiinitiative“, einer [2][der vielen politischen Kuriosa jener
       Jahre des Aufbruchs] der Bundesrepublik in sattelfestere Lockerheit der
       Sitten. Den Lehrerberuf, den er eigentlich ergreifen wollte, verfehlte er,
       staatlich bestimmt. Es galt auch für ihn der „Radikalenerlass“, der für
       Lehreranwärter galt, die die Bundesrepublik revolutionär umstricken
       wollten.
       
       ## Zirkus-Roncalli-haft in die Berliner Luft gesetzt
       
       Womöglich war das ein Glück für ihn, nicht in Schulen sein Dasein
       bestreiten zu müssen, sondern im künstlerischen Sektor. Dieser in Duisburg
       gebürtige Mann war schließlich in Westberlin Mitgründer des Schwarzen
       Cafés, [3][Mitglied des Kabaretts „Die 3 Tornados“] – [4][prima
       Zwischenetappen in den alternativen Szenen], von denen die
       offiziell-bürgerlichen Szenen nicht ahnten, wie sehr sie beerbt werden
       würden durch eben Spielstätten wie die Bar jeder Vernunft oder das Tipi.
       
       Das [5][erste Theater findet sich gut besucht auf einem ehemaligen
       Parkdeck] im gediegenen Wilmersdorf, auch schon zeltartig,
       Zirkus-Roncalli-haft in die Berliner Luft gesetzt. Das Tipi ist ein
       Zeltdorf zwischen Regierungszentrale und Tiergarten, Juwelen beide
       „Häuser“, elegant und verspielt in einem. Atmosphärisch das Gegenteil vom
       Brutalismus noch der späten achtziger Jahre.
       
       In dieser Theaterlandschaft des Holger Klotzbach war er der König, der
       Inspirator, der Ideenhaber, der Mann mit Feingefühl für die KünstlerInnen,
       die das gern begeisterungsfähige Publikum hochleben ließ. Ohne Klotzbach
       wären [6][Maren Kroymann], Gustav Peter Wöhler, Katharine Mehrling,
       Georgette Dee, Gayle Tufts, Rainer Bielfeldt, Tim Fischer, Cora Frost,
       Meret Becker, Dominique Horwitz, Pigor & Eichhorn, Gitte Haenning, die
       Geschwister Pfister, Lisa Eckardt und Ades Zabel entweder verkannt
       geblieben oder nie zur Chance gekommen, als älter werdende Diseusen nicht
       ins Austragshäusl verbracht zu werden.
       
       Holger Klotzbach, ein Kurator mit Fingerspitzengefühl, hat aus seinen
       Spielstätten, allen gelegentlichen Auslastungsproblemen zum Trotz, Berliner
       Marken gemacht – im Tipi begründete ein Politiker wie Klaus Wowereit seinen
       legendären Ruf, jenseits der Aktenstudien im Roten Rathaus ein schwules
       Abendleben zu haben, zum Feierbiest zu werden. Berlin [7][sei „arm, aber
       sexy“ – dem Vernehmen nach als Marketingspruch in haushaltsknappen Zeiten]
       im Tipi ausgebracht. Tipi und Bar jeder Vernunft waren mithin die Heimat,
       das Zuhause eines neuen Berlin-Gefühls: fern vom prinzipiellen Gemecker um
       alles und jeden, elegant und doch süffig, knuffig in der Aura und
       freundlich (ja, Berlin hat Orte der Freundlichkeit) zu allen.
       
       ## Selbstverständlich schwul, lesbisch und erotisch ambivalent
       
       Politisch waren die Vergnügungsstätten des Holger Klotzbach auf eine
       souveräne Weise durch ihn selbst (und seinen Mann) schwul, ohne dass es
       parolenhaft sich anfühlte. Im Tipi und in der Bar jeder Vernunft war es
       queer – was nicht ideologisch gemeint ist, sondern als Rauminstallation im
       Städtischen, in der Schwules, Lesbisches & erotisch Ambivalentes einfach
       selbstverständlich zu sein schien.
       
       Am 23. Januar ist Holger Klotzbach gestorben, kurz vor seinem 80.
       Geburtstag. Und das hieß für seine Theater: The shows must go on. Das
       Publikum weinte, als Klotzbachs Witwer, Eric Schmidt-Mohan, am Abend der
       [8][Operettenpremiere „Frau Luna“] den Tod seines Mannes verkünden musste.
       Er sagte zum Publikum: „Und somit darf ich Sie einladen, mit uns gemeinsam
       dennoch zum Mond zu fliegen und diesen Abend zu feiern, wie es bei uns im
       Hause Sitte ist. Auf den Einladungen zu unserer Premiere steht explizit
       Holger Klotzbach, denn er hat sich so sehr auf diesen Abend gefreut, in
       Übermut und Ungeduld, wie wir ihn kennen. Und ich unterstelle ihm jetzt
       mal, dass die Ungeduld so groß war, dass er gestern schon vorausgeflogen
       ist zu den Sternen.“
       
       Klotzbach, dem alten exlinksradikalen Magier der wirklich schönen Künste,
       hätte das gefallen. Mögen seine Theater auch ohne ihn leben, solange sie
       Berlin nötig hat. Also für immer!
       
       28 Jan 2026
       
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 (DIR) [8] https://www.tipi-am-kanzleramt.de/de/programm/programmuebersicht/frau-luna-operette.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
       ## TAGS
       
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 (DIR) Queer
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