# taz.de -- Medizinische Versorgung in Berlin: Richtige Welle kommt erst noch
       
       > Die Bevölkerung wird immer älter und mit ihr ein Großteil der
       > Ärzteschaft. Die Kassenärztliche Vereinigung fürchtet Unterversorgung im
       > ambulanten Bereich.
       
 (IMG) Bild: Schlägt Alarm: Burkhard Ruppert, Chef der KV Berlin
       
       Es ist ein düsteres Bild, das der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung
       (KV) Berlin, Burkhard Ruppert, von der ambulanten medizinischen Versorgung
       in der Hauptstadt zeichnet. „Schon heute sind einige Regionen unserer Stadt
       kritisch unterversorgt, vor allem im Osten Berlins.“ Trotz Förderprogrammen
       und neuer Praxismodelle drohe die Lage sich weiter zu verschärfen. Ruppert
       fordert einen [1][Systemwechsel und mehr Verantwortung von Politik und
       Patienten].
       
       Es ist nicht das erste Mal, dass der Chef der KV Berlin Alarm schlägt. Die
       eigentliche Welle, so Ruppert in seinem am Donnerstag veröffentlichen
       Weckruf, „rollt noch auf uns zu“. – „Wir erleben eine doppelte
       demografische Entwicklung: Unsere Gesellschaft wird älter – und unsere
       Ärzteschaft ebenfalls“. Schon 2025 sei über ein Drittel der Berliner
       Ärzt:innen älter als 60 Jahre gewesen.
       
       2040 werde es fast die Hälfte sein. „[2][Wir wissen nicht, ob der ärztliche
       Nachwuchs ausreicht], um die entstandene Lücke schließen zu können.“ Hinzu
       komme: Immer mehr junge Ärzt:innen wollten in Teilzeit arbeiten – aus
       nachvollziehbaren Gründen. Das bedeute: mehr Köpfe im System, aber weniger
       Arztzeit.
       
       Gleichzeitig wachse Berlin. Am stärksten dort, wo die Versorgung ohnehin am
       schwächsten sei. Das gelte zum Beispiel für Marzahn-Hellersdorf,
       Treptow-Köpenick und Lichtenberg. „In denselben Bezirken liegt die
       Erkrankungsrate über dem Berliner Durchschnitt.“
       
       ## Notlage weitet sich aus
       
       Zwar steuere die KV längst gegen: „Wir fördern Neuniederlassungen und
       Praxisübernahmen mit Anschubfinanzierungen, unterstützen Anstellungen und
       Praxisassistenzen und begleiten Ärztinnen und Ärzte auf dem Weg in die
       ambulante Versorgung.“ Trotz steigender Arztzahlen verbessere sich der
       Versorgungsgrad aber kaum. „Das starke Bevölkerungswachstum in Berlin
       frisst unsere Erfolge auf.“
       
       Die Notlage aus den Ostbezirken drohe auch andere Teile der Stadt zu
       erreichen. „Wir brauchen einen Systemwechsel“, fordert der Chef der KV
       Berlin. Die Vorstellung, „jederzeit, an jedem Ort und ohne Steuerung Zugang
       zu allen ärztlichen Leistungen zu haben“, bezeichnet er als überholt.
       Notwendig sei eine verpflichtende und intelligente Patientensteuerung.
       „Orientiert an den Grundsätzen: digital vor ambulant vor stationär.“
       
       Die SPD geführte Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege
       erklärte am Freitag auf Nachfrage der taz, die von Ruppert beschriebenen
       „Sachzusammenhänge“ bezüglich der ambulanten Versorgung seien ihr bekannt.
       Die Bedenken würden ernst genommen. Bereits 2023 sei eine Arbeitsgruppe des
       gemeinsamen Landesgremiums zur Sicherstellung der ambulanten Versorgung
       gegründet worden, die fortbestehe.
       
       Bundesrechtlich sei die Sicherstellung der ambulanten vertragsärztlichen
       Versorgung aber Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die
       Senatsverwaltung für Gesundheit begrüße das [3][Engagement der
       Kassenärztlichen Vereinigung Berlin in den Bereichen der
       Niederlassungsförderung und -beratung] sowie der Gründung von
       Eigeneinrichtungen in Bezirken mit niedrigeren Versorgungsgraden.
       
       Insbesondere durch die Gründung von Eigeneinrichtungen werde auch die
       Präferenz der jüngeren Ärztinnen und Ärzte unterstützt, eine Tätigkeit in
       Angestelltenverhältnissen auszuüben. Darüber hinaus unterstütze das Land
       Berlin die Bestrebungen der Länder, den Kassenärztlichen Vereinigungen auch
       die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren zu ermöglichen.
       
       Auch im März 2025, bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des
       Abgeordnetenhauses zum Stand der Krankenhausreform, hatte der Chef der KV
       Berlin auf die Problematik bei der ambulanten Versorgung hingewiesen. Im
       Ostteil der Stadt gebe es mittlerweile 130 freie Hausarztsitze mit
       erheblichen Nachbesetzungsproblemen, „obwohl wir das Ganze mit 60.000 Euro
       fördern“, so Ruppert seinerzeit.
       
       23 Jan 2026
       
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