# taz.de -- Mechthild Seithe über Sozialarbeit: „Es ist noch schlimmer geworden“
       
       > Die Bedingungen für die Sozialarbeit waren nie rosig, weiß Mechthild
       > Seithe. Im Vergleich zum neoliberalen Jetzt waren sie aber fast mal eine
       > Idylle.
       
 (IMG) Bild: Sie hat als Sozialarbeiterin gearbeitet und als Professorin Sozialarbeit gelehrt: Mechthild Seithe in ihrer Wohnung in Oranienburg
       
       taz: Frau Seithe, mit Ihrer Veröffentlichung vom „[1][Schwarzbuch Soziale
       Arbeit]“ haben Sie sich 2011 als kritische Stimme der Sozialarbeit
       etabliert. Nun melden Sie sich nach 15 Jahren aus dem wohlverdienten
       Ruhestand mit einem neuen Buch zurück. Was hat Sie dazu motiviert? 
       
       Mechthild Seithe: Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus
       Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die
       jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich los ist. Die Entwicklungen,
       die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle
       dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur: es merkt keiner mehr. Die
       Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere
       Bedingungen man früher in der [2][Sozialarbeit] hatte.
       
       taz: Sie haben 14 Jahre lang als Abteilungsleiterin im Jugendamt in
       Wiesbaden gearbeitet und dann nochmal 18 Jahre lang als Professorin für
       Soziale Arbeit in Jena. Was ist für Sie die Aufgabe einer Sozialarbeiterin? 
       
       Seithe: Sozialarbeit war und ist nie eine revolutionäre Angelegenheit. Der
       Beruf ist entstanden im 19. Jahrhundert zur Zeit der Industrialisierung und
       des Arbeiterelends. Soziale Arbeit hatte von Anfang an für den Staat zwei
       Funktionen: zum einen, die Leute so weit zu befrieden, dass sie arbeiten
       konnten, klarkamen und nicht verhungerten. Auf der anderen Seite ging es
       immer darum, dass die Leute gerade so zufrieden waren, dass sie nicht
       rebellierten. Dieser Zwiespalt steckt bis heute in der Struktur der
       Sozialen Arbeit.
       
       taz: Das klingt sehr pragmatisch. Der Berufsstand hat sich seitdem
       hoffentlich weiterentwickelt … 
       
       Seithe: Durchaus. Die oben genannten Ziele waren und sind die Ziele des
       Staates, die er mit seiner Sozialen Arbeit verfolgt. Die Menschen, die
       diese Arbeit leisteten, haben darüber hinaus immer wieder eigene, mehr auf
       die Bedürfnisse der Betroffenen ausgerichtete Ziele verfolgt und
       entsprechende Konzepte entwickelt. Das professionelle, humanistische
       Konzept, das ich vertrete, ist in den 70er Jahren entstanden. Dabei geht es
       darum, Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens zu unterstützen. Es wird
       dabei natürlich in erster Linie an diejenigen gedacht, die in dieser
       Gesellschaft eben nicht das große Los gezogen haben: an die sozial
       Benachteiligten, die aufgrund von Armut, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und
       anderen Strukturen in dieser Gesellschaft nicht gut klarkommen.
       
       taz: Wie und wo sind Sie zur Sozialarbeit gekommen? 
       
       Seithe: Ich war 68erin und sozialpolitisch engagiert. Ich habe 1972 in
       Psychologie promoviert. Ich habe dann in Wiesbaden im Jugendamt als
       Erziehungsberaterin gearbeitet. Dort habe ich gemerkt, dass ich im Grunde
       für die Leute, die dort zu mir kamen, nicht ausreichend ausgebildet war.
       Mir fehlten da ganz viele Kenntnisse. Mit Psychologie allein war das nicht
       zu machen. Als ich schon längst Abteilungsleiterin war, habe ich deshalb
       Sozialarbeit als Externe in Frankfurt am Main studiert. Das war mir ein
       großes Vergnügen, weil mir dadurch viele Zusammenhänge erst richtig klar
       wurden.
       
       taz: Sie sagen, dass die Bedingungen für die Sozialarbeit damals viel
       besser waren als heute. Aus Ihrer Zeit in Wiesbaden führen Sie die
       Entwicklung der damaligen Obdachlosensiedlung Mühltal als Beispiel für
       gelungene Sozialarbeit an. Das Projekt lief über 20 Jahre, aus der Siedlung
       wurde ein beschauliches Viertel. Wie konnte das gelingen? 
       
       Seithe: Vor Beginn des Projektes war die Situation in dieser Siedlung
       unbeschreiblich schlimm. Viele Bewohner waren Alkoholiker, die Wohnungen
       waren feucht und überbelegt, die Siedlung voller Ratten. Es gab viel
       Gewalt. Die Mitarbeiter vom Jugendamt konnten nur mit Polizeischutz die
       Siedlung betreten. Wir nannten sie im Jugendamt das „Tal der langen
       Messer“. Es hat fast ein Jahr gebraucht, bis die Leute in der Siedlung
       nicht mehr misstrauisch waren, sondern mit den Sozialarbeitern
       zusammengearbeitet haben. Und dann fingen die Leute auch an, für sich
       selbst zu sorgen. Es gab nach einiger Zeit sogar eine gewählte Gruppe, so
       eine Art Ortsbeirat aus eigener Initiative. Nach intensiven Rollenspielen
       mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner in der Lage, im Stadtrat
       aufzutreten und eine Telefonzelle für die Siedlung einzufordern. In der
       zweiten Hälfte der Projektzeit begann die Sanierung der Häuser durch die
       Bewohner selbst. Sie erhielten für ihre Arbeit Lohn und bekamen
       anschließend einen regulären Mietvertrag.
       
       taz: Sie kritisieren, dass ein solches Projekt heute gar nicht mehr möglich
       wäre und vom humanistischen Verständnis in der Praxis kaum noch was übrig
       ist. Warum? 
       
       Seithe: Das alles ist gekippt. Die Soziale Arbeit heute ist nicht mehr an
       den Menschen interessiert, die besondere Schwierigkeiten haben. Sie ist
       auch nicht mehr bereit, so viel Geld für diese Menschen zur Verfügung zu
       stellen. Die Klienten der Sozialen Arbeit sind aus neoliberaler Sicht jetzt
       nicht mehr Klienten, sondern Kunden. Das heißt, es wird von ihnen erwartet,
       dass sie sich wie souveräne Kunden verhalten, aktiv mitarbeiten und dafür
       sorgen, dass sie ihr eigenes Humankapital ordentlich fördern. Wer das nicht
       kann und wer das nicht will, fällt hintenrunter. Es geht um „Fordern und
       Fördern“. Wer die Forderungen nicht erfüllt, wird auch nicht gefördert. Das
       führt schließlich zu einer Zwei-Klassen-Sozialarbeit. Die Leute, die so
       durchs Netz fallen, sind auf Almosen angewiesen, sie gehen zur Tafel und
       nehmen sonstige Wohltätigkeitshilfen wahr, auf die sie allerdings keinen
       Rechtsanspruch haben.
       
       taz: Warum funktioniert das bei diesen Klienten nicht? 
       
       Seithe: Unsere Klientel kann es zum Teil nicht, jedenfalls nicht auf
       Anhieb. Ich habe parallel zu meinem Buch eine Befragung durchgeführt und
       habe festgestellt, dass ein großer Teil der Klienten Angst und Vorbehalte
       hat vor dem Kontakt mit Sozialarbeitern. Sie kommen nicht und sagen: „Ich
       will mich ändern, ich will mein Bestes geben, um wieder arbeiten zu
       können.“ Sie haben selbst oft massive Probleme, aber das sind nicht
       unbedingt die Themen, die die heutige Soziale Arbeit interessiert. Heute
       geht es nicht darum, die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens zu
       unterstützen. Sondern darum, sie möglichst schnell in Arbeit und raus aus
       dem Sozialhilfebezug zu bekommen.
       
       taz: „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“ ist der Titel Ihres neuen
       Buches, und Sie sagen, dass diese nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten
       ausgerichte Sozialarbeit von einem grundsätzlich anderen Menschenbild
       ausgeht als noch das humanistische Verständnis aus den 70ern. Was meinen
       Sie damit? 
       
       Seithe: Zum Beispiel geht die humanistische Sozialarbeit davon aus, dass
       ein großer Teil der Probleme, die die Leute haben, gesellschaftlicher Natur
       sind. Aber die heutige neoliberale Sozialarbeit gibt den Klienten selbst
       die Schuld an ihrem Schicksal. Nach dem Motto: „Du kannst es ja, streng
       dich an, dann schaffst du das.“
       
       taz: Ist „Hilfe zur Selbsthilfe“ nicht ein erstrebenswertes Ziel? 
       
       Seithe: Es ging in der Sozialarbeit immer darum, die Leute zu befähigen,
       ihr Leben selbstständig zu bewältigen. Aber die heutige Sozialpolitik hat
       diese Selbsthilfe verabsolutiert. Das Entscheidende dort ist, dass die
       Klienten den Staat möglichst wenig kosten. Das heißt: auf keinen Fall lange
       mit den Leuten arbeiten und nicht auf deren persönliche Probleme eingehen.
       Es geht jetzt nur noch um Employability, also darum, die Menschen wieder in
       die Arbeit zu bringen.
       
       taz: Welche Rolle spielen Sanktionen und Bestrafung in der neoliberalen
       Sozialarbeit? 
       
       Seithe: Wenn ich der Meinung bin, jemand müsste sich einfach nur mal
       anstrengen, um seine Probleme zu lösen, dann habe ich kein Verständnis
       dafür, dass er das nicht schafft. Jemand, der nicht bereit ist
       mitzuarbeiten oder es nicht auf die Reihe bekommt, wird sanktioniert.
       
       taz: Wann haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Arbeitsfeld die
       Neoliberalisierung erlebt? 
       
       Seithe: Ich hatte in Wiesbaden zusammen mit meinem Jugendamtsleiter eine
       besondere Erziehungsberatungsstelle aufgebaut, die sich dadurch
       auszeichnete, dass auch die Klientel des Jugendamtes sie attraktiv fand und
       gerne besuchte. Hier brauchte es allerdings einen ganz anderen Umgang mit
       den Menschen, der sich von der klassischen therapeutischen Atmosphäre und
       Vorgehensweise der sonstigen Beratungsstellen abhob. Wir haben in einem
       Hochhaus eine Wohnung im sechsten Stock gemietet. Die Leute kamen, saßen
       mit den Mitarbeitern dann in der dortigen Küche. Da haben sie sich wohl und
       wie zu Hause gefühlt. Die Arbeit dort hatte eine ganz andere Struktur als
       in einer klassischen Erziehungsberatungsstelle. Natürlich war das keine
       kostengünstige Variante. Man brauchte für die psychosoziale Arbeit mit
       diesen Menschen viel mehr Zeit, musste Motivierungsarbeit leisten und
       konnte Lernprozesse nicht einfach nur durch Gespräche anstoßen. Das Projekt
       war sehr erfolgreich. Dann aber ist dieser Jugendamtsleiter, mit dem ich
       das alles ausgeheckt hatte, ins Organisationsamt gewechselt. Als ich ihn
       dann mal wieder traf, sagte er zu mir: Du musst mal ausrechnen, wie viel
       bei euch ein Fall in der Erziehungsberatung kostet. Ich glaube, wir sind
       teurer als die kirchlichen Einrichtungen, das darf nicht sein. Das war eine
       Frage, die wir uns vorher nie gestellt hatten!
       
       taz: Sie wechselten 1992 aus Wiesbaden nach Jena an die Hochschule. Was hat
       Sie dazu bewogen? 
       
       Seithe: Nach 14 Jahren im Jugendamt hatte ich den Eindruck, dass sich alles
       langsam, aber sicher im Kreis drehte. Außerdem wurden jetzt ständig Stellen
       gekürzt. Das lähmte die Arbeit sehr. Ich wollte einfach ein bisschen mehr
       Distanz zur Praxis und die Möglichkeit, mehr nachdenken zu können über die
       Soziale Arbeit und das, was inzwischen dort passierte. Und deswegen war
       dann Hochschule für mich attraktiv.
       
       taz: Gab es Unterschiede zwischen der Sozialen Arbeit in Ost und West? 
       
       Seithe: Im Osten war Soziale Arbeit ein neuer Berufszweig. Es gab ja in der
       DDR die Fürsorge, die deckte aber nur einen Teilbereich dessen ab, was
       Sozialarbeit heute macht. Die Jugendarbeit gehörte dort zum
       Bildungsbereich. Ich habe 1990 einen Modellversuch begleitet für
       Sozialarbeit an Thüringer Schulen. Die Lehrer, die daran beteiligt waren,
       haben mir hinter der vorgehaltenen Hand gesagt: „Erst haben die Wessis uns
       die ganze Freizeitarbeit am Nachmittag kaputt gemacht. Jetzt kommen sie mit
       neuen Begriffen und bauen die wieder auf. Genau das, was die jetzt machen,
       das haben wir vorher auch gemacht.“ Aber vieles war auch ganz neu, viele
       Bereiche mussten erst neu aufgebaut werden.
       
       taz: Konnten Sie die Neoliberalisierung der Sozialarbeit auch im Osten
       beobachten? 
       
       Seithe: Ja, aber ich habe fast 18 Jahre gebraucht, um es wirklich zu
       begreifen. Während ich in Jena als Professorin gearbeitet habe, habe ich
       lange gedacht: „Das ist der Osten. Irgendwie kriegen die das nicht auf die
       Reihe.“ Bis ich dann mal wieder nach Wiesbaden fuhr, zu meinen alten
       Kollegen, und merkte: Dieselben Entwicklungen waren inzwischen auch da
       angekommen. Der Westen war nur viel besser ausgestattet, personell und
       [3][finanziell], da merkte man die Einschränkungen nicht gleich. Im Osten
       schlugen diese Neuerungen sofort zu Buche, da gab es keine Puffer und eben
       auch nicht die Tradition einer humanistischen Sozialen Arbeit, wie sie sich
       im Westen entwickelt hatte.
       
       taz: Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie sich diese
       Neoliberalisierung in der Lehre niederschlägt. Was haben Sie
       herausgefunden? 
       
       Seithe: Ich habe einmal die SozialarbeiterInnen, mit denen ich wieder in
       Kontakt bin, gefragt, ob das Studium sie auf das vorbereitet hat, was sie
       jetzt in der Praxis machen sollen. Die haben mit einem einstimmigen „Nein“
       geantwortet. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber dieselbe Reaktion
       habe ich mehrfach erlebt. Ich nahm mir daraufhin zehn gängige Bücher der
       Methodenlehre vor und stellte fest: Zwar wird das humanistische, klassische
       Konzept weiterhin vermittelt. Aber die neoliberalen Entwicklungen und die
       dahinterstehende Ideologie werden praktisch überhaupt nicht thematisiert.
       
       taz: Die Studierenden werden nicht darauf vorbereitet, wie es ist, unter
       wirtschaftlichen Zwängen zu arbeiten? 
       
       Seithe: Sie werden nicht darauf vorbereitet, dass ihr professionelles
       Konzept in der Praxis nicht umgesetzt werden kann und warum das so ist. Es
       bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als sich anzupassen und ihr
       professionelles Konzept als unerreichbare Utopie ad acta zu legen. Aber die
       Profession vertritt trotzdem offenbar mehrheitlich die Meinung: „Ja, so ein
       bisschen Ökonomie müssen wir ja auch mitmachen. Aber nein, das ändert gar
       nichts an unserer Profession.“ Das sind totale Verharmlosungen der
       Situation!
       
       taz: Was passiert mit SozialarbeiterInnen heute, wenn sie unvorbereitet in
       die neoliberale Berufsrealität entlassen werden? 
       
       Seithe: Der Beruf ist einer der Berufe mit der höchsten Burnout-Quote. Den
       meisten bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen und ihre
       Vorstellungen von einer fachlichen und ethischen Sozialen Arbeit als
       uneinlösbare Utopie hinter sich zu lassen. Andere leiden darunter, dass sie
       ihr Wissen nicht richtig zum Einsatz bringen können. Sie haben gelernt, wie
       sie mit Menschen umgehen und wie sie Lernprozesse bei Menschen entwickeln.
       Aber sie dürfen nicht über ihren Fall nachdenken, sondern sie kriegen
       vorgesetzt, was sie machen sollen.
       
       taz: Würden Sie jungen KollegInnen noch empfehlen, in die Sozialarbeit zu
       gehen? 
       
       Seithe: Wer das machen will, muss wissen, worauf er sich einlässt. Wer
       bereit ist, sich mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen, der kann
       sich auch wehren.
       
       taz: Haben Sie konkrete Beispiele von KollegInnen? 
       
       Seithe: In meiner Untersuchung habe ich Mitarbeiter in
       Flüchtlingsunterkünften befragt. Die Sozialarbeiter dort werden als
       Ordnungskräfte eingesetzt. Mit klassischer Sozialarbeit hat das kaum noch
       etwas zu tun. Die Kollegen haben mir erzählt, sie sollten quasi als Spione
       kontrollieren, ob die Leute ihre Betten gemacht haben, ob sie trinken. Von
       einem Arabisch sprechenden Sozialarbeiter wurde verlangt, dass er
       Gespräche, die er mit einem Jugendlichen führt, wörtlich übersetzt, weil
       die Verwaltung rauskriegen wollte, welches Alter der Jugendliche hat. Wer
       aber den Mut hatte, sich zu weigern und diese Weigerung fachlich zu
       begründen, ist nicht rausgeflogen. Aber es kostet sehr viel Kraft, das zu
       tun.
       
       taz: Nachdem Sie damals in den Ruhestand gegangen sind, haben Sie nicht
       aufgehört, die Lage Ihrer Profession kritisch zu hinterfragen, sind dann
       aber zwischenzeitlich etwas ruhiger geworden. Warum? 
       
       Seithe: Ich habe nach der Veröffentlichung des Schwarzbuchs in Berlin in
       kurzer Zeit ganz viele SozialarbeiterInnen kennengelernt. Wir haben dann
       zum Beispiel das „Unabhängige Forum kritische Soziale Arbeit“ gegründet.
       Nachdem ich fünf Jahre sehr aktiv war, hatte ich den Eindruck, hinter mir
       stehen nicht mehr viele Leute. Nachdem das noch geltende Kinder- und
       Jugendhilfe-Gesetz durch die heutige neoliberale Variante ersetzt worden
       war, hatten offenbar viele den Eindruck, jetzt ist es gelaufen, wir machen
       eben das Beste daraus. Da habe ich, ich sage mal, einen politischen Burnout
       bekommen und habe ein paar Jahre lang gestaltet, getöpfert und versucht,
       mich auf den Ruhestand zurückzuziehen.
       
       taz: Wie beschäftigen Sie sich jetzt nach dem Buch im Ruhestand? 
       
       Seithe: Die Soziale Arbeit lässt mich doch nicht los. Zurzeit halte ich
       Vorträge über die Thematik und schreibe in meinem Blog. Aber viel kann ich
       natürlich nicht mehr tun. Da sind jetzt eben die Jungen dran! Es gibt auch
       heute junge KollegInnen, die sich voller Energie und Verantwortung für eine
       Soziale Arbeit starkmachen, die sich wieder den Menschen zuwendet und den
       Namen verdient. Das gibt mir Hoffnung.
       
       7 Feb 2026
       
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