# taz.de -- Karneval in Berlin: Unter Närr*innen
       
       > Fastnachtsbegeisterte gibt es auch in Berlin. An der Universität der
       > Künste bereitet sich eine Gruppe auf ihren Auftritt bei der süddeutschen
       > Fastnacht vor.
       
 (IMG) Bild: Fällt mit ihren riesigen Masken schon auf: die Berliner Fastnachtgruppe Landflüchtige
       
       Erst kreuzt das rechte Bein das linke, dann macht der linke Fuß einen
       Schritt zurück, darauf folgt eine Drehung. „Versuch mal, die Füße näher
       beieinander aufsetzen, also weniger Strecke zu machen“, sagt Vitus Hiltl zu
       seinem Nebenmann und tanzt die Folge direkt noch mal vor. Seine drei
       Mittänzer*innen folgen ihm, zu viert hüpfen und drehen sie sich weiter
       im Kreis.
       
       Den Tanz hätten sie sich erst am Abend vorher ausgedacht, als eigene
       Weiterentwicklung des eher schlichten „Hopserlaufs“, erzählt Annika Horn,
       die mit Blick auf die Tänzer*innen in dem Mal-Atelier sitzt, das der
       Gruppe aktuell als Proberaum dient. Horn ist das Herz der Gruppe, sie
       strahlt eine entschiedene Herzlichkeit aus, und sie mag „Schabernack“, wie
       sie sagt.
       
       Die 24-Jährige studiert Kunst auf Lehramt an der Universität der Künste
       (UdK) Berlin und hat in ihrer Bachelorarbeit die Fastnacht in
       Süddeutschland mit politischer Kunst verglichen. Und dafür hat sie,
       gewissermaßen als Feldforschung, mit Freund*innen und
       Kommiliton*innen eine eigene Zunft gegründet, also eine eigene
       Fastnachtsgruppe.
       
       Ungewöhnlich, selbst für Berlin. „Es hat mich gewundert, dass die Leute uns
       so oft ansprechen, was wir machen, wenn wir mal kostümiert und tanzend in
       Berlin unterwegs sind“, sagt Horn. „Hier laufen ja eigentlich so viele
       schräge Gestalten herum, ohne dass das jemanden kümmert.“
       
       Beim letzten Rundgang, dem Wochenende zum Semesterende im Juli, an dem die
       Kunststudent*innen ihre Arbeiten zeigen, tobte die Gruppe einmal durch
       Garten und Gänge der UdK. Ein Video von ihrem Tanz und Musik hat 60.000
       Views auf Tiktok. Und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass eine
       Fastnachtsgruppe auffällt in Berlin, in der Stadt, durch die zwar in
       wärmeren Zeiten fast jede Woche ein Umzug wie der [1][Karneval der
       Kulturen], der techno-befeuerte Zug der Liebe oder eine Pride-Parade zieht.
       In der [2][sich der klassische Karneval] oder Fasching aber trotz dieses
       Hangs zum Umzug und zur Ekstase [3][bisher nur in Nischen hält].
       
       ## Es geht nach Süddeutschland
       
       Jetzt, in den kalten Winterwochen bereitet sich die Gruppe gerade auf ihren
       großen Auftritt vor. Im Februar fährt sie nach Süddeutschland, wo sie bis
       zum Fastnachtsdienstag am 17. Februar eine Woche lang bei Umzügen der
       schwäbisch-alemannischen Fastnacht mitlaufen will, und „so tun, als ob wir
       dazugehören“, wie Vitus Hiltl sagt.
       
       Sie werden dann in die eigens genähten Kostüme schlüpfen: eine rote oder
       gelbe Strumpfhose, dazu eine beige kurze Pluderhose und ein Wams, also ein
       Oberteil, ebenfalls in Beige und mit Zeichnungen von Tieren und floralen
       Mustern verziert.
       
       In ihren Kostümen nehmen sie durchaus traditionelle Formen auf, die aber
       schon auch sehr frei interpretiert sind, und darüber thront ein riesiger
       Kopf: Die Narren setzen sich ausladend große, tellerförmige „Masken“ auf,
       mit einem aufgemalten Gesicht mit weit geöffnetem Mund. Die Masken sind aus
       Schaumstoff, mit dünnem Stoff bespannt, und dadurch relativ warm, was ja
       schon gut ist bei den Wintertemperaturen.
       
       So angezogen, werden sie dann kollektiv zum „Hans“. Denn auch das gehört zu
       einer süddeutschen Fastnachtsgruppe: der eigene Mythos. Die Gruppe hat sich
       dafür traditionelle Mythen angesehen und dann einen eigenen erdacht. So
       entstand „Hans“, ein „Landflüchtiger“ – so auch der Name der Gruppe –, der
       aus dem Dorf in die Stadt gekommen ist.
       
       Denn im Ländlichen und Kleinstädtischen, da war der Hans anders als die
       anderen, er war vielleicht auch von den Mitmenschen für etwas dumm erklärt
       worden, denn das, was er machte und wollte, das wird dort im Dorf nicht
       verstanden. In der großen Stadt aber, da entdeckt er sein Talent. Es ist
       eine Erfahrung, die auch die jungen Kunststudent*innen eint, wo die
       Familie nur so vage versteht, was ihre Kinder, Enkel, Nichten studieren,
       sie sich aber an der Kunst-Uni als Gleichgesinnte gefunden haben.
       
       Ihre Masken sind so, dass sie durch die Mundöffnung selbst schauen, trinken
       oder auch ein Blasinstrument spielen können. „Letztes Jahr waren noch viele
       mit Tuba, Trompete und Flöte dabei, daher brauchten wir eine Maske, wo der
       Mund nicht verdeckt ist“, sagt Horn. In den traditionellen Zünften, die
       mehr Mitglieder haben, sind die Musiker*innen ein eigener Teil, sie
       begleiten die Narren, die meist eine „Larve“, eine – oft alte und wertvolle
       – Holzmaske tragen, die das gesamte Gesicht verdeckt. Hinter dieser Larve
       können die Träger*innen sich anonym durch ihren Ort bewegen, und „mal
       hören, was andere so über einen sagen, wenn man nicht dabei ist“, sagt
       Horn.
       
       Annika Horn ist in Randegg aufgewachsen, einem Ort mit 1.300
       Einwohner*innen im Landkreis Konstanz, in der Nähe des Bodensees und
       der Grenze zur Schweiz. Ihre Eltern wohnen noch immer dort, sind aber
       selbst nicht in einer der Fastnachtszünfte aktiv. „Als Kind wollte ich
       immer mitmachen, aber sie wollten nicht beitreten – vergangenes Jahr haben
       wir sie dann zu Ehrenmitgliedern in unserer Zunft ernannt“, sagt sie. Nun
       habe sie sich ihre lokale Heimatkultur gewissermaßen „wieder angeeignet“,
       sagt Vitus Hiltl. „Und du bringst sie dahin zurück, aber mit deinem Touch.“
       
       ## Fastnacht als Kulturerbe
       
       Die Schwäbisch-Alemannische Fastnacht ist [4][seit 2014 auf der
       UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes]. Bei der Fastnacht, wie die
       katholisch geprägten Dörfer und Ortschaften in Baden-Württemberg und in
       Teilen der Schweiz sie feiern, sind die Umzüge ganz anders als beim
       rheinländischen Karneval mit seinen großen Wagen.
       
       „Da braucht es nicht viel, um die Umstehenden zu begeistern“, sagt Vitus
       Hiltl, der im vergangenen Jahr schon mitgefahren ist. „Die Fastnachtsumzüge
       sind wie eine schöne Bühne, dort sind alle freundlich gestimmt“, sagt er.
       „Jedem zur Freud und keinem zum Leid“ ist das Motto der Fastnacht in
       Randegg.
       
       Im Umzug hätten sie viel Spaß gehabt, mit ihrem Gesang durchs Megafon oder
       einfach nur mit den Händen in der Luft. „Auch wenn ich gehört habe, dass
       einige uns auch nicht so gern gesehen haben. Aber davon habe ich
       währenddessen nichts gemerkt“, sagt Hiltl. „Man hetzt dort ein bisschen
       gegen die Großstadt, das gehört irgendwie auch dazu“, sagt Horn. „Die
       Zünfte haben doch Nachwuchsprobleme, die sollten sich eigentlich freuen,
       dass wir so weit reisen und auch, dass wir da bisschen was Neues, anderes
       reinbringen“, sagt Hiltl.
       
       Etwas reinbringen, das die Fastnacht auch für junge Menschen etwas mehr
       anschlussfähig macht, das schwingt mit in seinem Satz. Doch die Frage ist
       gleichzeitig: anschlussfähig für wen? Für die Jugendlichen, die aktuell in
       Orten wie Randegg aufwachsen? Oder vielleicht doch eher für eine
       zusammengewürfelte Gruppe an der UdK, Freund*innen, Musikkolleg*innen,
       Kommiliton*innen, die hier Lust auf Schabernack haben, also auf gemeinsames
       Tanzen, Musik machen, Kostüme nähen und eine eigene Geschichte erfinden?
       
       Die Frage, warum sie mitmachen, beantworten die Mitglieder ganz
       unterschiedlich. Lotta Röthig, 24, kommt aus Ost-Brandenburg, aus der Nähe
       [5][von Eisenhüttenstadt]. Fasching gibt es da in jedem Dorf, sagt sie,
       aber mitgemacht habe sie als Kind und Jugendliche nicht. „Ich habe das eher
       als Antikultur wahrgenommen, es hat mich eher abgestoßen“, sagt sie. Hier
       in der Gruppe fände sie „spannend, dass es im Süden so anders ist“. Lynn
       Artinger, 26, hat gar keine Verbindung zu Fastnacht oder Karneval. „In
       Bremen gibt es das Wort nicht mal“, sagt sie, und dass sie aus Interesse
       dabei sei und aus Freude an dem gemeinsamen Projekt.
       
       „Im vergangenen Jahr haben mir einige aus der Gruppe gesagt, dass sie sich
       weniger einsam gefühlt haben als in anderen Berliner Wintern“, sagt Annika
       Horn. Niemand musste vorher etwas Bestimmtes können, ihr Fokus sei einfach,
       dass es funktioniert. Die Arbeit an den Kostümen, das regelmäßige
       Zusammenkommen, das Musizieren und das gemeinsame Ziel habe ihnen Auftrieb
       gegeben.
       
       ## Das Gefühl an Gemeinschaft
       
       „Im Kulturbetrieb wird versucht, genau das herzustellen. Also Anlässe und
       Orte, an denen Menschen zusammenkommen“, sagt sie. Ist das Brauchtum aus
       dem Ländlichen ein Modell für das Leben in der Stadt? Weil sie im
       Ländlichen schon lange verstanden haben, was Menschen an Gemeinschaft
       brauchen und wie sie entsteht? „Gesellschaft ist viel und wenig da, wenn
       man in Berlin wohnt“, sagt Lotta Röthig dazu.
       
       „Es ist in der bildenden Kunst ja gerade viel von Kollektiven die Rede“,
       sagt Annika Horn. „Dorfvereine machen vieles von dem, was hinter
       künstlerischen Kollektiven oder Communities steckt, ohne dass sie das groß
       so nennen.“ Sie wolle das nicht idealisieren. Aber: „In der Kunst will es
       gerade neu erfunden werden, hier wird es schon gemacht.“
       
       Gleichzeitig erleben und sehen sie das Brauchtum Fastnacht ambivalent.
       „Vieles am Dorfverein und auf Dorffesten ist wirklich problematisch“, sagt
       Horn. „Ja, dort werden Leute zusammengebracht. Aber viele progressivere
       Stimmen gehen dort auch sehr unter.“
       
       Als „Landflüchtige“ spielen sie daher Lieder von Bertolt Brecht und Hanns
       Eisler, um den altbackenen Blasmusikmärschen Arbeiter*innenlieder
       entgegenzustellen. „Für mich ist der Verein von Anfang an ein Experiment
       gewesen, bei dem wir uns auch eine kritische und ambivalente Meinung über
       dieses Kulturgut gebildet haben“, sagt Horn. „Wir nutzen die Strukturen,
       füllen sie aber mit anderen, mit unseren Inhalten.“ Als Versuch, Leute
       „unter dem Stern des Schabernacks und der Karnevalisierung“ auch in der
       Großstadt zusammenbringen.
       
       12 Feb 2026
       
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