# taz.de -- Sozialökologische Stadtpolitik: Ein anderes Berlin ist möglich
> Über 100 Initiativen entwerfen zum Wahlkampf gemeinsame Grundpfeiler
> einer progressiven Stadtpolitik. Mit SPD und CDU rechnen sie hart ab.
(IMG) Bild: Mit Dämmung geht weniger Energie verloren …
Auf Wohnungsnot und Mietenkrise hat der Berliner Senat aus CDU und SPD
bekanntlich vor allem eine Antwort: „Bauen, bauen, bauen.“ Zwar wird in
Berlin [1][tatsächlich deutlich weniger gebaut, als die Politik es gerne
hätte]. Dennoch heißt es von Senatsseite seit Jahren, dass es dort, wo der
Zuzug anhält und die Mieten steigen, vor allem ein Mittel gebe: Neue
Wohnungen zu bauen, um Angebot und Nachfrage auf dem Markt wieder
auszugleichen.
Dabei geht die breite Expertise, die es in der Fachwelt und den zahlreichen
zivilgesellschaftlichen Initiativen der Stadt gibt, seit Jahren in eine
andere Richtung. Dies zeigte sich abermals am Mittwoch bei einer
Pressekonferenz [2][des neuen Bündnisses „Unsere Stadt“.] Mehr als 100
Initiativen – von antikapitalistischen Gruppen über den Mieterverein bis zu
den Architects for Future und Stadtteilinitiativen – haben sich darin
hinter fünf Forderungen gestellt, die eine klimagerechte, soziale und
gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung ermöglichen sollen.
Der Tenor der Pressekonferenz war dabei eindeutig: „Was fehlt, ist nicht
das Wissen, sondern der politische Mut, Abriss nicht mehr zu priorisieren“,
brachte Michael Pape von den Architects for Future die Stimmung auf den
Punkt. „Das, worauf wir uns hier geeinigt haben, sind mehrheitsfähig
Forderungen, die einen Platz im Wahlkampf haben sollten“, sagte
Bündnissprecher Ioan Brummer.
Klimaziele und bezahlbarer Wohnraum seien dabei kein Widerspruch, betonte
Sebastian Bartels vom Berliner Mieterverein gleich zu Beginn. Im Gegenteil:
Der klimaschädliche Neubau würde vor allem im Luxussegment von privaten
Wohnungskonzernen getätigt, davon hätten normale Berliner:innen wenig.
Währenddessen fielen jährlich Tausende Wohnungen aus der Sozialbindung, nur
noch 86.000 gebe es insgesamt – obwohl mehr als die Hälfte der
Berliner:innen theoretisch Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein
hätte.
## Klimaziele nicht verabschiedet
„Alles müsste sich deshalb darauf konzentrieren, zumindest den Bestand
bezahlbar zu halten“, so Bartels. Doch was der Mieterverein beobachte, sei,
dass preiswerter Wohnraum abgerissen werde – wobei „tonnenweise“ sogenannte
„graue Energie“ freigesetzt werde, also in der Gebäudesubstanz bereits
gebundene Treibhausgase. Auch die energetische Sanierung von schlecht
gedämmten Wohnungen schreite nur schleppend voran, was für die
Mieter:innen hohe Heizkostenabrechnungen bedeute, so Bartels.
Das Bündnis fordert deshalb, die Preisbindung von Sozialwohnungen dauerhaft
zu verstetigen. Auch ein Privatisierungsverbot von landeseigenen Immobilien
und Flächen und die konsequente Verfolgung von spekulativem Leerstand und
Zweckentfremdung solle es geben. Gepaart wird dies mit der Forderung nach
einer verpflichtenden Abrissgenehmigung und die strenge Prüfung der
Treibhaus- und Ökobilanz aller Bauprojekte.
Theresa Keilhacker vom Bündnis Klimastadt Berlin 2030 kritisierte vor allem
die mangelhafte Umsetzung des Berliner Energie- und Klimaschutzprogramms
(BEK 2030). Darin hat sich Berlin eigentlich das Ziel gesetzt, bis 2045
klimaneutral zu sein. Doch nachdem der vergangene rot-rot-grüne Senat schon
2022 die konkreten Umsetzungsschritte für den Zeitraum bis 2026 dem
Abgeordnetenhaus vorgelegt hatte, seien die Ziele in dieser
Legislaturperiode einfach nicht vom Parlament beschlossen worden, so
Keilhacker. „Die Klimaschutzziele bleiben so im unverbindlichen Rahmen
hängen“, sagt die Architektin.
## Volksentscheide sollen umgesetzt werden
Klimapolitisch fordert das Bündnis deshalb eine Offensive in der
energetischen Sanierung der Bestandswohnungen und den Ausbau der
erneuerbaren Energieversorgung. Zudem will das Bündnis den Stopp aller
Bauprojekte, für die eine Bebauung von Grünanlagen vorgesehen ist.
Wiederholt kritisierten die Sprecher:innen der Initiativen auch eine
Top-down-Politik des Senats. Mehrfach bemängeln sie etwa, dass der
[3][Senat zunehmend Bauvorhaben der Zuständigkeit der Bezirke entzieht], um
sie auch gegen den Willen der örtlichen Politik durchzusetzen. Dagegen
fordert das Bündnis nun, dass es zukünftig den Bezirken obliegen müsse zu
definieren, inwiefern „übergeordnete Interessen“ vorliegen, die eine solche
Abgabe der Zuständigkeit ermöglichen.
Doch nicht nur die Bezirkspolitik, sondern auch die Rechte der
Berliner:innen seien zu stärken. „Die Menschen wissen, was ihr Kiez und
ihre Stadt brauchen“, sagte Britta Krehl vom Berliner Bündnis für
nachhaltige Stadtentwicklung. Gestärkt werden müsse deshalb das
Mitspracherecht von Anwohner:innen. Auch die etablierte Senatspolitik,
Volksentscheide zu blockieren oder zu unterlaufen – etwa die Enteignung von
Wohnungskonzernen oder bei der angestrebten Bebauung des Tempelhofer Felds
–, sei ein Affront gegen die Berliner:innen.
21 Jan 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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