# taz.de -- Raubbau im Naturschutzgebiet: Torfdiebe sollen zahlen
> Die Torfindustrie hat im Moor Esterweger Dose mehr abgebaut als erlaubt.
> Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) fordert
> Schadenersatz.
(IMG) Bild: Sieht von oben betrachtet noch ganz intakt aus, ist aber kaputt: die Esterweger Dose
Das Naturschutzgebiet Esterweger Dose, in den Landkreisen Emsland,
Cloppenburg und Leer, mehr als 4.700 Hektar groß, soll „ein großes
Moorgebiet für die Nachwelt bewahren“, verspricht der Niedersächsische
Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Wo
heute noch Torf abgebaut werde, solle es „auf lange Sicht eine Regeneration
ermöglichen“.
Klingt gut. Aber die Realität sieht anders aus. Wie sehr, zeigt eine
zivilrechtliche Schadenersatzklage von Niedersachsens Umweltminister
Christian Meyer (Grüne) gegen die Unternehmensgruppe Klasmann-Deilmann, die
in der Esterweger Dose auf Flächen des Landkreises Emsland eine
Abtorfkonzession bis 2029 hat. Deren Entnahmemenge ist ausgeschöpft.
Es sei „deutlich mehr Torf abgebaut worden als erlaubt“, schreibt Meyer der
taz. Zudem sei teils zu tief abgetorft worden, entgegen der Vorgabe, eine
ausreichende Resttorfschicht zu belassen für eine Wiedervernässung, eine
Renaturierung. „Erheblicher Natur- und Klimaschaden“ sei entstanden,
schreibt Meyer. Torfabbau sei „generell ein Schaden für Umwelt- und
Naturschutz“. Naturschutzauflagen zu missachten oder zu umgehen sei „keine
Bagatelle“.
Aufgefallen war der Schaden dem Landkreis Emsland und dem Umweltministerium
schon vor Jahren. „Das Unternehmen hat dann immer in seinen Stellungnahmen
sehr lange auf Zeit gespielt und mit dem Klimawandel argumentiert, dass es
weniger Wasser gibt“, schreibt Minister Meyer. „Kurz vor Weihnachten habe
ich mir dann gesagt: Es reicht! Jetzt klagen wir als Land mit der
Staatlichen Moorverwaltung auf Schadensersatz wegen des zu viel abgebauten
Torfes.“
## Das Land verlangt 4,5 Millionen Euro Schadenersatz
Die Moorverwaltung geht von einer Menge von mehr als 160.000 Kubikmetern zu
viel abgebauten Torfes aus, ergänzt Manfred Böhling, Sprecher des
Ministeriums, gegenüber der taz. „Zusammen mit den zu erwartenden
Mehraufwendungen für die Flächenpflege und den Erwerb von Ersatzflächen
fordert das Land mehr als 4,5 Millionen Euro Schadensersatz.“
Klasmann-Deilmann habe teils so tief abgetorft, dass es nicht helfe, die
Fläche mit anderem Torf wieder aufzufüllen, meint Meyer: „Das ist ein
irreversibler Schaden.“ Ist durch zu viel Abbau eine Wiedervernässung nicht
mehr möglich, ist „an dieser Stelle durch das Unternehmen das Moor komplett
zerstört“, so Meyer. Das Unternehmen müsse dann an anderer Stelle auf seine
Kosten kompensieren, durch eine Fläche ohne Abtorfung, am besten ortsnah,
ebenfalls in der Esterweger Dose.
„Das Gebiet wurde genauestens vermessen“, teilt die Sprecherin des
Landkreises Emsland, Anja Rohde, der taz mit. Momentan laufe „die
Auswertung der Daten zur Präzisierung der Fehlmenge und zur Abschätzung,
inwieweit noch ausreichende Resttorfmächtigkeiten für eine erfolgreiche
Renaturierung vorhanden sind.“
Der Torfabbau des Unternehmens in der betroffenen Fläche sei „unverzüglich
stillgelegt worden“, schreibt Rohde. „Derzeit läuft ein
Ordnungswidrigkeitsverfahren.“ Etwaige strafrechtlich relevante Verstöße
prüft die Staatsanwaltschaft Osnabrück. Rohde: „Ein möglicher zusätzlicher
Gewinn durch den zu tiefen Abbau wäre ebenfalls abzuschöpfen.“
Es geht also nicht nur um einen finanziellen Konzessionsschaden. Es geht
auch um Paragraf 329 Strafgesetzbuch, [1][„Gefährdung schutzbedürftiger
Gebiete“]: Ungenehmigte Abtorfung in einem Naturschutzgebiet wird mit bis
zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet.
Hinzu kommt: Die Esterweger Dose, Teil des Schutzgebietsnetzes Natura 2000,
ist kein Naturschutzgebiet wie viele andere. Die EU-Kommission hat
Deutschland, auch unter Verweis auf die Esterweger Dose, für Verstöße gegen
die Vogelschutz- und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie gerügt. Dabei mit
im Blick der EU: der Torfabbau.
„Mit seiner Klage ist der Naturschutzminister mit dem falschen Dampfer
unterwegs, er sollte sich besser um die Reparatur der offensichtlichen
Umweltschäden kümmern“, schreibt Matthias Schreiber der taz, Vorsitzender
des [2][Umweltforums Osnabrücker Land], seit Jahrzehnten im Moorschutz
aktiv. „Für deren Beseitigung gibt es klare gesetzliche Regelungen. Das
sollte für ihn auch deshalb erste Priorität haben, weil die EU –
ausdrücklich auch wegen des unzureichenden Schutzes der Esterweger Dose –
ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland führt.“
Die geschädigten Flächen als irreparabel aufzugeben, wäre Schreiber zu
vorschnell. Natürlich ist der Renaturierungserfolg bei einer Verfüllung
durch neuen Torf nicht garantiert. „Aber versuchen sollte man es stets“,
sagt er. „Natürlich würde das für das Torafabbauunternehmen hohen Aufwand
bedeuten, aber das hat den Schaden schließlich auch verursacht.“ Eine
Kompensierung in der Esterweger Dose sieht er skeptisch: „Flächen innerhalb
des Schutzgebietes kommen dafür aus rechtlichen Gründen nicht infrage.“
Schreiber mahnt: „Es dürfte gar nicht gut ankommen, dass hier nicht nur die
Kontrolle nicht funktioniert hat, sondern jetzt nicht einmal alles zur
Reparatur ausgeschöpft wird.“ Das Eintreiben sonstiger Forderungen könne
Meyer „getrost dem Finanz- oder Wirtschaftsminister überlassen“.
Über 95 Prozent des in Deutschland abgebauten Torfs stammt aus
Niedersachsen, und manche Konzession läuft erst 2060 aus. Zumindest
[3][erteilt das Land keine neuen]: „Unsere Moore“, so Meyer, „sind
wertvolle Klimaschützer, Naturschützer und großartige Lebensräume.“
Klasmann-Deilmann hält sich zu alldem bedeckt. Man bitte um Verständnis,
schreibt Unternehmenssprecher Dirk Röse der taz, „dass wir uns zu
anstehenden oder laufenden Verfahren nicht in der Sache äußern“.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__329.html
(DIR) [2] /Torfabbau-in-Niedersachsen/!5972785
(DIR) [3] /Klimaschutz-in-Niedersachsen/!5980506
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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