# taz.de -- Debütalbum von US-Jazzer Thomas Morgan: Den Wald codieren
> Jazzbassist Thomas Morgan veröffentlicht sein Debütalbum „Around You Is A
> Forest“. Analoges trifft hier auf Klänge eines programmierten
> Streichinstrumentes.
(IMG) Bild: Informatiker des Jazz: der New Yorker Bassist Thomas Morgan
Inmitten von Geäst, Moos und schattenhafter Dunkelheit bewegen sich
Klangalgorithmen. Darunter kommen Melodielinien einer Flöte, einer Gitarre
und einer gestopften Trompete zum Vorschein – sie wirken selbst wie ein
Wurzelgeflecht, wie ein Hyphen aus feinsten unterirdischen Pilzfäden, das
alles miteinander verbindet. Analoge Musik trifft auf Computercodes,
entstanden aus Duetten mit „Woods“, einem virtuellen Streichinstrument.
Entwickelt hat „Woods“ der New Yorker Jazzbassist Thomas Morgan, der seit
25 Jahren als gefragter Sideman unterwegs ist. Sein Bass ist etwa auf
Werken von Bill Frisell, [1][Ambrose Akinmusire] und Henry Threadgill zu
hören. Auf seinem Debütalbum „Around You Is A Forest“ fungieren sie jeweils
als Duopartner von „Woods“. Im Gespräch mit der taz erzählt der New Yorker
Künstler, wie ihn die Faszination für das Codieren schon von Kindesbeinen
an begleitet hat.
„Im Alter von sieben habe ich angefangen, Cello zu spielen. Kurze Zeit
später brachte mir mein Vater, ein Informatiker, erste Programmiersprachen
bei“, erklärt Morgan, der 1981 in Hayward, Kalifornien, geboren wurde,
unweit des Silicon Valley. „Ich bin also Digital Native und habe in diesen
Sprachen gedacht, wie in der Sprache ‚Closure‘, die ich verwendet habe. Und
obwohl ich vor allem als Jazzbassist spiele, träumte ich immer davon, die
analoge mit der digitalen Welt zu verbinden. Und bald habe ich parallel an
Computermusik gearbeitet.“
Seit 2016 entwickelt Morgan sein virtuelles Streichinstrument „Woods“ mit
einem Karplus-Strong-Algorithmus, der das Zupfen sowie das Anschlagen einer
Saite simuliert. Die Idee dazu kam ihm, als er in der New Yorker U-Bahn
[2][ein Gedicht des Beatpoeten Gary Snyder las], es war dort an einer
Plakatwand der Reihe „Poetry in Motion“ abgebildet. Es berührte ihn und er
begann zu recherchieren.
## Improvisationen von befreundeten Künstlern
Bei Youtube fand er eine Sprachaufnahme von Snyder und kontaktierte den
heute 95-jährigen US-Dichter, ob er diese für sein Album verwenden dürfe.
Nun ist Snyders Stimme bei Thomas Morgan zu hören. Der Poet liest sein
Gedicht „Here“, in dem in der Dunkelheit ein Planet durch die Bäume
scheint, verbunden mit der Frage: „Warum sind wir hier?“
Morgan hat sämtliche Stücke des Albums für „Woods“ komponiert und
aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt habe er noch nicht daran gedacht, Kollegen
einzuladen, damit sie zu seinen Stücken improvisieren. Das sei ein
Vorschlag seines Produzenten David Breskin gewesen. „Mir hat die Idee
sofort gefallen“, sagt Morgan. „Ich habe dann die Auswahl mit ihm beraten
und ausgewählt, wer am besten zu welchem der Tracks passt.“ Anschließend
schickte er sie jeweils an einen der befreundeten Künstler, die zu den
Aufnahmen improvisierten.
Morgan selbst ist am akustischen Bass auf dem Titelsong zu hören, der auch
den Auftakt bildet. Nach einer langsam gezupften, sanft melodischen
Soloeröffnung setzt „Woods“ mit ineinander verlaufenden Klanglinien ein.
Für den längsten Track, den 11-minütigen „Rising From The West“, spielt
Bill Frisell mit seiner Gitarre linear entlang zu Morgans virtueller
Komposition und lässt ein polyphones Klangkunstwerk entstehen.
Bei „In The Dark“ baut Flötist und Klarinettist Henry Threadgill ein sich
behutsam entwickelndes Gerüst aus intervallisch geblasenen Fragmenten um
die digitalen Sounds. Der Trompeter Ambrose Akinmusire, mit dem Thomas
Morgan bereits zu Highschoolzeiten zusammenspielte, ist auf „Assembly of
all Beings“ zu hören. Weiträumig, mit langgehaltenen Tönen, die auf den
digitalen, wie geklöppelt klingenden Saitenklang von „Woods“ treffen.
## Eine Erweiterung
Als Morgan in der Highschool zum ersten Mal mit Jazz in Berührung kommt,
wird dies für ihn zum „lebensverändernden Moment“, wie er sagt. Besonders
fasziniert ihn [3][der Bassist Ray Brown (1926–2002)]. „Er war so ziemlich
der erste Künstler, von dessen Musik ich wirklich besessen war“, erklärt
Morgan rückblickend. „Was ihn so besonders machte, ist sein Sound, der sehr
kraftvoll und prägnant klingt, aber nie aggressiv.“
Morgan überredete Brown zu einer Unterrichtsstunde, die spontan nach einem
Konzert von Brown in der Garderobe des Jazzclubs Blue Note in New Yorker
stattfindet. „Es war unglaublich, ihn in diesem kleinen Raum aus nächster
Nähe zu hören.“
Über sein Solodebütalbum sagt Morgan: „Ich sehe es nicht als etwas, das
sich von meiner Arbeit als Bassist unterscheidet. Es ist eine Erweiterung
meiner Tätigkeit. Meine Musik erfordert einfach eine andere Art zuzuhören,
Klänge zu formen und mit ihnen zu interagieren.“ Was er bisher nicht zeigen
konnte, war das Musikmachen mit dem Computer. „Das wollte ich mit anderen
Menschen teilen. Deshalb fühlte es sich dringlich an.“
22 Jan 2026
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