# taz.de -- Rilke und Paul Auster als Graphic Novel: Klassische Literaturstoffe neu interpretiert
       
       > Die Comic-Adaption von Paul Austers New-York-Trilogie überrascht durch
       > ihre Vielschichtigkeit. Rilke überzeugt mit feinem jugendlich-femininen
       > Humor.
       
 (IMG) Bild: Szene aus dem ersten Teil der als Graphic Novel interpretierten „New-York-Trilogie“ Paul Austers
       
       Seit dem Aufkommen der Graphic Novels im Buchhandel setzen sich
       Comicschaffende immer häufiger mit literarischen Vorlagen und
       Überlieferungen auseinander. Adaptionen großer Klassiker boomen geradezu.
       Von bieder umgesetzten Comic-Versionen etwa der Jane-Austen-Romane bis zur
       ambitionierten „Faust I“-Adaption von Nele Heaslip nach Goethe im Jaja
       Verlag, Berlin, ist vieles dabei.
       
       Ebenso sind Comicbiografien berühmter Autorinnen und Autoren en vogue. Wie
       etwa die in gezeichneter Form erzählten und interpretierten Lebensläufe von
       Franz Kafka, Virginia Woolf oder Thomas Mann belegen, die in den letzten
       Jahren erschienen sind. Vielen dürften sie die Klassiker näherbringen,
       deren [1][Werke doch vor dem Hintergrund anderer Zeitläufe] erschienen
       sind.
       
       Zwei weitere aktuelle Graphic Novels setzen sich nun auf sehr
       unterschiedliche Weise mit „großen Schriftstellern“ und deren Werken
       auseinander: Paul Auster und Rainer Maria Rilke.
       
       ## Die junge Ellen auf der Spur des alten Meisters
       
       Die 1972 geborene Berliner Künstlerin Melanie Garanin („Nils – Von Tod und
       Wut. Und von Mut“, Carlsen Verlag, 2020) hat dem vor 150 Jahren geborenen
       Dichter Rainer Maria Rilke in ihrer Graphic Novel „Mein Freund Rilke“ eine
       pointierte Hommage gewidmet. Der 1875 im tschechischen Prag (damals Teil
       der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn) geborene und 1926 in der Schweiz
       gestorbene Lyriker gilt bis heute als einer der wichtigsten
       deutschsprachigen Poeten der literarischen Moderne.
       
       Melanie Garanins Graphic Novel handelt von der Journalistin Ellen, die den
       Auftrag bekommt, etwas über den berühmten Rilke zu schreiben. Eher lustlos,
       um ihre Pflicht zu erfüllen, reist ihre Ellen deswegen nach Worpswede.
       Dort, wo der junge Dichter einige Zeit verbracht hat, besucht sie eine
       Veranstaltung der Rilke-Gesellschaft.
       
       Gerade, als sie sich von dem als öde wahrgenommenen Event davonstehlen
       will, stößt sie mit einem seltsamen Mann mit Schnauzer zusammen. Und wie es
       der Zufall will, ergibt sich mit dem Herrn unverhofft ein angeregtes
       Gespräch. Durch die vielen Rilke-Zitate des altmodisch gekleideten Mannes
       angeregt, entwickelt die Journalistin immer mehr Interesse für den
       Dichterkönig. Sie recherchiert über dessen Lebenswege und reist zu weiteren
       wichtigen Stationen von Rilkes Leben, nach Paris und in die Schweiz.
       
       Dabei sind die Leserinnen und Leser der etwas verträumten,
       sympathisch-schusseligen Heldin einen guten Schritt voraus. Denn sie können
       sofort erkennen, dass der kuriose Herr, dem Ellen in Paris wiederbegegnet,
       niemand anders als Rilke selbst ist. Ob es ein Geist, Wiedergänger oder ein
       materialisierter Traum ist, bleibt offen. Doch kommt eine stürmisch-absurde
       Amour fou in Gang.
       
       ## Originelle Idee
       
       Melanie Garanin hat einen originellen Ansatz gefunden, um ihren
       Lieblingsdichter Rainer Maria Rilke der heutigen Leserschaft nahezubringen.
       Die pfiffigen Zeichnungen sind locker arrangiert, kommen meist ohne
       Panelrahmen aus und setzen auf Situationskomik.
       
       Der sanft karikierende Stil der Zeichnerin und die freundlichen
       Aquarellfarben passen gut zum Genre der selbstironischen Romanze, in der
       sich Fantasie und Realität immer wieder aufs Komischste ins Gehege kommen.
       
       Mit zahlreichen Verweisen auf Rilkes Biografie und wichtige Werke ist „Mein
       Freund Rilke“ nicht nur unterhaltsam, sondern auch bestens zum Einstieg in
       dessen Welt und Sprache geeignet.
       
       ## Austers Geist und Doppelgänger
       
       Eine deutlich düsterere Stimmung geht von der (gut 400 Seiten umfassenden!)
       Adaption eines Klassikers der jüngeren zeitgenössischen Literatur aus. Paul
       Austers „New-York-Trilogie“ haben sich gleich drei Comiczeichner
       angenommen. Austers zwischen 1985 und 1986 entstandene Romanzyklus gilt
       heute als Klassiker der Postmoderne und als Hauptwerk des amerikanischen
       Autors (1947–2024).
       
       Paul Auster selbst hat in ihnen zahlreiche Literaturanspielungen eingebaut
       – von Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“ über Henry David Thoreaus „Walden“
       bis zu Nathaniel Hawthorne. Der Trilogie liegt zudem das klassische Genre
       des Detektivromans zugrunde, das aber zugleich dekonstruiert wird. Schon
       2004 erschien die Comicadaption des ersten Bandes der Trilogie „Stadt aus
       Glas“ von Paul Karasik und David Mazzucchelli in einer englischsprachigen
       Ausgabe, zu der der amerikanische Comic-Künstler Art Spiegelman („Maus“)
       den Anstoß gab.
       
       Diese erste Adaption gilt weiterhin als gelungene Übertragung in die
       Comicform, da sie Austers verschachtelte, doppelbödige Erzählstruktur nicht
       einfach illustriert, sondern auf jeder Seite grafisch eigenständig
       interpretiert und so dieser eine weitere Ebene hinzufügt.
       
       „Stadt aus Glas“ handelt vom Krimiautor Quinn, der für einen Privatdetektiv
       namens Paul Auster gehalten wird. Aus Neugier schlüpft er in die Rolle des
       Detektivs, der einen alten Mann mit vermeintlich üblen Absichten überwachen
       soll. Dabei entgleitet ihm zunehmend die eigene Identität.
       
       ## Dunkler Mahlstrom und Rollenspiel
       
       David Mazzucchellis Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind klar und atmosphärisch
       stark zugleich. Wie die Hauptfigur gerät auch der Rezipient in einen
       dunklen Lese-Mahlstrom, dem er sich schwer entziehen kann. Paul Karasik,
       selbst Cartoonist und Comiczeichner (u. a. für den „New Yorker“), kannte
       Paul Auster persönlich und schrieb das Szenario dieses ersten Bandes.
       
       Zu den beiden nun zusätzlich erschienenen Folgebänden (und mit dem ersten
       Teil in einem Buch zusammengefasst) hat er nun wiederum das Szenario
       verfasst und den Abschlussteil selbst gezeichnet.
       
       Der Italiener Lorenzo Mattotti übernahm die zeichnerische Umsetzung des
       zweiten Romanteils „Schlagschatten“ und entschied sich dabei für einen eher
       klassischen Illustrationsstil. „Schlagschatten“ handelt vom Privatdetektiv
       Blue, der von Mr. White den Auftrag bekommt, einen Mann namens Black zu
       beschatten. Die Handlung entwickelt sich noch dichter und
       klaustrophobischer als bereits im ersten Band.
       
       Blue löst sich von seinem Selbst ab, schlüpft in verschiedene Rollen, um
       Black kennenzulernen, und sieht sich in einer Art Verschwörung gefangen.
       
       ## Surreale Perspektiven
       
       Lorenzo Mattottis meisterhafte Schwarz-Weiß-Zeichnungen fügen der Story
       immer wieder surreale Perspektiven hinzu. Meist beschränkt er sich auf ein
       Bild pro Seite, der Text ist separat gesetzt. Doch immer wieder wird das
       Format auch aufgebrochen, in Comic-Panels unterteilt und sparsam mit
       Sprechblasen versehen.
       
       Insgesamt gelingt so eine tiefgründige, philosophische Studie des
       existenziellen Daseins des Einzelnen, umgeben von einer inhumanen,
       feindlich gesinnten Masse. Die Form der Comics vermag auch hier der
       Romanerzählung neue Facetten hinzufügen.
       
       Im dritten Teil, „Hinter verschlossenen Türen“, bei Paul Karasik geht es im
       Grunde um gespiegelte Charaktere, diesmal sind es zwei Schriftsteller.
       
       Der geläufigen Meinung, eine Graphic-Novel-Adaption sei schlicht die
       vereinfachende Version einer ursprünglichen Textvorlagen, kann mittels
       solcher Beispiele widersprochen werden. Sie muss dem Roman in puncto
       Komplexität in nichts nachstehen, siehe New-York-Trilogie. Oder sie kann
       mit fantasie- und humorvollen Ansätzen, siehe „Mein Freund Rilke“,
       Klassiker biografisch anders deuten und erzählen.
       
       31 Jan 2026
       
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