# taz.de -- Death Festival in Berlin: Tanzen mit dem Tod
> In westlichen Gesellschaften ist der Tod oft ein Tabuthema. Beim Death
> Festival im Holzmarkt wird er dagegen körperlich erfahren und besprochen.
(IMG) Bild: Schon mal warm liegen: Ein Besucher des Death Festivals testet einen Sarg
Schwere Steine baumeln an dicken weißen Seilen von der Betondecke. Das
Licht ist gedimmt, auf dem Teppichboden räkeln sich Menschen, kuscheln,
tanzen. Bedächtige Musik erfüllt das [1][Sälchen im Holzmarkt], vorne steht
ein Altar mit Fotos, Totenköpfen und Kerzen. Jeder kann hier etwas ablegen,
das er mit dem Thema Tod und Sterben verbindet.
„Wenn du stirbst, willst du deine Familie dabeihaben?“, fragt eine
Teilnehmerin eine andere. Eine weitere Frage lautet: „Welche Redewendung
ist am unpassendsten, wenn jemand gestorben ist?“ oder ganz praktisch:
„Welche Pflanzen sollen deine Ruhestätte zieren?“
Diese Fragen werden am Freitagmorgen im #yodo(you only die once)-Workshop
verhandelt. Er ist Teil des Death Festivals, das sich am Wochenende zum
zweiten Mal der Frage widmete, wie ein anderer [2][Umgang mit Tod und
Sterben aussehen könnte – jenseits von Verdrängung, Verleugnung und Angst],
wie es in den westlichen Kulturen weit verbreitet ist. Von Freitag bis
Sonntag fanden über 40 Workshops, Performances und Zeremonien statt. Die
Veranstalter*innen rechneten mit etwa 240 Gästen.
„Wir waren schon immer mit dem Tod konfrontiert“, sagt Judith Salamander.
Sie sitzt auf einer Bank im dunklen Raum, ihre grauen Haare lugen unter
ihrer schwarzen Mütze hervor. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem
Palliativmediziner Matthias Gockel, und drei weiteren Personen organisiert
sie das Festival. Salamander und Gockel kommen aus der sexpositiven Szene,
auf ihren Kink-Veranstaltungen hätten sie den Tod immer erotisiert, erzählt
sie. Während der Coronazeit entstand daraus die Idee eines eigenen
Festivals. Inspiration habe das „Festival of Death and Dying“ geliefert,
das Peter Banki 2018 in Sydney ins Leben rief.
## Angehörige und Sterbende vereinsamen
„Es ist ein Thema, vor dem viele Angst haben“, sagt Salamander. Oft wüssten
Menschen nicht, wie sie mit Tod umgehen sollen, bekämen Angst und zögen
sich zurück. Die Folge: Angehörige und Sterbende würden vereinsamen. „Man
muss in das Thema mehr Normalität reinbringen“, meint sie. Das Festival
soll dazu einen Beitrag leisten, indem es Menschen aus dem Sterbebereich
mit Körperarbeiter*innen und Künstler*innen zusammenbringt, die
unterschiedliche Zugänge zum Thema haben. Denn: „Tod und Sterben wird zu
wenig körperlich bearbeitet“, findet Salamander. „Dabei ist Angst
körperlich. Sterben ist körperlich.“
Diese Perspektive teilt auch #yodo-Workshopleiterin Michi Maxi Schulz. Die
Künstlerin ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Lazarus Hospiz in Mitte.
Auslöser für die Entscheidung sei der Krebstod der Mutter einer engen
Freundin gewesen. Der plötzliche Tod habe die Freundesgruppe gesprengt.
„Niemand wusste, wie man damit umgehen soll“, erzählt sie. Sie habe sich
nie wieder so orientierungslos fühlen wollen. An ihrem Workshop nehmen etwa
40 Menschen teil, um gemeinsam der Frage nachzugehen, welchen Prozess eine
sterbende Person biologisch und emotional durchläuft.
Neben Tanz-Workshops gibt es auch praktische Workshops von
Palliativmediziner*innen, Sterbe- und Trauerbegleiter*innen und
Bestatter*innen. Der Verein Home Care Berlin etwa gibt „Letzte
Hilfe“-Workshops, also Tipps zur Sterbebegleitung. Gockel informiert über
Versorgungsstrukturen am Ende des Lebens. Beim Workshop „Kreative
Sterbefantasien“ wird sich über Vorstellungen des Sterbens ausgetauscht,
etwa durch Krankheit, Alter, einen Unfall, Selbsttötung oder in einer
erotischen Fantasie.
Wozu sich damit beschäftigen? Weil Sterblichkeit „die Intensivierung des
Lebens“ ist, so das Festival-Motto. „Wir verbringen unser Leben oft im
Wartemodus“, erklärt Salamander. Wer sich die eigene Endlichkeit bewusst
macht, lebe anders. Deshalb gehe es darum, Menschen bei Fragen zu
unterstützen wie: Was will ich eigentlich? Gibt es noch einen Brief, den
ich schreiben, oder ein Gespräch, das ich führen sollte?
## Intensiver Leben durch die Beschäftigung mit dem Tod
Diese Erfahrung haben auch einige der Teilnehmer*innen gemacht. Ein
Mann, der im Rollstuhl sitzt, berichtet, bei einem Unfall vor 20 Jahren
beinahe ums Leben gekommen zu sein. So absurd es klinge: „Im Nachhinein war
das eine bereichernde Erfahrung. Das Leben ist wertvoller, wenn man sich
den Tod näher holt“, sagt er. „Der Himmel ist blauer.“ Er arbeitet seitdem
als Trauerbegleiter im Hospiz.
Während Teilnehmer*innen sich beim yodo-Workshop Fragen durch Tanz
beantworten, wird im Roten Salon eine Etage höher darüber diskutiert, wie
Trauerfeiern als lebendige Übergangsrituale gestaltet werden können.
Sonnenlicht fällt auf die roten Wände und Sitze, die Teilnehmer*innen
sitzen auf Kissen in kleinen Gruppen. Über die Außentreppe geht es ins
IKSK, das Institut für Körperforschung und sexuelle Kultur. Von der Decke
des Raumes mit Blick auf die Spree hängen Bambusstäbe an dicken weißen
Seilen. Wo sonst Bondage-Workshops stattfinden, findet am Freitag der
Versteinerungs-Workshop statt, bei dem Erstarrung getanzt wird – ein
Gefühl, das die Konfrontation mit dem Tod häufig auslöst
„Den Kink-Bereich haben wir bei dem Festival bewusst rausgehalten“, erzählt
Salamander. Die Erotisierung des Todes schrecke viele Menschen ab. Zwar
seien Lust und Sterblichkeit eng miteinander verbunden, dennoch sei
Sexualität im Angesicht des Todes häufig tabuisiert. „Dabei kann das
durchaus ein Coping-Mechanismus sein“, sagt sie. Kritisch sieht Salamander
etwa, dass auf Palliativstationen Zweisamkeit kaum ermöglicht werde. Im
Workshop „Sexualität in Zeiten der Trauer“ wird daher das Bedürfnis nach
Sexualität in Zeiten schwerer Krankheit und nach dem Sterben thematisiert.
Unten im Sälchen werden derweil an einem Tisch Gefühle geknetet. Anbieter
ist [3][Ahorn, ein Unternehmen, das sich mit der Gestaltung von
Bestattungsritualen und Trauerbewältigung auseinandersetzt.] Im Ahorn
Space, einem sogenannten Funeral Concept Space am Hermannplatz in Neukölln,
können Menschen Särge und Urnen bemalen, eine Trauerfeier ausrichten und in
Särgen probeliegen.
## Modernisierung der Bestattungsindustrie
„Es tut sich viel im Bereich der Sterbekultur“, sagt Salamander. Vereinzelt
gebe es gute Angebote, etwa von Ahorn oder vom Freizeit- und
Erholungszentrum (FEZ) in Treptow-Köpenick, das für Kinder und Eltern
Workshops über Tod und Verlust anbietet. „Aber die Angebote sind nicht
flächendeckend.“ Sie wünscht sich: mehr Wissensaustausch, etwa über
Versorgungsstrukturen oder alternative Bestattung, sowie mehr Rede- und vor
allem Spürangebote.
Zum Abschluss des yodo-Workshops dürfen alle Teilnehmer*innen etwas im
Raum lassen: Einer verabschiedet sich von der Angst vor seiner Behinderung,
eine andere von der Trauer des vergangenen Jahres, eine dritte von der
Verantwortung für den Tod ihres Vaters. Es fließen Tränen, der Kreis rückt
immer näher zusammen. Gemeinsam atmen alle ein, halten inne und pusten dann
die Kerze auf dem Altar aus.
19 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lilly Schröder
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