# taz.de -- Thomas-Mann-Novelle im Theater Bremen: Demonstration der Ohnmacht
       
       > Caroline Kapp lässt „Mario und der Zauberer“ in Bremen nach atmosphärisch
       > dichtem Beginn ins Mitmachtheater abrutschen. Magisch ist das nicht.
       
 (IMG) Bild: Auf der Bühne entwickelt sich ein schöner Furor. Dann zerstört der Versuch, das Publikum einzubeziehen, jeden Zauber
       
       Auch wenn sie als gescheitert gelten muss: Caroline Anne Kapps Inszenierung
       von Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ am Theater Bremen ist
       streckenweise wunderbares Schauspiel. Dabei lässt schon die so überflüssige
       wie angestrengte Publikumsanimation bei Einlass ahnen, dass der Abend übel
       enden wird.
       
       Doch dann ziehen sich die vier Akteur*innen ja aufs Geviert der
       rampenlosen Bühne im Kleinen Haus zurück. In dessen Zentrum hat Amina Nouns
       einen dreh- und begehbaren mannshohen Guckkasten-Rahmen in Weiß gebaut, in
       dem es später sogar regnen wird. Umgeben ist er von weißen Stufen, je nach
       Katrin Langners Beleuchtung sind sie mal Meer, mal Hotelsalon. Und sobald
       das Spiel dort beginnt, stellt sich auch die drückende Atmosphäre des
       fiktiven Mittelmeerstädtchens Torre di Venere ein.
       
       Das liegt auch an einer klugen Gegen-den-Strich-Besetzung. Den
       [1][nervös-blasierten Familienvater spielt, als Wiedergänger des
       aufstrebenden Thomas Mann], mit schöner Spannkraft Ruben Sabel. Mathilda
       Maack steht ihm als gereizte Gattin in nichts nach. Während so die
       Youngsters des Ensembles die Eltern darstellen, übernehmen mit Irene
       Kleinschmidt und Alexander Swoboda erfahrene 50+-Kämp*innen die
       Kinderrollen. Und ja, zuzusehen, wie Swoboda diesen einen abscheulichen,
       wehleidigen Jungen [2][aus der Novelle verkörpert], das ist ein Fest für
       sich.
       
       Nicht nur wegen seines Untertitels drängt Manns 1930 publiziertes
       „tragisches Reiseerlebnis“ zur Bühne. Immerhin bildet die Performance des
       irreführend als Zauberer angekündigten unwiderstehlichen Hypnotiseurs
       Cipolla das Herzstück des Texts. Die Kleinfamilie des urlaubenden Erzählers
       besucht sie und erlebt, wie Cipolla dem Publikum seinen Willen aufzwingt.
       Zuletzt missbraucht er auf offener Bühne den Kellner Mario sexuell. Als
       Mario aus der Trance erwacht, erschießt er den Illusionisten.
       
       ## Entgrenzte Illusion
       
       Im Theater der 1920er hatten, um die Illusion aufklärerisch zu zerstören,
       Erwin Piscator und Bert Brecht die Vierte Wand eingerissen. Auch Manns
       Cavaliere Cipolla ist pausenlos damit beschäftigt, „die Kluft zwischen
       Podium und Zuschauerraum aufzuheben“, wie es im Buch heißt, allerdings um
       die Illusion zu entgrenzen. Statt zum Selbstdenken führt er das Publikum in
       ein Traumreich, in dem er über Taten und Gedanken aller gebietet.
       
       Das war 1930 leicht [3][als Analyse des italienischen Faschismus lesbar,]
       gerade auch – Benito Mussolini war selbst [4][als Bühnen- und
       Drehbuchautor] tätig – angesichts dessen aktenkundigen theatralen
       Charakters. In dieser Analyse aber fragt die Novelle aber auch ganz
       allgemein nach der politischen Wirkmacht von Bühnenkunst. Was kann sie? Was
       darf sie?
       
       Damals, [5][als sie neben Zeitungen das einzige Massenmedium war], hatten
       diese Fragen etwas Selbstverständliches. Heute fordern sie im Gegenteil das
       Selbstverständnis einer Kultur des Performativen heraus. Die Frage wird ja
       erst sinnvoll, sofern die Bühne als Ort der Macht wahrnehmbar ist. Die
       szenische Mario-Rezeption spiegelt das. So gibt es sensationelle
       Puppenspiel-Fassungen – da hat man es schließlich stets [6][mit tendenziell
       unsichtbaren Akteur*innen zu tun], die den Figuren ihren Willen
       aufdrängen.
       
       Noch deutlicher: Im Musiktheater beherrschen Melodien Verstand und
       Handlungen. Folgerichtig wirkt es da, dass es bislang [7][mindestens fünf]
       auskomponierte Veroperungen von „Mario und der Zauberer“ gibt, [8][in
       großen Häusern] aufgeführt, [9][die erste 1988], die [10][jüngste 2020].
       Fünf Opern – das [11][dürfte ein Rekord sein] für ein Erzählwerk des 20.
       Jahrhunderts.
       
       ## Das Sprechtheater und sein Publikum
       
       Reine Schauspielfassungen dagegen sind selten. Verständlich. Im
       Sprechtheater, das im Vergleich zu den 1920er Jahren seinen
       gesellschaftlichen Einfluss nahezu verloren hat, fällt’s schwer, Cipollas
       Dominanz herzustellen: Vor gut zehn Jahren [12][hat Tilmann Köhler das in
       Stuttgart mal geschafft], indem er, statt die Novelle zu verschauspielen,
       nur einen Cipolla aufs Publikum losließ. Der brachte es dazu, den Text
       vorzulesen. Sommerfrische und Strandvergnügen mussten dafür wegfallen.
       
       Dort aber, wo die eben aufgeführt werden, wäre es klug, sich auf den Raum
       zu beschränken, auf den die Regie Zugriff hat. Der Versuch hingegen, das
       Publikum in die Hypnose-Aufführung zu integrieren, gerät unvermeidlich zur
       peinlichen Demonstration der Ohnmacht von Theater.
       
       So auch in Bremen. Da spielen sich die Darsteller*innen erst in einen
       wirklich schönen Furor, in dem alle Cipolla und Publikum zugleich sind, die
       Peitsche schwingen und dazu tanzen. Und dann schickt Kapp sie doch noch zum
       Betteln und Barmen durch die Zuschauerreihen, auf dass jemand mitmache. Das
       zieht sich kläglich dahin, und wird schlimm, als es zu schlechter Letzt
       dann gar darum geht, einen Mario-Darsteller anzuwerben.
       
       Hätte bitte schön wer denn Lust, sich zum Schein vergewaltigen zu lassen,
       damit wir hier zu einem Ende kommen? Dass sich irgendwer opfert, damit der
       Missbrauch dann schamhaft angedeutet und eine Fingerpistole läppisch den
       Todesschuss ersetzen kann, beweist nichts, besagt nichts und weckt nichts.
       Höchstens, mit Glück, ein wenig Mitleid.
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schriftstellerin-Inger-Maria-Mahlke/!6101076
 (DIR) [2] https://archive.org/details/lccn_346017221
 (DIR) [3] /Kommentar-Rechtsruck-in-Italien/!5512581
 (DIR) [4] https://d-nb.info/1331705169/34
 (DIR) [5] https://www.degruyterbrill.com/document/isbn/9783484660427/html?lang=de
 (DIR) [6] /Puppenspieler-ueber-seine-Arbeit/!5481188
 (DIR) [7] https://thecanadianencyclopedia.ca/en/article/mario-and-the-magician-emc
 (DIR) [8] https://www.opera.hu/en/programme/2024-2025/bluebeards-castle-mario-and-the-magician/
 (DIR) [9] https://www.wisemusicclassical.com/work/1689/Mario-And-The-Magician--Stephen-Oliver/
 (DIR) [10] https://turnthespotlight.org/fellows/pollock
 (DIR) [11] https://www.prestomusic.com/classical/products/8008935--thorne-mario-and-the-magician
 (DIR) [12] https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9565:mario-und-der-zauberer-regisseur-tilmann-koehler-und-solo-virtuose-paul-schroeder-manipulieren-das-stuttgarter-publikum-nach-thomas-mannschem-strich-und-faden&catid=39&Itemid=62
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
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