# taz.de -- Morbide Bezahl-App in China: Lebst du noch?
       
       > Eine App gibt Auskunft, ob eine Person noch am Leben oder verstorben ist.
       > Es geht nicht nur um Ältere, sondern auch um isolierte junge Menschen.
       
 (IMG) Bild: Die chinesische App „Bist du tot?“ richtet sich in erster Linie vor allem an Millennials in prekären Lebensverhältnissen
       
       Chinas derzeit beliebteste Bezahl-App klingt wie ein morbider Scherz. „Bist
       du tot?“, fragen sich die rasant wachsende Anzahl an Nutzern der
       Onlineplattform „Sile ma“. Das Prinzip ist simpel: Man muss täglich einen
       virtuellen Knopf drücken, der belegt, noch am Leben zu sein. Wenn der User
       die Deadline zweimal in Folge verpasst, wird eine automatische Nachricht an
       einen selbst ausgesuchten Notfallkontakt geschickt.
       
       Der Internettrend spiegelt einen ernsten gesellschaftlichen Wandel wider.
       Die chinesische Gesellschaft altert nicht nur rasant, sondern vereinzelt
       auch zunehmend. Die Zahlen des nationalen Statistikamts sind eindeutig:
       Seit mehreren Jahren schrumpft die Bevölkerung [1][Chinas]. Und ein Fünftel
       aller Chinesen lebt momentan in Singlehaushalten, Tendenz steigend.
       
       In ostasiatischen Staaten gibt es längst das Phänomen der „einsamen Toten“,
       in Japan etwa werden sie „Kodukushi“ genannt. Betroffen sind
       überproportional ältere Männer, die – nach jahrelangen Depressionen und
       Alkoholismus – still und heimlich sterben. Ihre Leichen werden oftmals erst
       Wochen, manchmal Monate später aufgefunden. Nicht selten findet sich kein
       Angehöriger, der sich um eine Bestattung kümmert.
       
       Doch die chinesische App „Bist du tot?“ richtet sich in erster Linie vor
       allem an Millennials in prekären Lebensverhältnissen. Diejenigen also,
       [2][die unter psychischen Ausnahmezuständen leiden], sich nach Jahren
       vergeblicher Arbeitsplatzsuche aus dem Sozialleben zurückgezogen haben oder
       in anonymen Kapselwohnungen hausen. „Allein, aber nicht einsam“, heißt es
       in der Beschreibung der App-Entwickler, „dein Sicherheitsbegleiter.“
       
       ## Einen Nerv getroffen
       
       Der provokante Titel der App hat ganz offensichtlich einen Nerv bei der
       chinesischen Jugend getroffen. Mit Ironie und jeder Menge dunklem Humor
       debattieren die User ihre zunehmend isolierte Lebenssituation. „Meine
       Eltern sagen mir: Wenn du nicht heiratest, wird es vielleicht niemanden
       geben, der überhaupt merkt, wenn du stirbst“, kommentiert etwa eine junge
       Chinesin auf der Onlineplattform Douyin. „Ich habe ihnen entgegnet: Dafür
       habe ich jetzt diese App heruntergeladen.“
       
       Die chinesische Jugend leidet seit einigen Jahren unter einer rekordhohen
       Arbeitslosigkeit – und träumt davon, sich aus dem gesellschaftlichen
       Hamsterrad zurückzuziehen. „Tang Ping“ (zu Deutsch: „flach liegen“) bringt
       den Zeitgeist der Gen Z auf den Punkt. Das während der Coronapandemie
       populär gewordene Schlagwort bezeichnet das genaue Gegenteil dessen, was
       die Parteiführung von ihrem Nachwuchs fordert: den Gürtel enger schnallen
       und sich für das Wohl der Nation aufopfern.
       
       Offen bleibt, ob „Bist du tot?“ in den kommenden Wochen der
       [3][chinesischen Internetzensur] zum Opfer fällt. Denn natürlich wirft die
       App kein gutes Licht auf den Ist-Zustand der chinesischen Gesellschaft.
       
       Hu Xijin, Ex-Chefredakteur der Parteizeitung Global Times und nach wie vor
       der einflussreichste politische Kommentator des Landes, hat vorgeschlagen,
       dass die Entwickler den Namen der App ändern sollten – von „Bist du tot?“
       zu „Bist du am Leben?“.
       
       Bisher ist wenig bekannt über die kreativen Köpfe hinter der Software,
       deren Registrierung ungefähr einen Euro kostet. Es handelt sich laut
       lokalen Berichten um drei Chinesen in den Zwanzigern, die in der Stadt
       Zhengzhou leben.
       
       Die Entwicklung der App soll nur rund 1.000 Renminbi gekostet haben, was
       weniger als 150 Euro entspricht. Seither ist ihr Wert um ein Vielfaches
       gestiegen: So planen die Entwickler, 10 Prozent der App für eine Million
       Renminbi zu verkaufen (etwa 150.000 Euro).
       
       14 Jan 2026
       
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       kann.