# taz.de -- Die Wahrheit: Kann das Sofa Mitleid?
       
       > Die Winterkatastrophe, die aus allen Medien zum Sturm bläst, ist
       > eigentlich ein ganz normaler Winter mit Schnee und Eis.
       
       Falls es jemand nicht mitbekommen hat: In Norddeutschland hat es geschneit,
       und zwar so richtig. „Kann Hamburg Winter? Kann Niedersachsen Schnee?“,
       echauffieren sich die Medien. „Können Medien aus Scheiße Zwerge backen?“,
       frage ich zurück, rhetorisch natürlich, denn das weiß ich ja längst genauso
       gut, wie mir auch bekannt ist, dass es nichts nützt, den Fernseher
       anzubrüllen, aber es macht eben Spaß. Tatsächlich können sie sogar aus
       Schnee Zwerge backen.
       
       Die Sucht nach der gemeinsamen Katastrophe scheint gigantisch und
       unstillbar zu sein. Warum sind wir alle so versessen auf die großflächige
       Sabotage unseres Alltags, die wir dann doch, siehe Corona, nach sehr kurzer
       Zeit wieder ziemlich satt haben? Vielleicht ist Wetter das letzte einigende
       Phänomen in einer tief gespaltenen Gesellschaft; es schneit auf AfD-Hanseln
       ebenso großzügig herunter wie auf die Antifa und alle dazwischen und
       außerhalb. Oder uns ist einfach langweilig.
       
       Denn es stimmt selbstverständlich nicht, dass Unwetter gesellschaftliche
       Unterschiede bis zur Unkenntlichkeit nivellieren. Für Wohnungslose ist der
       Winter eine existenzielle Bedrohung, für uns Menschen mit funktionierender
       Zentralheizung nicht. Wir kuscheln uns aufs warme Sofa und schauen im
       Fernsehen, wie die armen Säue alle raus müssen: LKW-Fahrer, die in den
       Graben schlittern, Rettungsdienste, Feuerwehren, Tankstellenpersonal …
       
       „Kann das Sofa Mitleid?“ Ja, schon, wenn es um die Fütterung der
       Wintervögel geht, aber nicht, wenn es die Bahn betrifft. Das war ja klar,
       dass das nichts wird, und infolgedessen klingt unser Bedauern für die armen
       Seelchen, lost im Bahnhof Hannover – diesem „wichtigen Drehkreuz des
       Nordens“, das geht uns runter wie Enteiser –, ein wenig hohl. Hätten die
       nicht ahnen können, dass sie niemals ihr Ziel erreichen, sondern immer nur
       Hannover? Wir Niedersachsen müssen schließlich darauf achten, dass unsere
       Bevölkerung nicht weiter schrumpft.
       
       Aber immerhin beschäftigen die Gestrandeten eine Außenreporterin, die weiß,
       dass am Ernst-August-Platz die Stimmung nicht so gut ist, während sich in
       Hamburg der Journalist kaum darüber beruhigen kann, dass „die Hansestadt“,
       wie wir Medienleute sie gern nennen, um nicht dauernd Hamburg zu sagen,
       dass also die Hansestadt Hamburg seit fünfzehn Jahren nicht so viel Schnee
       hatte.
       
       „Dünnerslag!“, wie wir ehemaligen Bewohner der Hansestadt Hamburg am
       liebsten rufen, und was heißt das jetzt? Nur die ganz Alten können sich an
       dieses frostige weiße Zeugs erinnern, und deswegen bleibt es liegen, weil
       alle ihre Schneeschippen weggeschmissen haben? Oder der Klimawandel fällt
       jetzt doch wegen Schneefall aus? Vielleicht finde ich es heraus, wenn wir
       uns einen Pfad bis zur Straße und zurück in den Alltag gegraben haben. Ich
       vermisse ihn schon; ich glaube, er liegt unter der großen Schneewehe hinter
       der Terrasse und friert.
       
       14 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Fischer
       
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