# taz.de -- Die Wahrheit: Verlorene Hobbys
       
       > Alle posten ihre Freizeittätigkeiten auf all ihren Kanälen, nur ein
       > Streckenpferd lässt sich leider nicht filmen und in den sozialen Medien
       > reiten.
       
       Die freiwillige Selbstausbeutung in meiner Umgebung ist bei 24/7
       angekommen. Wie schön, die Freundin macht einen erholsamen Spaziergang.
       Jedenfalls schön für sie, ich müsste das nicht unbedingt wissen, es sei
       denn, sie will es gerade mir erzählen. Dann könnte sie mich ja mal anrufen.
       Dafür hat sie aber keine Zeit, weil sie ihren ruhigen Spaziergang filmen
       und bei Instagram posten muss. Mit wertvollen Tipps, wie man mal so richtig
       abschalten kann.
       
       Also muss man sich offenbar seine Hobbys medientauglich aussuchen, damit
       sie Mehrwert liefern und der eigenen Scheinperson ausreichend schmeicheln.
       Da wäre Spazierengehen nicht meine erste Wahl gewesen. Ich zum Beispiel
       spiele, wenn auch aus anderen Gründen, in meiner Freizeit gern Saxophon,
       was meine Social-Media-Gemeinde freundlich liket, sich aber dann lieber
       nicht anhören möchte. Weil nur hippe Konzerte als Content taugen, dürfen
       sie nicht mehr zu meinen Auftritten kommen. Außerdem kann man auf meinen
       Instagram-Fotos nicht sehen, wie gut ich spielen kann. Das ist mit Absicht
       so. Sonst würde ich ja Videos posten.
       
       Mein einziges echt weirdes Hobby kann ich leider nicht vermarkten, weil
       Filmverbot herrscht. Ich bin Schöffin an einem Landgericht; und da mal live
       gehen – „Herr Y wurde angeklagt, Herrn X gehauen zu haben, die Sachlage ist
       jedoch nicht eindeutig, weswegen auch Herr Z. heute als Zeuge geladen wurde
       … Herr Y, winken Sie mal? Das freut meine Follower!“ –, also das ist leider
       verboten. Übrigens ist mein Beispiel detailrealistisch gewählt; Frau Y,
       Frau X und Frau Z kamen bisher nur als Opfer oder Zeuginnen in den
       Gerichtssaal. Gewaltkriminalität ist immer noch eine Männerdomäne.
       
       ## Persönlich vor Gericht
       
       Gerichtsverhandlungen sind hierzulande nur öffentlich, solange man
       persönlich vorbeischaut. Bei aufsehenerregenden Fällen darf immerhin
       manchmal vorab im Gerichtssaal fotografiert oder gedreht werden.
       
       Hier könnte die Firma Leitz übrigens ein völlig neues Geschäftsfeld
       erobern, denn einige Angeklagte hatten zwar keine Hemmungen, ihren Nachbarn
       zu schlagen, Frauen zu vergewaltigen oder jemanden zu ermorden, aber
       erkennen soll man sie hinterher bitte doch nicht gleich. Schon knallen sie
       sich einen hässlichen grauen Büroordner vors Gesicht. Da mal Farbe
       reinbringen! Motive entwerfen, passend zum Tatvorwurf vielleicht, oder
       grasende Unschuldslämmer im Grünen. Da gäbe es doch Möglichkeiten, das
       kalte Justizsystem etwas menschlicher zu gestalten.
       
       Neulich sah ich ein Plakat für einen Lost-Hobby-Flohmarkt. Passt, dachte
       ich, Amateur-Richterei ist ein ziemlich lostes Hobby, aber was soll ich
       damit auf einem Flohmarkt? Es gegen ein besseres tauschen, vielleicht will
       jemand Süßwasseraquaristik loswerden? Doch eigentlich ging es um verlorene
       frühere Hobbys, deren Zubehör man an Menschen weiterverkaufen sollte, die
       auch eines Tages mal ein Hobby verlieren möchten. Vielleicht könnte ich
       meine Ordnersammlung verkaufen.
       
       11 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Fischer
       
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