# taz.de -- Liveaufnahmen der US-Band Hüsker Dü: Sie hatten ein goldenes Händchen für Melodien in Mach-3
> Das Posthardcore Trio Hüsker Dü war zwischen 1979 und 1988 hochproduktiv.
> Die Liveaufnahmen von „1985: The Miracle Year“ bestätigen diesen
> Eindruck.
(IMG) Bild: Blitzschach! Hüsker Dü in Los Angeles (1984), von links nach rechts: Greg Norton, Grant Hart und Bob Mould
Das erste, was einem im Zusammenhang mit der US-Posthardcore-Band Hüsker Dü
in den Kopf schießt, ist Schnelligkeit. Enormes Tempo in vielerlei
Hinsicht. Das Debütalbum von 1981, sinnig „Land Speed Record“ betitelt, ist
ein hyperaktives Hardcore-Inferno, ein Live-Mitschnitt, – 17 Songs in
gerade 25 Minuten -, der den Test der Zeit locker besteht: Man fühlt sich
nach dem Hören von Liedern wie „All Tensed Up“, „You’re Naive“ und „Let's
Go Die“ auch heute, 43 Jahre nach Erstveröffentlichung, gerecht und
gründlich verprügelt.
Geschwindigkeit herrschte aber auch in der Produktion. Das Trio aus
Minneapolis um Gitarrist und Sänger Bob Mould schmiss in den nicht einmal
zehn Jahren seines Bestehens je nach Zählweise sieben oder acht Alben in
die Welt und bereitete mit seiner Musik den Eingang von Alternative und
Punk in den US-Mainstream vor. In den radikal rabiaten Hardcoresound der
frühen Jahre wurden mit jedem Album mehr und mehr traumschöne Melodien
hineinfusioniert.
Hüsker Dü wechselten als erster Noisebrocken aus der unabhängigen Labelwelt
zu einem Majorlabel (sowas war damals noch ein Hot Topic und
Legitimationsproblem, Sell-out und so weiter)[1][. Nirvana], Green Day und
all die Karrieren von nachfolgenden Projekten wären ohne die Vorarbeit der
drei Musiker aus Minnesota so gar nicht möglich gewesen.
## Pillen von Brummifahrern
Ihre Maximalgeschwindigkeit erreichten Bob Mould, Schlagzeuger Grant Hart
und Bassist Greg Norton in den Jahren 1984 und 1985; befeuert von interner
kreativer Konkurrenz und „Cheap Trucker's Speed“, wie US-Pophistoriker
Michael Azerrad in seinem Standardwerk „Our Band Could Be Your Life“
schreibt. Das Chicagoer Archivlabel Numero Group hat dieser Phase jetzt
eine Box mit Live-Aufnahmen gewidmet: „1985: The Miracle Year“.
Hart und Mould versuchten sich beim Komponieren gegenseitig zu übertreffen.
Dabei ging es vor allem darum, wer in kürzester Zeit die meisten epochalen
Songs schreibt. Ein kreatives Duo, verbunden in inniger Hassliebe. Die
Lennon/McCartney des achtzigerjahre Hardcore sozusagen. Was in direkter
Nähe eine schwer erträgliche Pimmelei gewesen sein muss, an der die Band
1987 dann auch zerbrechen sollte, war musikalisch ein großes Geschenk an
die Menschheit.
Im Abstand von nur wenigen Monaten erschienen die drei besten,
stilbildenden Hüsker-Dü-Werke beim legendären kalifornischen Label SST, in
direkter Nachbarschaft von Black Flag und den Minutemen: das Minialbum
„Metal Circus“, das Doppelalbum „Zen Arcade“, sowie „New Day Rising“.
## Einmal quer durchs Repertoire
„The Miracle Year“ dokumentiert nun einen Heimspiel-Auftritt im
„First-Avenue-Club“ in Minneapolis und weitere Aufnahmen aus dem Jahr 1985.
„New Day Rising“ war gerade erschienen, Hüsker Dü spielten schon die Songs
des nächsten, noch nicht erschienenen Albums „Flip Your Wig“ und einmal
quer durch den Katalog, ohne nennenswerte Pausen zwischen den Songs.
Drogen seien nicht entscheidend für den Sound gewesen, hat Bob Mould später
erklärt. Die hätte man nur genommen, um das Hungergefühl zu unterdrücken,
Geld habe damals nämlich nicht immer für Essen gereicht. Jedenfalls kann
man auf den vier Alben beziehungsweise zwei CDs von „The Miracle Year“
hören, was die Musik von Hüsker Dü bis heute einzigartig macht.
Eine nicht wiederholbare Mischung aus überdrehter Energie, die aus dem
Hardcore der frühen 1980er kam und von befreundeten Bands aus Minneapolis
wie den Replacements und Rifle Sport. Ein Händchen für Hooklines und
Melodien, das viel Sixties-Bubblegum-Pop und die Beatles (beim
First-Avenue-Gig zerlegt die Band liebevoll „Helter Skelter“ und „Ticket to
Ride“) gehört hatte, und eine große Liebe zu Sixties-Psychedelia.
## Eine Wand aus Krach und Tempo
Auf „The Miracle Year“ wird ein in alle Richtungen drängender, melodiöser
Noise aus der Vergangenheit in die Gegenwart katapultiert und klingt
überhaupt nicht alt. Sondern so, als sei in diesen „unbroken walls of speed
and noise“ (Michael Azerrad) alles enthalten, was dann später von anderen
Bands aufgenommen und entfaltet worden ist: Shoegaze, Noiserock, Grunge,
Poppunk.
Die Spanne ist groß. „Broken Home, Broken Hearts“ ballert einem in einer
Minute und fünfzig Sekunden Verzweiflung an den Kopf, [2][„Diane“ und „New
Day Rising“ driften durch melodiösen Noise, einmal düster, einmal
euphorisch]. „Celebrated Summer“ und „Chartered Trips“ werden auch in den
chaotischen Live-Versionen von den denkbar schönsten Melodien getragen.
Gerade an letzteren lässt sich noch einmal sehr schön nachvollziehen, was
das Songwriting insbesondere von Bob Mould und die spezifische Schönheit
dieser Musik ausmacht. Alles, was man hier an Glück und Melodie findet,
liegt nicht an der Oberfläche, sondern muss dem umfassenden Krach sozusagen
abgerungen werden. Das versteht man dann sofort, auch 40 Jahre nachdem das
Konzert zu Ende ist. Denn so wie in der Musik von Hüsker Dü ist es im Leben
ja auch.
12 Jan 2026
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