# taz.de -- Fußball-Bundesliga: Das große Ziel, Zweiter zu werden
       
       > Vor dem Jahresauftaktspiel gegen Eintracht Frankfurt wird bei Borussia
       > Dortmund diskutiert: Wie viel Potenzial hat das Team international?
       
 (IMG) Bild: Stärke, Gelassenheit, doch nicht immer Erfolge: Niko Kovac und Sebastian Kehl geben beim BVB die Richtung vor
       
       So ein Tabellenbild kann reichlich trügerisch sein nach 15 Spieltagen,
       zumal sich in der laufenden Bundesligasaison ein spannender Wettbewerb
       entwickelt hat – hinter den enteilten [1][Bayern]. Innerhalb von zwei
       Spieltagen kann sich viel ändern im derzeit spannendsten Segment des
       Tableaus, in dem am Freitagabend zum Jahresauftakt der Liga [2][Eintracht
       Frankfurt] und [3][Borussia Dortmund] direkt aufeinandertreffen.
       
       Der zweite Platz des BVB repräsentiert demnach kaum mehr als einen
       angenehmen Moment, und dennoch fehlt derzeit in kaum einem Gespräch der
       Dortmunder Protagonisten der Hinweis aufs Tabellenbild. „Wir sind nicht zu
       100 Prozent zufrieden, aber wir haben einen Riesenschritt gemacht: Platz
       zwei, viele gute Ergebnisse, viele Statistiken, die für uns sprechen“, sagt
       beispielsweise der Sportdirektor Sebastian Kehl im Trainingslager in
       Marbella. Emre Can, der Kapitän, fragt sich in einem Interview bei „Sky“
       sogar, ob der BVB jemals eine derart erfolgreiche Hinserie gespielt habe.
       
       Dass noch vor dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach zum Abschluss des
       vergangenen Jahres der Absturz aus den Champions-League-Rängen drohte, ist
       vergessen. Genau wie der Umstand, dass in den vier Wochen vor Weihnachten
       mächtig gestritten wurde. „Borussia Dortmund hat halt Ecken und Kanten, und
       wir haben noch nie versucht, diese Kanten abzuschleifen“, sagt [4][Carsten
       Cramer], der den zurückgetretenen Klubchef als Sprecher der
       Geschäftsführung beerbt hat.
       
       Im Spätherbst gab es einen Eklat um Serhou Guirassy, der trotz schwacher
       Leistung in Leverkusen beleidigt gegen eine Auswechslung rebelliert hatte,
       ähnlich wie Karim Adeyemi, der auch noch versucht hatte, einen Strafbefehl
       gegen seine Person wegen illegalen Waffenbesitzes zu vertuschen. Abwehrchef
       Nico Schlotterbeck hatte öffentlich Mitspieler kritisiert („Die Spieler,
       die reinkommen, verlieren jeden Ball“).
       
       Lange Zeit nicht ordentlich aufgearbeitete Missbrauchsvorwürfe gegen einen
       ehemaligen Mitarbeiter belasten den Verein, genau wie ein von Intrigen
       begleiteter Wahlkampf ums Präsidentenamt. Kurz vor Weihnachten wurde der
       langjährige Kommunikationschef Sascha Fligge entlassen, und Matthias
       Sammer, der externe Berater der Geschäftsführung, ist offenbar autorisiert,
       öffentlich und in großer Deutlichkeit auf Schwächen der Klubführung
       hinzuweisen.
       
       Teile der Klubführung seien „harmoniesüchtig“, hat Sammer erklärt, und
       damit wohl zuallererst die Arbeit von Sportdirektor Sebastian Kehl gemeint.
       Dass der neue Klubchef Cramer solche Aussagen begrüßt, zeigt, dass Sammers
       Kritik am internen Umgang mit den vielen Konflikten auf fruchtbaren Boden
       fällt. Wobei Cramer für 2026 auch den Vorsatz formuliert, „die Stärken in
       den Vordergrund zu stellen“. Im Subtext heißt das: weniger zu streiten,
       zumindest öffentlich. Sichtbar geworden ist nämlich ein innerer Widerspruch
       im Dortmunder Unternehmenskonstrukt.
       
       ## Solidarität gegen Erfolgsbesessenheit
       
       Historisch entstammt der Klub dem Geist des Ruhrgebiets, wo der
       Zusammenhalt jenseits aller Zerwürfnisse über allem anderen steht. Dieses
       ursprüngliche Bedürfnis nach Solidarität trifft auf die Erfolgsbesessenheit
       von Leuten wie Sammer oder Schlotterbeck. Dazwischen bewegen sich Typen wie
       Adeyemi und Guirassy, die das Gemeinschaftsprojekt mitunter aus den Augen
       verlieren, die aber irgendwie mitgenommen werden müssen, weil ihre
       Fähigkeiten unverzichtbar sind.
       
       An dieser Stelle zeigt sich, wie wertvoll die Fähigkeiten von [5][Niko
       Kovac] sind. Mit großer Gelassenheit hat sich der Trainer als ausgleichende
       Kraft zwischen allen Interessen, Konflikten und Widersprüchen profiliert.
       Vor allen Dingen aber hat er eine Stabilität entstehen lassen, die es lange
       nicht gab beim BVB.
       
       In der Bundesliga hat das Team nur die Partie beim FC Bayern verloren, und
       die Defensive hat während der bisherigen 15 Partien nur 12 Gegentreffer
       zugelassen. Außerdem gelingt es dem Trainerteam erstaunlich gut, die
       Belastung so zu dosieren, dass die Zahl der Verletzten erheblich geringer
       ist als in früheren Jahren. „Ich habe den Eindruck, dass wir als BVB ganz
       ordentlich aufgestellt und gut vorbereitet sind für das, was uns in den
       nächsten Wochen und Monaten erwartet“, sagt Cramer daher.
       
       Noch hoffen die Dortmunder zwar, dass Nico Schlotterbeck seinen Vertrag
       verlängert, wahrscheinlicher ist aber, dass der Nationalspieler den
       nächsten Karriereschritt bei einem größeren Klub anstrebt. Diskutiert wird
       die Frage, ob es Optimierungspotenziale auf der Position des Sportdirektors
       Kehl gibt. Teile des Kaders wirken überteuert und seit der Verpflichtung
       von Jude Bellingham vor fünfeinhalb Jahren ist es nicht mehr gelungen, ein
       Talent mit Weltstarpotenzial an den BVB zu binden.
       
       Das Geschäftsmodell mit sehr großen Transfergewinnen funktioniert derzeit
       in Frankfurt und Leverkusen besser als in Dortmund. Der BVB muss derzeit
       mächtig um die Rolle als deutsche Nummer zwei hinter den Münchnern kämpfen,
       auch deshalb ist die Momentaufnahme mit dem zweiten Tabellenplatz emotional
       von solch großer Bedeutung.
       
       8 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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