# taz.de -- Nachruf DJ Por.No: Ein unbesungener Held des Berliner Undergrounds
       
       > Bei jeder Aktion, die mit Bass und Musik zu tun hatte, war DJ Por.No am
       > Start. Mit 61 Jahren ist der Pionier der subkulturellen Techno-Szene
       > gestorben.
       
 (IMG) Bild: Martin Wulf, den viele nur als DJ Por.No kennen, vor einigen Jahren auf der Nation of Gondwana
       
       G8-Gipfel Heiligendamm. Die Polizei hat in Rostock eine Demonstration
       eingekesselt. Plötzlich erscheint ein alter großer Lastwagen an einer
       Kreuzung in der Nähe, mehr als 1.000 Menschen im Schlepptau. Die bayerische
       Spezialeinheit USK will das Gefährt und die unangemeldete Demo stoppen,
       doch der Lastwagen fährt rumpelnd über eine Verkehrsinsel – und dann setzt
       laut wummernd der Bass ein.
       
       Der Laster steuert weiter in Richtung des Kessels, im Chaos des Moments
       gelingt es der festgesetzten Demo, sich zu befreien. Hunderte Menschen
       stürmen dem Laster entgegen. Die Demos vereinen sich, es entsteht eine
       spontane, euphorische Straßenparty.
       
       Hinten auf der Pritsche des Lastwagens zwischen den großen schwarzen Boxen
       steht an den Plattentellern ein dünner Mann mit blonden zotteligen
       Dreadlocks und feinwandiger Brille: Martin Wulf, den viele nur als DJ
       Por.No kennen.
       
       Kurz vor Silvester ist Por.No im Alter von nur 61 Jahren gestorben.
       
       Weder Entourage noch Allüren 
       
       Por.No war nicht gerade das, was man landläufig eine Rampensau nennt. Das
       ist erstaunlich, stand er doch Tausende Male als DJ an den Plattentellern –
       ob nun auf illegalen Raves im Berliner Umland, auf Geburtstagen, in Clubs,
       bei Protesten gegen Nazis, Mietenwahnsinn und die [1][A 100] – oder auf der
       großen weltbekannten Turmbühne auf dem Fusion-Gelände in Lärz.
       
       Martin war ein Garant für kickende, tanzbare Techno-Sets und ausflippende
       Tanzflächen. Er hatte ein besonderes Gespür für die jeweilige Situation und
       Stimmung, konnte dabei Stile und Genres mixen, die sich sonst keiner traute
       zusammenzubringen. Seine [2][Musik] inspirierte und begeisterte
       Generationen von Raver:innen. In Nachtleben-Foren fragten die Leute immer:
       „Wann spielt eigentlich Por.No?“
       
       Doch Fame und Glanz des DJ-Daseins waren nicht Martins Ding, er hatte weder
       Entourage noch Allüren, dafür war er zu sehr Punk und Nerd. Martin fehlte
       jede Arroganz, nie war er von sich eingenommen. Er war nicht darauf aus,
       bekannt zu werden, dafür war er viel zu bescheiden.
       
       Es ging ihm um die Sache. Genau deswegen war er eine Legende des Berliner
       Nachtlebens, hätte diese Zuschreibung aber vehement, vermutlich sogar
       wütend abgelehnt.
       
       Um Geld ging es ihm nie 
       
       Der nach Außen oft wortkarg erscheinende Martin war einer von denen, die
       vor allem auch im Hintergrund wirkten. Er war sich nie zu schade für die
       Drecksarbeit und deshalb eine Stütze jeder Gruppe oder Struktur, die das
       Glück hatte, dass er Teil von ihr war.
       
       Er hatte ein großes Herz. Und das schlug am rechten Fleck. Fehlte ein
       Generator für eine illegale Party, dann schleppte er das alte gelbe
       stinkende Ungetüm heran. Musste irgendwo etwas verkabelt werden, war Martin
       zur Stelle. Fiel eine Bassbox aus, hatte er den Lötkolben dabei. Er baute
       Zelte auf Festivals auf, brachte mit seiner alten Feuerwehr Equipment aller
       Art mit. Um Geld ging es ihm nie.
       
       Do it yourself war für ihn nicht nur ein Schlagwort, sondern Lebenselixier.
       Der friedliebende Idealist mit den Dreads und den schon seit Jahren weißen
       Bartstoppeln war immer am Start, wenn jemand eine Aktion anzettelte, die
       mit Bass und Musik zu tun hatte. War Por.No dabei, konnte es nur gut
       werden.
       
       Fehlte noch ein DJ, dann legte er halt auf. Für Subkultur und Subversion
       sagte er bezahlte Gigs ab, um dann an der Ostsee für eine Handvoll
       Freund:innen am Strand zu spielen.
       
       Mit dieser Einstellung konnte er nie wirklich von seiner Musik leben,
       arbeitete für den Lebensunterhalt zusätzlich im Berliner Hostel Sunflower.
       Später war er zudem im Club Sisyphos tätig oder zwischendurch als
       Bühnenmanager auf Festivals wie der Fusion.
       
       Punk statt Backstage 
       
       Er spiegelte zeitlebens das wider, was die [3][Technokultur vor ihrer
       Kommerzialisierung] ausmachte und was viele heute vermissen: Underground,
       Punk, Protest und Party.
       
       Kein Wunder, dass Martin einer der treibenden Kräfte von Berlins
       dienstältestem illegalen Clubs war, einem Laden, dessen Namen und Ort man
       nicht verraten sollte und in dem bis heute die schlichte Türpolitik gilt:
       Wenn voll ist, ist voll. Punk eben, kein Glitzer, kein Backstage, keine
       Privilegien. Radikal und geradlinig. So wie Martin selbst.
       
       Der war ein glühender Vertreter des Raves: „Der Dancefloor ist kein
       Laberfloor“ war sein geflügeltes Wort, ebenso wie seine Aufforderung „Tanzt
       endlich!“ wenn auf einer Party die Meute schon zu müde war – und dann
       tatsächlich noch einmal weitertanzte. War es irgendwo zu kuschelig oder
       esoterisch, sprach er gern von „Hippiekacke“. Raven war für ihn nicht nur
       zart, sondern auch ein bisschen hart.
       
       Von den Blue Mountains nach Berlin 
       
       Aufgewachsen war Martin in den australischen Blue Mountains in der Nähe von
       Sydney. Als er 16 war, starb sein Vater. Nach der Schule arbeitete Martin
       erst als Elektriker und studierte dann zwei Jahre Fotografie in Brisbane.
       1997 zog er mit ein paar Schallplatten im Gepäck und der Idee, Musik zu
       machen, in das turbulente Nachwende-Berlin. Nach Australien wollte er nie
       zurück, Berlin wurde sein Zuhause.
       
       Von der Fotografie wendete er sich in Berlin immer mehr der Musik zu.
       Por.No war in den frühen 2000ern der selbsternannte „Love Cook“ im
       [4][Kunsthaus Acud], wo er Nachwuchs-DJs eine Plattform gab. Um diese Zeit
       fing er auch an selbst aufzulegen, erst Goa und Psy Trance, später dann
       Minimal und Techno.
       
       Er kaufte und baute sich ein Soundsystem, das er über die Jahre beständig
       erweiterte. Diese Anlage stellte er heute berühmten Partycrews wie der
       [5][Bar25] und den Bachstelzen zur Verfügung.
       
       Mit dem „Lisa Simpsons Dream Kollektiv“ veranstaltete Martin selbst
       unzählige nicht-kommerzielle und unangemeldete Partys. Er unterstützte über
       fast drei Jahrzehnte als Soundtechniker und technischer Allrounder
       Underground-Festivals und Raves und engagierte sich seit dem G8-Gipfel im
       Umfeld der [6][Hedonistischen Internationale] bei deren Protesten und
       Kongressen.
       
       Nebelkanonen und beheizte Badewannen 
       
       Er liebte das Experiment: Mit Freunden baute er zuletzt eine bassgesteuerte
       Nebelkanone, die Vortex-Rauchringe schießen kann. Er träumte von einem
       begehbaren Theremin-Instrument für Festivals, mit dem die
       Besucher:innen ohne Berührung Töne spielen können.
       
       Im Gegensatz zu vielen Altersgenossen wurde der manchmal als mürrisch
       wahrgenommene Martin mit dem Alter immer weicher, offener und
       aufgeschlossener. Redete er, war er scharfsinnig und witzig zugleich.
       Verwöhnen konnte man Martin nicht nur, wenn man zu seiner Musik tanzte,
       sondern auch mit gutem Milchkaffee, Schokolade und heißen feuerbetriebenen
       Badewannen, die er auf Festivals sehr liebte.
       
       Mit Martin geht ein geliebter Mensch und unbesungener Held des Berliner
       Undergrounds. Er hinterlässt gleich zwei traurige Familien: Seine Familie
       in Australien und die große Techno-Familie in Berlin.
       
       9 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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