# taz.de -- Homosexueller Geflüchteter zu Asylsystem: „Ich liebe immer noch genauso“
       
       > Maher Karim ist aus dem Irak geflüchtet, weil er wegen seiner sexuellen
       > Orientierung verfolgt wird. Das deutsche Asylsystem erlebt er als kalt
       > und abweisend.
       
 (IMG) Bild: Setzt sich für seine Rechte ein: Maher Karim aus dem Irak
       
       taz: Herr Karim (Name geändert; d. R.), als Homosexuellem drohen Ihnen in
       Ihrem Heimatland Irak [1][Gefängnis und Schlimmeres.] Trotzdem sollen Sie
       jetzt abgeschoben werden. Wie kann das sein? 
       
       Maher Karim: Die Behörden glauben mir nicht. Ich habe Beweise für meine
       Homosexualität vorgelegt: ein Video und die Bilder, die von mir verbreitet
       wurden. Ich habe den Behörden in Österreich und Deutschland meine
       Geschichte erzählt, aber sie haben dennoch gegen mich entschieden. Seit
       2024 wird Homosexualität im Irak strafrechtlich verfolgt. Bei meiner
       Rückkehr besteht also nicht nur wieder akute Gefahr für mein Leben. Mir
       drohen auch bis zu 15 Jahre Haft. Vor wenigen Tagen habe ich dann erfahren,
       dass im Irak ein Haftbefehl und ein Urteil in Abwesenheit gegen mich
       ausgestellt wurden.
       
       taz: Was macht es mit Ihnen, Ihre sexuelle Orientierung beweisen zu müssen? 
       
       Maher Karim: Wenn von mir verlangt wird, meine sexuelle Orientierung zu
       beweisen, empfinde ich das als sehr schmerzhaft und verletzend. Die
       sexuelle Orientierung ist nichts, was man mit Dokumenten, Fotos oder
       stereotypem Verhalten belegen kann, sondern ein innerer Teil der eigenen
       Identität. Diese Forderung gibt mir das Gefühl, unter Verdacht zu stehen
       und mich für etwas rechtfertigen zu müssen, das ich mir nicht ausgesucht
       habe. Für mich bedeutet das eine psychische Rückkehr zu den Erfahrungen,
       vor denen ich geflohen bin. Zu der Zeit, in der ich gezwungen war, mich aus
       Angst zu verstecken. Anstatt Schutz zu erfahren, fühle ich mich in solchen
       Momenten gezwungen, den intimsten Teil meines Lebens fremden Menschen
       offenlegen zu müssen, um als glaubwürdig zu gelten.
       
       taz: Wurden Sie von den Behörden anders behandelt wegen [2][Ihrer sexuellen
       Orientierung]? 
       
       Maher Karim: Ich kann nicht sagen, dass alle Mitarbeitenden oder Richter
       mich schlecht behandelt haben. Ich habe auch verständnisvolle und
       respektvolle Personen erlebt. In einigen Situationen hatte ich jedoch den
       Eindruck, dass meine sexuelle Orientierung [3][nicht als ernstzunehmender
       Fluchtgrund betrachtet wurde,] sondern eher als ein persönliches Detail.
       Teilweise lag der Fokus stärker auf der Prüfung meiner Glaubwürdigkeit als
       auf Schutz und Verständnis für meine Situation. Dieses ständige Gefühl,
       seine eigene Angst beweisen zu müssen, war für mich psychisch sehr
       belastend, insbesondere nach allem, was ich erlebt habe.
       
       taz: Was meinen Sie? 
       
       Maher Karim: Ich komme aus der Provinz Anbar im Irak. Dort habe ich die
       Schule besucht und anschließend eine Ausbildung zum Krankenpfleger
       begonnen. Diese musste ich jedoch abbrechen, weil im Irak mein Leben in
       Gefahr war, seit Menschen herausgefunden haben, dass ich homosexuell bin.
       Meine Familie hat den Kontakt zu mir abgebrochen, weil sie der Meinung ist,
       dass ich gegen unsere Religion und die Stammestradition verstoßen habe. Ich
       wurde verfolgt und gefoltert. In der Region, in der ich gelebt habe, wurden
       schon zwei Personen umgebracht und ich hatte Angst, der dritte zu sein. Mit
       der Hilfe von Bekannten bin ich daraufhin geflohen, denn ich wollte mich
       von der Angst befreien und an einen Ort, wo ich ein normales Leben führen
       kann. Ich habe diesen Ort zunächst in Österreich und dann in Deutschland
       gesucht.
       
       taz: Und die Unterkunft in Eisenhüttenstadt, in der Sie gerade leben, ist
       kein solcher Ort? 
       
       Maher Karim: Die Unterkunft fühlt sich an wie ein Gefängnis. Ich darf das
       Heim nicht länger als 24 Stunden verlassen. Wenn ich es dennoch tue, droht
       mir, dass ich mein Zimmer verliere und Probleme mit meinen Papieren
       bekomme. Allgemein leiden wir hier dauerhaft unter diesem Druck und der
       Ungewissheit, was unseren Status betrifft. Menschen verschwinden
       regelmäßig, weil sie freiwillig ausreisen, fliehen, abgeschoben oder in
       eine andere Unterkunft verlegt werden. Manche Leute sind nur einige Wochen
       hier, andere viele Monate. Wir wissen nicht, wie die Auswahlkriterien
       aussehen und was die Gründe sind für die Dauer des Aufenthalts. Diese
       psychologische Kriegsführung macht uns krank.
       
       taz: Was meinen Sie? 
       
       Maher Karim: Ich leide unter Depressionen, Selbstmordgedanken und PTBS. Ich
       habe keinen Appetit, kann kaum schlafen, habe Panikattacken und dauerhaft
       Angst. Wenn ich nicht im Heim bin, geht es mir ein bisschen besser, aber
       sobald ich zurückkomme, ist alles wieder da. Ich habe hier das Gefühl,
       komplett isoliert zu sein. Der Arzt aus dem Camp hat empfohlen, dass ich
       psychologische Betreuung bekomme, aber der Weg dahin ist sehr kompliziert.
       Ich wollte einen Termin bei dem Arzt im Camp, um die Medikamente zu
       wechseln, und es hat 4 Monate gedauert, bis ich diesen Termin bekommen
       habe. In Berlin habe ich eine Psychologin gefunden, die mich behandeln
       will, aber die Ausländerbehörde hat lange abgelehnt, die Kosten zu tragen.
       Erst vor Gericht konnte mein Anwalt erwirken, dass ich die Behandlung
       bezahlt bekomme.
       
       taz: Gab es Zeiten oder Momente in Deutschland, die Ihnen Kraft gegeben
       haben? 
       
       Maher Karim: Ja, die gab es. Es sind die Momente, wo ich ernst genommen
       werde und Menschen versuchen, wirklich meine Geschichte zu verstehen. Ich
       war Mitte dieses Jahres für einige Monate im Kirchenasyl. Das war die beste
       Zeit in Deutschland. Die Kirche war für mich ein Ort der Geborgenheit, wo
       ich keine Angst vor Abschiebung und Ablehnung hatte. Ich werde nie
       vergessen, wie sie mir gesagt haben: Egal woher du kommst, wir werden dir
       helfen und auf deiner Seite stehen.
       
       Außerdem habe ich bei der Karawane für Bewegungsfreiheit mitgemacht, die
       die Initiative We’llcome United organisiert hat. Dort haben wir im Rahmen
       von Kundgebungen in zum Beispiel Berlin und Eisenhüttenstadt das Mikrofon
       bekommen, um unsere Geschichte zu erzählen und über unsere Rechte zu
       sprechen. So können wir Menschen zeigen, was hinter dem Wort „Flüchtling“
       steckt. Es hat mich stolz gemacht, dort zu sprechen und es hat mich
       gefreut, dass sich Menschen um unsere Probleme kümmern.
       
       taz: Wie hat sich Ihre Wahrnehmung von Deutschland verändert, seitdem Sie
       hier sind? 
       
       Maher Karim: Ich habe nicht erwartet, dass es so schwierig wird hier. Ich
       habe gedacht, dass sie mit meinem Fall menschlich umgehen würden, aber ich
       werde behandelt wie eine Nummer in einer Akte. Ich habe gehofft, dass ich
       mich von der Angst befreien kann, aber ich lebe seit vier Jahren immer in
       Angst. Mein seelischer Zustand ist sogar schlimmer geworden. Ich bitte um
       Hilfe und darum, dass mein Fall ernst genommen wird.
       
       Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um einen besseren Lebensstandard
       zu haben, sondern weil mein Leben in Gefahr war. Ich liebe immer noch
       genauso und deshalb gibt es für mich im Irak keine Perspektive. Mein Wunsch
       ist es, ein normales Leben zu führen ohne Angst und ohne die ganze Zeit
       kämpfen zu müssen. Ich will meine Ausbildung fertig machen und als
       Krankenpfleger arbeiten. Ich will eine Person sein, die Gutes für das Land
       tut und aktiv an der Gesellschaft teilnimmt. Diese Wünsche sind nicht
       übertrieben.
       
       24 Jan 2026
       
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