# taz.de -- Umstrittenes Buch: Rowohlt geht Väterrechtlern auf den Leim
> Der Rowohlt Verlag will mit einem Buch über Eltern-Kind-Entfremdung ein
> vermeintliches Tabu brechen. Nach Kritik an Desinformation rudert er
> zurück.
(IMG) Bild: Erlebnisbericht einer Mutter oder Argumentationshilfe für die Väterrechtsbewegung?
Es liest sich wie eine Propagandaschrift der [1][Väterrechtsbewegung]:
Unter dem Titel „Werde ich meine Kinder je wiedersehen? Die zerstörerische
Macht der [2][Eltern-Kind-Entfremdung] nach einer Trennung“ kündigte der
Hamburger Rowohlt Verlag im Dezember ein Sachbuch zum Familienrecht an.
Thea Talbusch – der Name der Autorin ist ein Pseudonym – „erlebt den
Albtraum jeder Mutter. Sie verliert ihre Kinder durch Entfremdung“, heißt
es zu dem „aufrüttelnden Buch“. Mit ihm will der Verlag nach eigenen
Angaben ein „Tabuthema“ publik machen. Ursprünglich sollte es im Februar
erscheinen.
In den Schlagworten des Pressetextes ist die Rede von „gezielter
Manipulation bei Kindern“ und „subtilen Strategien der Entfremdung“. Diese
Strategien würden sich juristisch oft nur schwer fassen lassen, „aber eine
verheerende psychologische Wirkung entfalten“. Das Buch fordert eine
„institutionelle Reform“: Jugendämter und Gerichte müssten „spezifisch
geschult und besser informiert werden, […] um Entfremdungsprozesse früh zu
erkennen und darauf zu reagieren“.
Um eine Pointe vorwegzunehmen: So wie geplant wird der Titel nicht
erscheinen, auch wenn der Text schon vor Weihnachten gesetzt vorlag.
Denn was als Erlebnisbericht einer traurigen Mutter daherkommt, wird zu
einer Argumentationshilfe für die Väterrechtsbewegung, die [3][– wie 2023
Correctiv dokumentierte –] den Gewaltschutz von Frauen und Kindern
untergräbt.
## Selbst das Verfassungsgericht lehnt das Konzept ab
Erst durch Kritik von außen wurde der Rowohlt Verlag sensibilisiert dafür,
dass er mit dem Gerede von Eltern-Kind-Entfremdung, was sich wie ein roter
Faden durch das Buch zieht, einen unwissenschaftlichen Begriff verwendet.
Dieser geht zurück auf das vom US-Kinderpsychologen Richard Gardner
benannte Parental Alienation Syndrom (PAS), mit dem Väterverbände
operieren, um zu behaupten, dass ihnen Mütter mit Lug und Trug die Kinder
entziehen. Ziel der angeblich „entsorgten“ Väter: sich Vorteile zu
verschaffen in Verfahren zum Umgangs- und Sorgerecht, zuweilen sogar trotz
häuslicher Gewalt.
Im November 2023 entschied das Bundesverfassungsgericht: „Mit der vom
Oberlandesgericht herangezogenen Eltern-Kind-Entfremdung wird auf das
überkommene und fachwissenschaftlich als widerlegt geltende Konzept des
sogenannten Parental Alienation Syndrom (kurz PAS) zurückgegriffen. Das
genügt als hinreichend tragfähige Grundlage für eine am Kindeswohl
orientierte Entscheidung nicht.“ Die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt
gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, nannte den Begriff in einem
UN-Bericht ein „Pseudokonzept“.
Aufrüttelnd wurde die Ankündigung des Rowohlt-Buches tatsächlich für viele,
die seit Jahren für Aufklärung zum Thema kämpfen. Die Journalistin
Stephanie Schmidt, die im April 2025 im Deutschlandfunk das Feature
[4][„Die Entfremdungs-Lüge: Wie rechte Netzwerke das Familienrecht
unterwandern“] veröffentlichte, schrieb an den Verlag: „Nichts ist derzeit
so wichtig wie wissenschaftlich genaues Arbeiten.“ Die sogenannte
Entfremdung aber sei „Junk Science“.
Die Buchautorin Sonja Howard („[5][Im Zweifel gegen das Kind: Wie Gerichte,
Jugendämter und Polizei die Kinderrechte mit Füßen treten]“) sagte der taz,
es sei „erschreckend“, dass noch immer Bücher zu einem Schlagwort verfasst
würden, hinter dessen Konzept sich eine „verworfene Ideologie“ befinde:
„Das Grausame ist der Rattenschwanz [6][familiengerichtlicher Verfahren],
in denen angeblich entfremdete Kinder gegen ihren Willen über Jahre in
Umgänge gezwungen werden. Und das Schlimmste ist, dass dieser Begriff
nachweislich seit Jahrzehnten von Gewalt- und Missbrauchstätern genutzt
wird, um weiterhin – meist erfolgreich – Zugriff auf ihre Opfer haben zu
können.“
## Nachwort von umstrittenem Kinderpsychologen
Der Ehrenvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, wandte sich
direkt an Rowohlt: „Ich würde mir wünschen, wenn Sie sich nicht durch
umstrittene Experten aus welcher Szene auch immer manipulieren ließen.
Streit um gefühlte Eltern-Kind-Entfremdung nützt in aller Regel nur
Gutachtern, die hierzu vor Gericht für viel Geld Stellung nehmen sollen.“
Letzteres war eine Anspielung auf den Bremer Kinderpsychologen Stefan
Rücker, der bei der Entstehung des Buchs von „Thea Talbusch“ eine wichtige
Rolle spielte. Er ist einer der wichtigsten Lobbyisten der
Väterrechtsbewegung in Deutschland. Er hat die Buchautorin nach eigenen
Angaben vor etwa fünf Jahren kennengelernt und spricht von „Jahren der
Zusammenarbeit“. Rücker hat für das Buch ein elfseitiges Nachwort verfasst.
Auf der Rückseite des Buchumschlags sollte er mit der Empfehlung zitiert
werden: „Was Thea zu sagen hat, muss hinaus in die Welt.“
Rowohlt holte sich damit einen „Familienrechtsexperten“ ins Boot, der seit
Jahren in der Väterrechtlerszene unterwegs ist. Er unterstützte die vom
Väteraufbruch für Kinder initiierte Kampagne „Genug Tränen! Kinder brauchen
beide Eltern!“ Für entfremdete Kinder sagt er dort ein „deutlich erhöhtes
Entwicklungsrisiko“ voraus, mit „Depressionen, Essstörungen,
selbstverletzendem Verhalten sowie Alkohol- und Drogenerkrankungen“.
Auf Rückers Homepage steht das Statement: „Eltern-Kind-Entfremdung ist
Kindesmisshandlung und für mich ein Verbrechen an der seelischen
Entwicklung von jungen, orientierungsbedürftigen Menschen. Es ist sogar
schlimmer als körperliche Verletzungen, weil die heilen.“ Das kann man so
lesen, als würde er körperliche Gewalt gegen Kinder relativieren.
## Gutachten für Christina Block
Auch die Steakhaus-Erbin Christina Block, Hauptangeklagte im laufenden
Prozess um die Rückholaktion ihrer beiden damals 10 und 13 Jahre alten
Kinder in der Silvesternacht 2023/24, hat Rücker beraten, [7][nach
Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit für 40.000 Euro]: „In einem seiner
Gutachten, die Christina Block bei Gericht einreicht, schreibt er, David
und Emma seien durch ihren Vater von der Mutter entfremdet worden. Mit den
Kindern gesprochen hat der Psychologe für das Gutachten allerdings nicht.“
Im November 2025 war Rücker Gesprächspartner in einem Podcast des Hamburger
Abendblatts zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung. Gerhard Schröders früherer
Regierungssprecher Béla Anda lobte den Podcast auf LinkedIn: „So wichtiges
Thema.“ Anda ist seit September 2025 PR-Berater von Christina Block und
soll ihr Image in der Berichterstattung zum Prozess aufpolieren.
Warum hat bei Rowohlt die Qualitätssicherung versagt? Warum gab es vom
Lektorat des Verlags keine frühe Bitte um Einschätzung beispielsweise bei
der Rechtsanwältin Asha Hedayati, die 2023 ebenfalls für Rowohlt das
Sachbuch „Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt“ verfasst
hat?
Hedayati schreibt in dem Buch, Konzepte wie PAS, Eltern-Kind-Entfremdung
oder „Bindungsintoleranz“ hätten eine „misogyne und mutterfeindliche
Wurzel“: „Es ist doch mindestens erstaunlich, dass Gerichte und Jugendämter
sich offenbar nicht vorstellen können, dass Kinder möglicherweise aus guten
Gründen den anderen Elternteil ablehnen, vielleicht weil ihnen wirklich
Gewalt angetan wurde oder sie die Gewalt des Vaters gegen die Mutter
miterleben mussten.“
## Wie Rowohlt reagiert
In einem Freitag-Interview 2024 sagte Hedayati zum Thema
„Eltern-Kind-Entfremdung“: „Das ist der Begriff der Väterrechtler-Lobby“,
ein „unwissenschaftlicher Propagandabegriff“.
Rücker beantwortet einen Fragenkatalog der taz zu seiner Zusammenarbeit mit
„Thea Talbusch“ nicht.
Beim Rowohlt Verlag läuft das Krisenmanagement auf Hochtouren. Der Button
auf dem Buchtitel zur „zerstörerischen Macht der Eltern-Kind-Entfremdung“
wurde entfernt, die Umschlagseite des Buches mit dem Werbespruch von Rücker
im Internet getilgt.
Eine Rowohlt-Sprecherin sagte der taz, die Verwendung des Begriffes
„Eltern-Kind-Entfremdung“ werde derzeit „einer intensiven inhaltlichen
Prüfung“ unterzogen: „Bis zur Beendigung der Schlussredaktion werden wir
darauf verzichten, den Begriff weiterzuverwenden.“ Zur Frage, ob das
Nachwort von Rücker wie geplant erscheinen wird, sagt die
Verlagssprecherin, dies sei „Bestandteil der Prüfung im Rahmen der
Schlussredaktion, die noch nicht beendet ist“.
Update 9.1.2026: Nach Erscheinen dieses Artikels verschob der
Rowohlt-Verlag den Erscheinungstermin um neun Monate auf den 31. Dezember
2026. Eine Verlagssprecherin erklärte auf Anfrage, dies sei vorsichtshalber
mit Blick auf die Abläufe im Buchhandel und das noch offene Ende der
Schlussredaktion geschehen. Die Veröffentlichung stehe allerdings „nicht
zur Disposition.“
8 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bundesregierung-geht-auf-Distanz/!6018477
(DIR) [2] /Unzureichende-Fortbildungen-der-Justiz/!6066127
(DIR) [3] https://correctiv.org/aktuelles/haeusliche-gewalt/2023/09/19/die-netzwerke-der-vaeterrechtler/)
(DIR) [4] https://www.hoerspielundfeature.de/die-entfremdungsluege-wie-rechte-netzwerke-das-familienrecht-unterwandern-102.html
(DIR) [5] https://www.ullstein.de/werke/im-zweifel-gegen-das-kind/paperback/9783430211000
(DIR) [6] /Muetter--und-kinderfeindliche-Gerichte/!6047126
(DIR) [7] https://www.zeit.de/2025/14/entfuehrung-kinder-christina-block-sorgerecht-ermittlungen/komplettansicht
## AUTOREN
(DIR) Matthias Meisner
## TAGS
(DIR) Väterrecht
(DIR) Rowohlt
(DIR) Verlagswesen
(DIR) Richter
(DIR) Familienrecht
(DIR) Väterrecht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Unzureichende Fortbildungen der Justiz: Kampfbegriff der Väterrechtler
An vielen Familiengerichten finden Gewaltopfer unzureichend Gehör. Kann das
auch an Missständen bei der Ausbildung von Richtern liegen?
(DIR) Mütter- und kinderfeindliche Gerichte: Vaterkontakt um jeden Preis
Gesetze und Gerichte gehen häufig sehr weit, um Eltern den Kontakt zu ihren
Kindern zu ermöglichen. Das ist nicht immer zum Wohle der Kinder.
(DIR) Bundesregierung geht auf Distanz: Ein Pseudo-Konzept des Väterrechts
Der Vorwurf der „Eltern-Kind-Entfremdung“ soll vor Gericht nicht mehr
genutzt werden, so eine Mitteilung des Justizministeriums.