# taz.de -- Forschung über Darm: Viel mehr als ein Verdauungsrohr
       
       > Der Darm besitzt ein eigenes Nervensystem, das sogenannte Bauchhirn. Es
       > ist evolutionär betrachtet viel älter als das Nervengeflecht im
       > Oberstübchen.
       
 (IMG) Bild: In den letzten Jahren wurde das Darmmikrobiom zum medizinischen Dauerthema – zum Leidwesen anderer Akteure im Darm
       
       Wenn von Darmgesundheit die Rede ist, geht es fast immer um Bakterien.
       Diese teils guten, teils bösen millionenfachen Mitbewohner steuern die
       menschliche Verdauung, beeinflussen das Immunsystem und womöglich sogar, ob
       wir frohgemut oder niedergeschlagen sind.
       
       Kaum ein medizinisches Thema hat in den vergangenen Jahren so viel
       Aufmerksamkeit erfahren wie das [1][„Darmmikrobiom“], zu dem neben den
       Bakterien eigentlich auch Viren und Pilze zählen. Dabei geriet etwas
       Entscheidendes aus dem Blick: Das „Bauchhirn“, das ebenfalls ein wichtiger
       Akteur im Darmgefüge ist.
       
       Denn der Darm besitzt ein eigenes Nervensystem – das enterische
       Nervensystem, kurz ENS, das evolutionär betrachtet viel älter ist als das
       Nervengeflecht im Oberstübchen. Das ENS durchzieht als dünne Schicht den
       gesamten Magen-Darm-Trakt wie ein fein verzweigtes Netz.
       
       Wie viele Nervenzellen das ENS beherbergt, ist nicht genau belegt – klar
       ist aber, dass es mit 200 bis 600 Millionen Nervenzellen mehr sind als im
       Rückenmark. Zudem sind wie im Gehirn auch Gliazellen zu finden, die das
       Nervengewebe stützen, versorgen und schützen. Ebenso finden sich teils die
       gleichen Neurotransmitter im Darm, allerdings wirken sie oft anders als im
       Gehirn.
       
       ## All-inclusive-Ausstattung im Darm
       
       Mit dieser All-inclusive-Ausstattung steuert das ENS die Darmbewegungen,
       ist zuständig für die Ausschüttung von Verdauungssäften, misst Druck,
       Dehnung und chemische Reize im Darm. Dabei arbeitet es autonom, ist also
       nicht angewiesen auf Befehle von oben. Kein anderes Organ besitzt eine
       solch hauseigene Schaltzentrale.
       
       Und Studien der letzten Jahre zeigen: Das Nervensystem des Darms ist nicht
       nur für die Verdauung zuständig, sondern im Zusammenspiel mit den
       Darmbakterien für unsere Gesundheit insgesamt. Hannelore Daniel,
       emeritierte Ernährungswissenschaftlerin an der TU München, nennt das ENS
       ein „Meisterstück an biologischer Komplexität.“
       
       Bereits bekannt ist, dass Krankheiten wie das Reizdarmsyndrom mit einer
       Störung im darmeigenen Nervensystem zusammenhängen. Der Reizdarm äußert
       sich durch Schmerzen, Durchfall und Verstopfung, aber auch in Form von
       depressiven Verstimmungen oder Angstsymptomen. So findet man bei
       Betroffenen eine erhöhte Nervendichte und eine stärkere Verzweigung der
       Synapsen, was zu einer chronischen Aktivierung des Immunsystems und zu
       Schmerzen führt.
       
       Doch auch Allergien, entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes, Darmkrebs
       oder Parkinson könnten davon abhängen, wie gut oder schlecht das ENS
       arbeitet. So zeigt zum Beispiel eine aktuelle Studie unter Leitung der
       Charité und der Universität Bern, dass das enterische Nervensystem aktiv
       die sogenannte Darmbarriere steuert – zumindest bei Mäusen. Diese Barriere
       trennt das Darmlumen vom Rest des Körpers. Sie entscheidet, welche Stoffe
       aus dem Darm in den Körper gelangen dürfen und welche nicht.
       
       Nährstoffe wie Glukose oder Vitamine dürfen zum Beispiel passieren, während
       Krankheitserreger von einer intakten Darmwand abgewehrt werden. Bislang
       galt vor allem das Mikrobiom als Wächter dieser Grenze. Doch auch Nerven
       mischen hier mit: So senden spezialisierte Darmneuronen Botenstoffe aus,
       die Zellen der Darmschleimhaut in ihrer Entwicklung aus Stammzellen
       beeinflussen.
       
       ## Das Bauchhirn wirkt wie ein Dirigent
       
       Diese Botenstoffe spielen auch eine Rolle dabei, wie stark das Immunsystem
       reagiert. Gerät diese Steuerung aus dem Gleichgewicht, kann das
       Entzündungen begünstigen. „Der entdeckte Mechanismus könnte erklären, warum
       manche Menschen im Darm überempfindlich reagieren“, sagt Christoph Klose
       von der Charité.„Wichtig ist dabei: Der Darm wird nicht einfach
       ‚durchlässig‘ oder ‚löchrig‘.“ Es geraten vielmehr fein abgestimmte
       Prozesse durcheinander. Das Bauchhirn wirkt hier wie ein Dirigent, der
       vorgibt, welche Zellen wann aktiv werden – und wann nicht.
       
       Klose und sein Team konnten in der Studie auch zeigen, dass allergische
       Reaktionen vom ENS abhängen. Funktioniert die Steuerung der Darmneuronen
       nicht, führt dies im Darm zu Immunreaktionen, die typisch für allergisches
       Asthma sind. Der Darm wirkt hier wie eine Schaltzentrale für das
       Immunsystem des ganzen Körpers.
       
       Diese Erkenntnis passt zu einem wachsenden Forschungsfeld: [2][der
       Darm-Hirn-Achse.] Zwar ist seit Langem bekannt, dass Darm und Gehirn
       intensiv miteinander kommunizieren, etwa über den Vagusnerv oder über
       Botenstoffe wie Serotonin, Dopamin oder entzündliche Substanzen im Blut,
       und dadurch Immunprozesse verändert werden.
       
       Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass das enterische Nervensystem selbst
       aktiv Immunprogramme startet oder bremst. In einer Studie aus dem Jahr 2024
       konnten deutsche Forschende zum Beispiel zeigen: Bei Dauerstress werden
       vermehrt Glucocorticoide ausgeschüttet, die im Darm Entzündungsreaktionen
       auslösen – und zwar vermittelt über das ENS. Dies erklärt, warum chronische
       Belastungszustände entzündliche Darmerkrankungen verschlechtern.
       
       ## Die Konsistenz macht einen Unterschied
       
       Möglicherweise könnte auch die Ernährung das Bauchhirn beeinflussen. Lange
       konzentrierte sich die Forschung darauf, was Nahrung mit den Darmbakterien
       macht. Neue Studien wie die Arbeit von Christoph Klose zeigen nun: Schon
       die Beschaffenheit der Nahrung – ob flüssig oder fest – kann das Bauchhirn
       direkt beeinflussen.
       
       Mechanische Reize im Darm werden von Nervenzellen in biologische Signale
       übersetzt, die wiederum die Darmbarriere und Immunreaktionen steuern. „Die
       Konsistenz der Nahrung hat einen direkten Einfluss auf die Barrierefunktion
       des Darms und die Immunreaktion“, so Klose. „Diese Effekte finden hier
       unabhängig vom Mikrobiom statt.“
       
       Ob auch bestimmte Nahrungsbestandteile direkt vom enterischen Nervensystem
       erkannt werden, ist noch offen. „Das ist eine interessante Hypothese, der
       wir aktiv nachgehen“, sagt Klose. Aus anderen Studien gibt es bereits
       Hinweise, dass Ballaststoffe, Fettsäuren, sekundäre Pflanzenstoffe oder
       hormonähnliche Substanzen im Darm nicht nur die Bakterien, sondern auch
       Nerven beeinflussen.
       
       Ballaststoffe etwa wirken über ihre Abbauprodukte, die kurzkettigen
       Fettsäuren, stabilisierend auf Darmnerven und die Darmbarriere.
       Omega-3-Fettsäuren aus der Nahrung dämmen entzündliche Prozesse ein und
       triggern neuronale Signalwege. Aminosäuren wie Tryptophan sind Vorstufen
       wichtiger Botenstoffe, etwa des „Glückshormons“ Serotonin.
       
       Sogenannte Polyphenole aus Obst, Gemüse, Tee oder Kakao können ebenfalls
       schützend auf das Nervengeflecht im Darm wirken und Entzündungen dämpfen.
       Auch sogenannte Probiotika aus fermentierten Lebensmitteln könnten dabei
       helfen, das Nervengeflecht auszutarieren.
       
       ## Das Wissen wächst rasant
       
       Tatsächlich ist dies das Who’s who einer gesunden Ernährung – denn diese
       Substanzen finden sich in Gemüse, Obst, Vollkorn, fettem Seefisch sowie
       eiweißreichen Lebensmitteln. Wer sich an einen solchen Speiseplan hält,
       senkt nicht nur sein Risiko für Diabetes oder Herzkrankheiten, sondern
       womöglich also auch für Erkrankungen, die aus einer Dysbalance im ENS
       entstehen.
       
       Parallel dazu wächst das Wissen über das ENS rasant. Studien zeigen, wie
       vielfältig die Nervenzellen im Darm sind und wie eng sie mit Immunzellen
       verflochten arbeiten. Forschende entdecken neue Nervenzelltypen, neue
       Signalwege und sogar Hinweise darauf, dass sich das Bauchhirn im Laufe des
       Lebens anpassen und regenerieren kann.
       
       Diese Erkenntnisse verändern auch das Bild vom Darm grundlegend. Er ist
       kein passives Verdauungsrohr und auch kein bloßer Spielplatz für Mikroben.
       Er ist ein hochaktives Sinnes- und Steuerorgan, das entscheidet, wie der
       Körper auf Nahrung, Umweltreize und Krankheitserreger reagiert.
       
       „Wenn wir das Zusammenspiel von Nerven, Zellen und Immunreaktionen im Darm
       besser verstehen, können wir Medikamente gezielter und personalisierter
       entwickeln – etwa für Allergien, das Reizdarmsyndrom oder
       chronisch-entzündliche Darmerkrankungen“, sagt Klose.
       
       10 Jan 2026
       
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