# taz.de -- Sichere Geburten: Nicht nur ein medizinischer Prozess
       
       > Seit bald zwei Jahren gibt es ein Gütesiegel für hebammengeleitete
       > Kreißsäle. Eine Klinik in Halle war die erste, die das Zertifikat bekam.
       > Ein Besuch.
       
 (IMG) Bild: Sven Seeger, Chefarzt der Geburtshilfe in Halle, und Kathrin Eichhorn, leitende Hebamme im Kreißsaal, arbeiten auf Augenhöhe
       
       Die vier Kreißsäle im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle
       unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von anderen Kreißsälen, wie
       sie in bundesdeutschen Kliniken heute üblich sind. Freundliches Gelb und
       Orange an den Wänden, ein Mobile mit Papierkranichen hängt von der Decke,
       Geburtshocker und Gebärwanne stehen zur Verfügung.
       
       Einerseits stimmt der Eindruck des Alltäglichen: Die Kreißsäle in der
       [1][Hallenser Klinik] sind Orte, an denen Frauen gebären und dabei wie bei
       den weitaus meisten Geburten in Deutschland von Ärzt*innen und Hebammen
       begleitet werden können. Andererseits hält die Klinik ein zusätzliches
       Angebot vor: Eine 1:1-Betreuung ausschließlich von Hebammen. Bald zwei
       Jahre ist es her, dass der Kreißsaal dafür ein Zertifikat bekommen hat: Als
       erster der rund 60 hebammengleiteten Kreißsäle in Deutschland gilt er
       seitdem als risikogeprüft.
       
       „Ein Hebammenkreißsaal ist grundsätzlich eine Frage des Betreuungskonzepts,
       nicht des Raumes“, sagt die leitende Hebamme Kathrin Eichhorn. „Es geht um
       die natürliche Betreuung von Gebärenden – back to the roots.“ Die Hebammen
       nutzen weder medizinische noch medikamentöse Interventionen, also keine
       Maßnahmen zur Geburtseinleitung oder -beschleunigung. Zudem geben sie keine
       Schmerzmittel außer Lachgas, setzen dafür aber auf Akupunktur, Massage und
       Bewegung. Das Wichtigste sei die 1:1-Betreuung, sagt Eichhorn: „Die
       Verantwortung, die wir tragen, können wir nur so gewährleisten.“
       
       Sollten während einer Geburt allerdings medizinische Eingriffe nötig
       werden, stehen die Ärzt*innen des Krankenhauses bereit. „Eine
       Konsultation mit einer ärztlichen Kolleg*in ist bei auffälligen Verläufen
       jederzeit möglich“, sagt Eichhorn. Sobald [2][Eingriffe wie eine PDA zur
       Schmerzlinderung] notwendig sind, gilt die Geburt als in den
       interprofessionellen – den herkömmlichen – Kreißsaal übergeleitet.
       
       ## Arbeit auf Augenhöhe
       
       Rund 45 Prozent der Geburten werden in Halle übergeleitet, die Hälfte davon
       wegen des Bedarfs an Schmerzmitteln. „Wir enthalten den Frauen diese auch
       im Hebammenkreißsaal nicht vor“, sagt Sven Seeger, Chefarzt der
       Geburtshilfe in Halle. „Eine Schmerztherapie soll keinesfalls eine gute
       Betreuung ersetzen, kann im Einzelfall aber richtig sein.“
       
       Hebamme und Raum bleiben bei einer Überleitung dieselben. „Im Idealfall
       merkt die Frau gar nicht, ob sie vom hebammengeleiteten Kreißsaal in den
       interprofessionellen wechselt“, sagt Eichhorn. Hebammen und Ärzt*innen
       tragen auch dieselbe rosa Kleidung – die Hierarchien, die in manchen
       Häusern auch visuell wahrnehmbar sind, werden dadurch unsichtbar gemacht.
       
       Zwischen den Berufsgruppen der Ärzt*innen und Hebammen gebe es oft lange
       gewachsene Dissonanzen, die bis hin zu wechselseitigen Anfeindungen reichen
       könnten, sagt Seeger. In manchen Kliniken hätten Ärzt*innen die
       Geburtshilfe viel zu sehr vereinnahmt und Hebammen zu weisungsempfangenden
       Pflegekräften degradiert. „Aber beide Berufsgruppen haben ihre Kompetenzen.
       Wir arbeiten hier deshalb seit vielen Jahren auf Augenhöhe.“ Seeger und
       Eichhorn sind seit mehr als 20 Jahren im Haus, gemeinsam entwickelten sie
       das Konzept des hebammengeleiteten Kreißsaals für Halle.
       
       Seit den 1990er Jahren habe sich die Perspektive auf Geburten hierzulande
       verändert, sagt Eichhorn: „Geburten sind nicht nur medizinische Prozesse –
       sie sind weit mehr.“ Enge Zimmer, die vor allem durch medizinische
       Apparaturen dominiert waren, wurden nach und nach abgelöst durch
       freundlicheres Equipment. Auch die Haltung und der Anspruch der Gebärenden
       wurden im Lauf der Zeit andere: Viele heutige Schwangere strebten
       natürliche, empathisch begleitete Geburten an, gleichzeitig aber einen
       hohen Sicherheitsstandard. „Diese Lücke zwischen Geburtshaus und Klinik,
       die für manche Frauen entscheidend ist, schließen wir.“
       
       ## Fehler und Folgeschäden sind teuer
       
       Seit 2019 gibt es nun den hebammengeleiteten Kreißsaal in Halle, 30
       Hebammen in drei Schichten arbeiten hier, zunächst noch ohne Risikoprüfung.
       Die entwickelte währenddessen der Deutsche Hebammenverband ([3][DHV]), der
       ein Qualitätskriterium für dieses Segment der Geburtshilfe schaffen wollte.
       „Der Begriff ‚hebammengeleiteter Kreißsaal‘ ist nicht geschützt“, sagt
       Andrea Köbke vom DHV. „Wir wollten ihn mit Leben füllen: Frauen sollen
       wissen, was sie dort bekommen.“
       
       Gemeinsam mit drei Versicherern und Maklern im geburtshilflichen Bereich
       erarbeitete der DHV also ein Konzept, mit dem belastbare Kriterien für
       Qualität und Sicherheit getestet werden können. „Wir Hebammen müssen uns
       oft den Vorwurf gefallen lassen, hebammengeleitete Kreißsäle seien unsicher
       – auch wenn das medizinisch nicht belegbar ist“, sagt Köbke.
       
       Zu den objektiven Kriterien, die der DHV und seine Partner also als Maßstab
       nahmen, gehören etwa Fortbildungsstand und Erfahrungen im Team,
       Risikomanagement und Verlegungswege in Notfällen. „Das Wichtigste im
       geburtshilflichen Bereich sind die Schnittstellen“, sagt Köbke: Gibt es
       eine etablierte Kommunikationsstruktur zwischen Ärzt*innen und Hebammen?
       Wie klappt der Wechsel vom hebammengeleiteten in den herkömmlichen
       Kreißsaal? „Als Versicherer schläft man besser, wenn die Sicherheit von
       Kreißsälen extern überprüft wurde“, sagt Köbke. Denn Fehler und
       Folgeschäden in diesem Bereich sind extrem teuer.
       
       Als ersten hebammengeleiteten Kreißsaal, der sich nach dem neuen Verfahren
       prüfen lassen könnte, kontaktierte der DHV Halle. Eichhorn und Seeger
       sagten zu: Prüfende der Gesellschaft für Risikoberatung mbH begleiteten
       mehrere Tage lang die Abläufe im Kreißsaal, führten Interviews und
       sichteten Unterlagen. Im März 2024 verlieh der DHV das Zertifikat
       „Risikoauditierter Hebammenkreißsaal HKS+“ an den Kreißsaal in Halle.
       
       ## Messbare Qualität für höheres Budget?
       
       Acht solcher Kreißsäle gibt es mittlerweile bundesweit, darunter in Berlin,
       Frankfurt am Main und Osnabrück. Die Kliniken müssen die Zertifizierung
       bezahlen, ein hoher vierstelliger Betrag sei das gewesen, sagt Chefarzt
       Seeger. „Wir waren dazu gern bereit. Schließlich weisen wir mit einem
       Siegel nach außen nach, dass die Qualität bei uns stimmt.“ Zwar habe der
       Kreißsaal auch ohne das Siegel bei sinkenden Geburtenzahlen bereits
       steigende Anmeldungen gehabt. Diesen Anspruch untermauere aber nun das
       Zertifikat. Zudem könne es eine Motivation für nachrückende Hebammen sein,
       selbstbestimmt arbeiten zu können. „Bei uns zeigt sich: Die jungen
       Kolleginnen, die hier anfangen, bleiben auch“, sagt Seeger.
       
       Aus anderen Kliniken, von anderen Chefärzten, habe er allerdings durchaus
       auch kritische Rückmeldungen zum Zertifikat bekommen. „Mancherorts
       herrschen Ängste, dass hebammengeleitete Kreißsäle die ärztlichen
       Kompetenzen in der Begleitung von Geburten verdrängen sollen.“ Das dürfe
       aber nicht passieren, so Seeger: In einer guten und sicheren Geburtshilfe
       brauche es beide Professionen, die eng verschränkt arbeiten. Manche
       Kliniken könnten oder wollten zudem die Kosten für das Prüfverfahren nicht
       übernehmen – was auch bedeuten könne, dass es weiter sehr gute Kreißsäle
       ohne Siegel gebe. „Es wäre deshalb Aufgabe der Politik, zu unterstützen,
       dass messbare Qualität zu einem höheren Budget führt“, sagt Seeger.
       
       Vergleichszahlen zum Beispiel in Bezug auf Kaiserschnittraten,
       Schmerzmittelgabe oder Zufriedenheit von Gebärenden in risikoauditierten
       hebammengeleiteten Kreißsälen zu solchen ohne Siegel gibt es noch nicht.
       „Dazu ist es zu früh“, sagt Köbke. Zudem fehle es in der bundesdeutschen
       Geburtshilfe generell an Standards zur Datenerhebung in Bezug auf
       hebammengeleitete Kreißsäle – weshalb es auch keine Vergleichszahlen von
       solchen Kreißsälen gegenüber Kliniken ohne hebammengeleitete Kreißsäle
       gibt.
       
       ## Entschleunigte Geburt
       
       Eltern fühlen sich vom Hallenser Konzept dennoch angesprochen. Eine, die
       ihr Baby in Halle bekommen hat, ist Lia Fehling. Die 31-Jährige war mit
       ihrem ersten Kind schwanger, als ihr Freundinnen vom hebammengeleiteten
       Kreißsaal erzählten. „Mein Partner und ich waren beim Infoabend und das
       Konzept hat uns direkt gefallen“, sagt Fehling. Die Geburt sei dann „sehr
       entschleunigt“ gewesen: „Die lassen eine im besten Sinn einfach machen.“ In
       den richtigen Momenten sei die Hebamme immer da gewesen, „in der heißen
       Phase“ die gesamte Zeit. Zugleich habe ihr das Wissen darum, dass eine
       Ärztin anwesend ist und das Konzept zudem extern geprüft worden sei,
       Sicherheit gegeben. „Ich konnte die ganze Zeit sehr gut bei mir sein.“
       
       Im Oktober 2024 wurde das Konzept des hebammengeleiteten Kreißsaals im
       Gesetz zur [4][Krankenhausreform] zum ersten Mal auf Bundesebene verankert.
       Eine Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), dem obersten
       Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die Qualitätskriterien
       für hebammengeleitete Kreißsäle festhalten soll, ist derzeit in Arbeit.
       
       Der DHV arbeitet daran mit. „Natürlich möchten wir sicherstellen, dass die
       Anforderungskriterien des G-BA denen des risikoauditierten Kreißsaals
       entsprechen“, sagt Köbke. Rund 20 Millionen Euro jährlich sollen künftig im
       Rahmen der neuen Richtlinie an die hebammengeleiteten Kreißsäle vergeben
       werden. „Das macht es für geburtshilfliche Abteilungen attraktiv, sich
       testen zu lassen.“
       
       Für die Hebammen im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle
       haben sich die Veränderungen hin zum hebammengeleiteten Kreißsaal und das
       Gütesiegel bisher schon gelohnt. „Unser Team macht das Konzept
       zufriedener“, sagt Kathrin Eichhorn. Zudem freue sie sich über das Siegel:
       „Es ist ein Aushängeschild dafür, dass wir gut arbeiten – für achtsame,
       selbstbestimmte Geburten.“
       
       11 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.krankenhaus-halle-saale.de/geburtshilfe
 (DIR) [2] https://www.aok.de/pk/magazin/familie/geburt/pda-bei-der-geburt-schmerzlinderung-fuer-werdende-muetter/
 (DIR) [3] https://hebammenverband.de/
 (DIR) [4] /Krankenhausreform-erneut-auf-dem-Tisch/!6099031
       
       ## AUTOREN
       
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