# taz.de -- Die-Sterne-Sänger Frank Spilker: „Ich erforsche Missverständnisse“
       
       > „Wenn es Liebe ist“ heißt das optimistisch klingende neue Album von Die
       > Sterne. Ein Gespräch mit Mastermind Frank Spilker über deutschen
       > Geniekult und Lebenslügen.
       
 (IMG) Bild: Die Sterne in Hamburg: Frank Spilker, Zwoter von rechts neben Dyan Valdez
       
       taz: Frank Spilker, Totgesagte leben länger. Gilt das auch für Ihre Band
       Die Sterne? 
       
       Frank Spilker: Das kann ich schwer einschätzen, weil das eine Frage der
       Außenperspektive ist. Ich kann allerdings nachvollziehen, wenn es nach
       knapp 35 Jahren Bandkarriere heißt: Okay, noch ein Sterne-Album? Eigentlich
       auch schon egal! Bandintern fühlt sich das natürlich ganz anders an.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Spilker: Wir haben seit der Gründung 1991 in Hamburg schon viele Aufs und
       Abs durchlebt. Mit Alben, die sind direkt gezündet. Und es gab andere, wie
       etwa „24/7“, das bei unserem Stammpublikum erst mal überhaupt nicht ankam,
       langfristig aber mit dazu führte, dass sich unser Publikum verjüngt hat.
       
       taz: Viele, auch junge Hörer:Innen sind überrascht davon, wie lebendig
       Die Sterne inzwischen klingen, obwohl 2018 die beiden Gründungsmitglieder
       Thomas Wenzel und Christoph Leich ausgestiegen sind. Wie haben Sie das
       hinbekommen? 
       
       Spilker: Ein neuer Pfad fühlt sich immer erst mal frisch an. Aber das ist
       letztlich eine subjektive Wahrnehmung. Dass sich diese auch im Außen
       einstellt, ist nicht selbstverständlich. Deshalb bin ich sehr froh über
       Ihren Eindruck.
       
       taz: Wie und wann haben Sie gemerkt: Der Umbruch ist Ihnen geglückt? 
       
       Spilker: Gleich mit dem ersten Album in neuer Besetzung („Die Sterne“,
       veröffentlicht 2020). Darauf enthalten war der Song „Du musst gar nix“, der
       sich bedingt durch den gleichzeitigen Beginn der Corona-Pandemie eher
       unfreiwillig zum Hit entwickelte. Das hat uns einen Push gegeben. Das neue
       Album haben wir im Grunde genommen innerhalb von zwei Proben
       fertiggestellt. Wir müssen uns eigentlich nur zusammen in den Raum stellen,
       dann kommt die Musik von allein.
       
       taz: Das lief nicht immer so? 
       
       Spilker: In der alten Besetzung haben wir uns im Proberaum zuletzt eher
       angeschwiegen, weil keiner mehr eine kreative Idee einbrachte. Das war dann
       auch der Grund dafür, dass es zu Ende ging.
       
       taz: Nervt es Sie, dass die Gegenwart der Band immer wieder von ihrer
       Vergangenheit in der sogenannten Hamburger Schule in den 1990ern überlagert
       wird? 
       
       Spilker: Es nervt mich zwar, aber zugleich profitiere ich davon. Ich
       glaube, wenn wir jene Geschichte nicht hätten, gäbe es dieses Maß an
       Sichtbarkeit gar nicht. Ich kenne unzählige junge Musiker:Innen, die machen
       tolle Musik, promoten und produzieren sich selbst, werden aber gar nicht
       oder nur kaum wahrgenommen. Wenn ich das vergleiche mit unseren Anfängen,
       muss ich sagen: Wir haben wahnsinnig viel Glück gehabt.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Spilker: [1][Einerseits hat uns in den frühen Neunzigern der
       Konkurrenzkampf der Musikfernsehsender MTV gegen Viva geholfen.]
       Andererseits haben wir auch enorm von der Wiedervereinigung profitiert,
       weil es plötzlich den politischen Impuls gab, den deutschsprachigen
       Musikmarkt zu fördern.
       
       taz: Das klingt ganz schön profan … 
       
       Spilker: Ja, aber so ist es gelaufen. In Deutschland wird Erfolg und
       Bekanntheit am liebsten auf Genietum zurückgeführt. Vielleicht nicht bei
       der taz, aber im Allgemeinen kann man sagen: Je oberflächlicher und
       reaktionärer das Medium, desto wahrscheinlicher ist das der Fall.
       
       taz: Und – spielen Sie gern das Genie? 
       
       Spilker: Das kann ich leider nicht so gut, auch wenn ich es manchmal gern
       können würde. Meine Quintessenz nach 30 Jahren Medienarbeit lautet: Es
       hilft sowieso nichts. Wenn die Leute ein Genie sehen wollen, sehen sie es
       auch.
       
       taz: Die Anmutung Ihres neuen Albums „Wenn es Liebe ist“ scheint geprägt
       von der Spannung zwischen heiteren Melodien und ernsten Texten. Die Songs
       greifen das trübe Gegenwartsgeschehen pointiert auf. Dabei wäre doch
       eigentlich jetzt ein idealer Zeitpunkt gewesen, um Musik in Moll
       aufzunehmen. 
       
       Spilker: Ich war neulich in einer [2][Ausstellung des Berliner Künstlers
       Wolfgang Müller, in der auch seine Zeit mit der Band Die Tödliche Doris]
       beleuchtet wird. Deren konzeptuellen Ansatz hat er rückblickend als
       Missverständnisforschung bezeichnet …
       
       taz: Das scheint mir bei Ihnen ähnlich gelagert zu sein … 
       
       Spilker: Richtig, denn mir geht es ebenfalls darum, Widersprüche
       aufzudecken, Lebenslügen zu benennen und diese erst mal so stehen zu lassen
       – in der Hoffnung, dass damit eine Resonanz erzeugt wird beim Publikum. Das
       ist das Wesen der Songkunst, nur deshalb interessiert sie mich. Ich glaube,
       dass Sterne-Evergreens wie „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß
       so ruiniert“ auch deshalb so gut funktionieren, weil sie genau diesen
       Anspruch einlösen.
       
       taz: Beide Songs sind tanzbar und uplifting, obwohl die Texte alles andere
       als euphorisch sind. 
       
       Spilker: Tanzbarkeit und Euphorie sind aber zwei unterschiedliche Paar
       Schuhe. Unsere erste Tournee hieß „Aspirin und Drogenbeat“. Und tatsächlich
       geht es beim Tanzen ja nicht nur um Entspannung. Im besten Falle führt die
       Körperlichkeit am Ende dazu, dass du wieder besser denken kannst. Geist und
       Körper zu trennen, ist ein typisch europäisches Phänomen. In Wahrheit
       hängen beide eng zusammen.
       
       taz: Ein schöner Song auf dem neuen Album heißt „Es war nur ein Traum“.
       Darin besingen Sie die Schwerelosigkeit scheinbarer Belanglosigkeiten im
       Alltag: „Wir saßen in der Küche / Freunde kamen zu Besuch / Blumen auf dem
       Tisch“, heißt es darin. Ist das kleine Glück inmitten der Polykrise noch
       ein Rest Utopie, der uns noch geblieben ist? 
       
       Spilker: Das war eher die Funktion, die der Schlager der
       Wirtschaftswunderjahre in Westdeutschland hatte: Alles um uns herum ist
       kaputt, und wir besingen die private Idylle. Darum ging’s mir bei dem Song
       aber nicht. Ich wollte eher danach fragen: Wovon träumen wir eigentlich?
       Ist es die Emotion oder das Ereignis selbst? Wenn es zum Beispiel mein
       Lebenstraum ist, Schriftsteller zu werden – träume ich dann wirklich von
       der konkreten Arbeit oder nicht vielmehr davon, in einem Zimmer zu sitzen,
       meine Zeit selbst bestimmen zu können, während die Sonne hereinscheint?
       Letztlich sind es doch die profanen Dinge, die man sich wünscht.
       
       taz: Der Song „Ganz reizend“ dreht sich um die Verlogenheit von Männern,
       die sich woke gerieren und zugleich übergriffig vorgehen: „Sie sind sicher
       die schönste Person im Raum / Welches Pronomen verwenden Sie denn jetzt?“,
       singen Sie an einer Stelle. Ist kritische Männlichkeit ein Widerspruch in
       sich? 
       
       Spilker: Man kann eine Menge in den Songtext hineinlesen. Grundsätzlich
       finde ich, dass auch eine sehr positive Nachricht drinsteckt. Und zwar die
       Frage: Warum fällt Person X, die eine bestimmte Transformation durchwandert
       hat, plötzlich auf? Da könnte man einerseits sagen: weil sie gängigen
       Klischees nicht mehr entspricht und deshalb einen Anti-woke-Reflex auslöst
       …
       
       taz: Das war meine Deutung … 
       
       Spilker: Genau. Aber man könnte es andererseits auch so interpretieren,
       dass die Person deshalb auffällt, weil sie zu sich selbst gefunden hat, und
       ganz anders strahlt als vorher. Dabei wollte ich aber nicht in die Rolle
       geraten, Reputationsmanagement betreiben zu müssen. So nach dem Motto: Ich
       bin so woke, bitte applaudiert mir. Das hätte ich peinlich gefunden.
       Deshalb habe ich die Person bewusst zwiespältig gezeichnet und die
       Unsicherheit des Erzählers in den Vordergrund gerückt. Und am Ende trifft
       er ja eine gute Entscheidung, indem er sagt: Bye bye, ich bin dann mal weg.
       
       taz: Sie werden im März 60 Jahre alt. Freuen Sie immer noch auf eine
       Tournee mit knapp 20 Konzerten innerhalb von vier Wochen, wie sie bei Ihnen
       demnächst ansteht? 
       
       Spilker: Ja, ich freue mich total. Ich habe Schriftsteller:innen in
       meinem Freundeskreis, die mir oft gestehen, dass sie neidisch sind auf
       meinen direkten Kontakt zum Publikum. [3][Das motiviert ungemein.] In den
       1980er Jahren hätte ich noch als Berufsjugendlicher gegolten, wenn ich mit
       60 auf die Bühne gestiegen wäre. Heute ist das zum Glück nicht mehr so.
       
       7 Jan 2026
       
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