# taz.de -- Die Wahrheit: Anarchistische Omaquäler
       
       > Nach dem neuesten Brandanschlag zum Jahreswechsel 2025/26 in Berlin:
       > Einblicke in das Innerste der „Vulkangruppe“.
       
 (IMG) Bild: Herr A. auf dem Weg zur revolutionären Arbeit
       
       Auch Anarchisten haben ein Privatleben. Dann kommen Herr und Frau A. nach
       Hause, pfeffern die Rucksäcke und Kampfstiefel in die Ecke, streicheln und
       füttern die Katze, kochen und essen eine herzhafte Pastinakensuppe, setzen
       sich mit einem Glas Rote-Bete-Saft vor den Fernseher, lassen den Proudhon
       einen guten Mann sein, schauen ihre Lieblingsserie „Der Doktor und das
       liebe Vieh“, schieben noch schnell eine Solidaritätsnummer mit dem
       venezolanischen Volk und fallen ihren Lieblingsschlager summend in einen
       tiefen, erschöpften Schlaf. „Bella, ciao, ciao, ciao …“
       
       Denn das Arbeitsleben als Anarchist ist hart genug. Um fünf Uhr morgens
       klingelt der Wecker. Dann müssen noch in der Dunkelheit Fahrräder
       gestohlen, in unwirtlichen Gegenden Anschlagsziele ausbaldowert und
       Fluchtwege erkundet werden. Auf dem morgendlichen Einkaufszettel stehen
       Zündelutensilien aus dem Baumarkt, an denen man sich beim täglichen
       Bombenbasteln die handwerklich ungeübten Finger verbrennt. Und nebenher
       wollen die ebenso öden wie schweren theoretischen Wälzer von Bakunin bis
       Kropotkin studiert sein, um Unterfutter für die Bekennerschreiben zu
       finden. So ein Anarchist hat es nicht leicht.
       
       Das Schlimmste an der revolutionären Arbeit aber sind die
       Bekennerschreiben. Wenn man doch nur in Ruhe vor sich hin brandschatzen
       könnte. Aber nein, es muss ja dauernd aller Welt alles erklärt werden. Und
       so eine Selbstbezichtigung ist ganz hohe Kunst. Es müssen die hehren Ziele
       aufscheinen, aber auch ein wenig Stolz darf durchklingen, ein bisschen
       Rechtfertigung für die unvermeidlichen Opfer braucht es ebenfalls, vor
       allem aber sollen die Massen aufgerüttelt werden. Und schon sich den
       Decknamen „Vulkangruppe“ auszudenken, zeugt von explosiver Intelligenz.
       
       Exakt muss erläutert werden, warum so ein verheerender Brandanschlag wie in
       Berlin zum Jahreswechsel 2025/26 dringend notwendig war, weshalb mitten im
       bitterkalten Winter Tausende Haushalte und Geschäfte in der Hauptstadt ohne
       Strom auskommen müssen. Das findet man nicht so einfach im Handbuch für
       Bombenleger. Allein der brillante Titel des Bekennerschreibens gelingt
       sicher keinem gewöhnlichen Handwerker: „Fossile Kraftwerke abschalten ist
       Handarbeit.“ In wochenlanger konzentrierter Gedankenleistung folgt ein
       ausgeklügeltes Wort dem anderen. Bekenntnisse müssen funzen wie ein
       brennendes Stromkabel!
       
       ## Fundiert und warmherzig
       
       Wie lange es allein für den Kernsatz gebraucht hat! „Unsere
       gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll.“
       Gemeinwohlorientiert – das klingt zugleich fundiert und warmherzig,
       gemeinwohlorientiert wie der Anarchismus eben. Solch starke Worte braucht
       es, um anzukämpfen gegen die perfekten Inszenierungen der bürgerlichen
       Medien mit ihren perfiden Bildern, die Anarchisten als kaltblütige Monster
       darstellen. Wenn, von Fernsehkameras eingefangen, eine 97-Jährige, die aus
       ihrer erkalteten Wohnung in eine Notunterkunft verbracht und dort, auf
       einem Feldbett liegend, von dem lange untergetauchten und erbärmlich
       auftretenden Regierenden Bürgermeister Kai Wegner aufgesucht wird, der
       seinen gestelzten Text nur schwerfällig über die Lippen bringt: „Darf ich
       fragen, wie alt sie sind?“, erkundigt sich der CDU-Mann bei der alten Dame,
       die eine Spur zu schnell wie aus der Pistole geschossen antwortet: „Raten
       Sie doch mal!“ Einen Oscar für den besten Landesvaterdarsteller wird Kai
       Wegner in diesem Leben nicht mehr gewinnen.
       
       Aber wer sind wieder einmal die Leidtragenden? Die Anarchisten! Die von den
       propagandistischen Fernsehbildern als Omaquäler angeklagt werden. Dabei war
       die Verfassung der vom Brandanschlag betroffenen Mitmenschen doch ihre
       erste Sorge, wie im Bekennerschreiben überdeutlich wird: „Klingeln Sie bei
       Ihren Nachbar:innen an. Bedenken Sie, ältere oder hilfsbedürftige
       Menschen bei einem Ausfall des Stroms mitzuversorgen. Versorgen Sie sich
       und andere Menschen, indem Sie solidarische Unterstützung geben.“ Eine
       ernste Mahnung. Aus tiefstem Herzen. Mit humanem Handanlegen zumindest auf
       der theoretischen Ebene. Das ist wahre, praktische Solidarität!
       
       Das Allerschlimmste aber ist die Sorge um das Eigenwohl. Denn irgendwann
       werden auch Herr und Frau A. gefasst werden. Und dann bleibt den zündelnden
       Anarchisten der „Vulkangruppe“ nur das Autodafé. Die Selbstverbrennung als
       letztes Märtyrerzeichen im Kampf für das Gemeinwohl. Auf den Rechtsstaat
       ist schließlich kein Verlass. Die Kräfte der Repression, egal ob
       Kriminalpolizei oder Staatsschutz, werden kein ordnungsgemäßes juristisches
       Verfahren zu-, sondern Herrn und Frau A. den volkszornigen Massen
       überlassen, die sie am nächsten Laternenpfahl aufknüpfen. Dort werden sie
       wie Mussolini kopfunter herabbaumeln. Und im fahlen Licht der
       Straßenfunzeln zelebrieren die Omas gegen Entrechtung den Veitstanz der
       Rache.
       
       6 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Asberg
       
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