# taz.de -- Handybotschaften vom Tresen: Trinken zur Ansicht
       
       > Für ihren Instagramkanal zieht es zwei junge Frauen in
       > Schankwirtschaften. Sie zeigen ihren Followern die urigsten aller
       > Münchner Kneipen: Boazn.
       
 (IMG) Bild: Für Instagram im richtigen Leben unterwegs durch Münchner Kneipen: Franziska Püschel und Lisa Lindhuber, hier vor der L185
       
       Durch das schmale Fenster der Eingangstür blinkt es bunt aus der Münchner
       Kneipe. Am Tresen stehen drei Frauen, zwei davor, eine dahinter. Ein
       ungewöhnlicher Anblick. Eine Boazn voller Frauen. Leise dringen ihre
       lachenden Stimmen nach draußen.
       
       Die zwei vor dem Tresen sind Lisa Lindhuber und Franzi Püschel. Die beiden
       Frauen Anfang 30 haben ein besonderes Hobby: Boazn besichtigen und sie
       einer jungen Zielgruppe zugänglich machen. Unter dem kitschig-schönen Titel
       „Boaznengel3000“ posten sie auf Instagram ihre Ausflüge in die bayerische
       Trinkkultur.
       
       Eine Boazn: eine Spelunke, eine Absteige für Alkoholiker, sagen die einen –
       ein familiärer Treffpunkt außerhalb der eigenen Wohnung, die anderen. Sie
       ist das Äquivalent [1][zur Berliner Eckkneipe] und der österreichischen
       Beis(e)l, vereint durch die charakteristisch urige Gemütlichkeit. Heute
       treibt es die beiden Boaznengel ins L185. Im Titel der Kneipe steckt
       praktischerweise ihre Adresse in der Lindwurmstraße, die sich ebenfalls
       passend ihrem Namen wie ein Wurm durch den Stadtteil Sendling zieht.
       
       Der schmale Raum ist ein Traum aus dunklem Holz, es riecht nach Bier,
       klebrigem Fußboden und längst aufgerauchten Zigaretten – zum Leidwesen
       vieler macht das allgemeine Rauchverbot durch das 2010 in Bayern erlassene
       Gesundheitsschutzgesetz auch vor den Boazn keinen Halt. Aus den
       Radiolautsprechern schallt Radio Nora „Best of 80s“. An der Wand hängt eine
       3-Liter-Flasche Asbach Uralt, daneben Postkarten-Urlaubsgrüße, die von
       Borkum bis Athen stammen. An einer anderen ein Clownsporträt auf einem
       Emailleschild, dazu die Aufschrift: „Irrenhaus“, und natürlich unzählige
       Fotos von Gästen.
       
       Es ist kein Ort, an dem zwei junge Frauen mit Strähnchen und modern
       gestylten Ponys erwartbar wären. Doch: „Man kann hier einfach man selbst
       sein“, sagt Franzi Püschel, ein Bier in der Hand. Es gebe keinen sozialen
       Druck, kein Schaulaufen wie an Münchens Szeneorten, an denen die urbane
       Boheme um Tische kämpft, um in coolen Outfits performativ überteuerte
       Drinks zu schlürfen. Stattdessen rustikale Wohnzimmeratmosphäre. „In einer
       Boazn kommt man immer mit jemandem ins Gespräch“, so Lisa Lindhuber. Allein
       deshalb, weil es im L185 außer dem Tresen nur einen Tisch gibt.
       
       Franzi Püschel und Lisa Lindhuber sind als Kolleginnen auch außerhalb ihrer
       Boaznengel-Tätigkeit als Social-Media-Redakteurinnen beim Bayerischen
       Rundfunk tätig. Beide sind zugezogen, stammen aus kleinen Orten in
       Süddeutschland und leben seit vielen Jahren in München. Eine in Giesing,
       die andere in Sendling. Zwei Viertel der Münchener Innenstadt, die für ihre
       Boazn-Dichte bekannt sind. Aus den Geschichten, die sie dort erlebten,
       entstand Anfang 2024 die Idee zu einem Instagram-Kanal. Über 40 Videos rund
       um die Boazn-Kultur haben sie inzwischen veröffentlicht.
       
       Im L185 arbeiten sie routiniert, aber nicht streng nach Plan. Sie nehmen
       Interviews mit der früheren Besitzerin Tina und dem jetzigen Dimi auf. Es
       ist eine Vornamenwelt und soll es, da sind sich alle einig, auch bleiben.
       Eine stellt die Fragen, die andere filmt, hochkant. Schließlich wird daraus
       später ein Instagram-Reel. Danach vergehen die Stunden, so wie es in einer
       Kneipe üblich ist. In besonderen Situationen ziehen die Engel ihre Handys
       wie Cowboys ihren Revolver. Sie halten drauf, als Tina am Spielautomaten
       zockt, ein Gast in den Alkoholtester pustet oder jemand in klassischer
       Kneipenmanier eine Runde Rüscherl (Asbach und Cola im Cognac-Schwenker) für
       den ganzen Tisch ausgibt. Nur ab und zu kommt die Bitte: „Kannst du das
       nochmal wiederholen?“, wenn das Handy nicht schnell genug gezückt wurde.
       Zwischendurch wird immer wieder Insta gecheckt: Nachrichten und Likes auf
       die Story, die sie zu Beginn des Abends gepostet haben.
       
       Mit ihrem Content erreichen die [2][Boaznengel3000] über 9.000 Follower,
       haben in München Lokalberühmtheit. Inzwischen werde sie auch mal auf der
       Straße erkannt, wenn junge 1860-Fußball-Fans durch Giesing ziehen, erzählt
       Lisa Lindhuber. Auch eine Kooperation mit einer der sechs großen Münchner
       Bierbrauereien, Hacker-Pschorr, gab es schon. Aber Influencerin sein
       wollen? Definitiv nicht – „Wir machen uns keinen Druck, was zu posten, wir
       wollen den Spaß daran nicht verlieren“, so Lindhuber.
       
       Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung München zur
       Metropole gemacht, während die Stadt 1883 lediglich 250.000 Einwohner
       zählte, verdoppelte sich diese Zahl bis zur Jahrhundertwende, Tausende
       Menschen suchten Arbeit in den ansässigen Industrien von Lokomotivbau bis
       Brauerei. Für die Arbeiter ist die Boazn ein abendlicher Zufluchtsort. Auch
       heute noch finden sich die meisten Boazn in den früheren Arbeitervierteln,
       auch wenn von den Arbeitern längst nicht mehr so viele da sind. Die Mieten
       steigen, die Stammkundschaft zieht weg, junge Menschen ziehen hin. Auch in
       München trifft [3][der bekannte Gegner „Gentrifizierung“] viele
       alteingesessene Stadtteile. „Sendling hat sich verändert“, erzählt die
       frühere Ladenbesitzerin Tina, „früher kannte ich die meisten Leute.“ Viele
       davon arbeiteten auf dem nahe gelegenen Großmarkt. Heute seien vielleicht
       noch zehn der früheren Stammgäste über.
       
       Seit vielen Jahren diagnostizieren selbst ernannte Kneipenexperten vom
       traurigen ehemaligen Stammgast bis zur Feuilleton-Kolumne das Sterben der
       Boazn. Weniger Gäste, keine Nachfolger. Einer, der das auch beobachtet, ist
       Martin Emmerling. In seinem Boazn-Quartett bildet er in dem Kartenspiel
       Kneipen in verschiedenen Stadtteilen Münchens ab. 2018 brachte er die erste
       Version heraus, im Dezember vergangenen Jahres erschien nun die fünfte
       Auflage. „In manchen Stadtteilen musste ich echt suchen“, sagt er. „8 von
       32 Boazn sind seit der letzten Ausgabe vor zwei Jahren verschwunden.“ Er
       blättert durch die Karten, stoppt bei einer, darauf das Bild einer älteren
       Dame. „Sie ist wohl die nächste, die aufhört … die Gesundheit.“
       
       Offizielle Zahlen zur Anzahl der Boazn erhebt die Stadt München nicht, doch
       wer sich in den einschlägigen Stadtteilen umsieht, findet statt uriger
       Kneipen vermehrt hippe Cafés und Fitnessstudioketten. Auch das L185 ist
       leicht zu übersehen: Nebenan schallt Musik aus einem weit größeren Lokal,
       gegenüber leuchtet der blaue Schriftzug einer Pizzafiliale.
       
       Dennoch: Das L185 hatte Glück. Bis 2024 war es das „Bei Tina“. 27 Jahre
       lang stand Tina von morgens um 9 bis spät in die Nacht hinter dem Tresen,
       auch weit über das Rentenalter hinaus. „Eine Legende“ nennen die beiden
       Boaznengel sie. In starkem griechischem Akzent erzählt sie ihnen unzählige
       Geschichten von betrunkenen Männern, die sie rauswerfen musste. Es war kein
       leichter Job, aber bis zum Schluss habe sie ihn gerne gemacht. Der Mann,
       der sie schließlich kürzer treten ließ, war ihr eigener, aus
       gesundheitlichen Gründen. Doch dreimal die Woche steht sie weiterhin
       hinterm Tresen. „Das ist immer noch dein Zuhause“, betont Dimi, der neue
       Besitzer, und drückt Tina einen Kuss auf die Stirn. Auch das nahegelegene
       Sonnenstüberl gehört ihm. Eigentlich wollte er es dabei belassen, doch
       diesen Ort sterben zu lassen, konnte er nicht über sich bringen.
       
       An diesem Samstagabend ist der einzige Tisch mit der geselligen Runde aus
       zwei Stammgästen, Engeln und (ehemaligen) Besitzern bereits voll besetzt,
       an anderen Tagen, besonders unter der Woche, verirren sich nur wenige Gäste
       ins L185. Die Gespräche am Kiefernholztisch wandern zum Alkohol – „Wir
       wollen das nicht verherrlichen, aber er gehört natürlich dazu“ –, das
       Konzept des aktuellen Dry January wird in der Boazn wohl wenig Anklang
       finden. Es folgen Diskussionen über die echte Boazn: „Bier und Rüscherl,
       Spielautomaten, keine Cocktails, keine Mahlzeiten, höchstens
       Fleischpflanzerl und andere Kleinigkeiten, kitschiges Dekor und halt so ein
       Gefühl.“ Dann lässt plötzlich jemand das N-Wort fallen: „Ouzo oder wie ich
       sage: N-Sperma“. Stille. Unangenehmes Lachen, die Engel wechseln das Thema.
       In diesem einen Wort wird etwas spürbar. Es gibt Unterschiede in dieser
       Runde: politisch, sozial, akademisch. Sie diskutieren sie nicht. „Es ist
       ein wenig wie mit der Familie am Weihnachtstisch“, sagt Franzi Püschel
       später. Sie wollen keinen Streit vom Zaun brechen.
       
       Es ist ein Zaun, der die Gruppe, möge sie noch so eng zusammengekuschelt am
       Tisch sitzen, in zwei Welten trennt. Die einen sind hier zu Hause, die
       anderen Zaungäste. Sie unternehmen einen Ausflug aus ihrer woken Bubble.
       Der soziale Status erlaubt den einen – mit Studium und Medienjob – in eine
       andere Welt zurückzukehren, und den anderen – aus der Arbeiterklasse, in
       schlecht bezahlten Jobs arbeitend und häufig mit Alkoholismus kämpfend –
       eben nicht.
       
       Dennoch wird das Bild der Kneipe auch von Zwischentönen bestimmt: Durch den
       kleinen Raum unterhält sich der Koch am Spielautomat mit der
       Marketingmanagerin am Tresen. Es ist ein doch diverser Ort, an dem
       Politikwissenschaftler und Lkw-Fahrer aufeinandertreffen können.
       
       Die Boaznengel3000 wollen für diesen Austausch stehen, Vorurteile abbauen,
       junge Menschen an diese Welt heranführen, „coole Orte der Begegnung
       zeigen“. Es kam bereits der Vorwurf, sie würden dadurch aus der Boazn und
       ihren Besuchern eine „Attraktion“ machen. „Augenhöhe“ ist ein Wort, das die
       Boaznengel3000 dazu erwidern. Auf dieser Basis entstehe jedes Video. Sie
       sind sich ihrer Rolle bewusst. Sie sind sich bewusst, dass sie auch selbst
       Teil der Gentrifizierung sind, die die Boazn vielfach dahinrafft. Besitzer
       Dimi jedenfalls freut sich über die jungen Besucherinnen: „Es ist sehr
       toll, dass die das Alte wieder lieben. So kommt hier Leben rein.“
       
       Auch Barkraft Sandra genießt die Abwechslung: „Wenn’s nette Leute hast,
       geht’s dir als Bedienung auch gut. Wenn’s nur Grantler hast, kriegst
       irgendwann schlechte Laune.“ Nur wenige Jahre älter als Lisa Lindhuber und
       Franzi Püschel hat sie einen ganz anderen Weg: eine abgebrochene Ausbildung
       zur Arzthelferin, danach Jobs in Bars und Restaurants. Seit 20 Jahren wohnt
       sie im Viertel. Das L185 ist für sie mehr als ein Arbeitsplatz. Die bunten
       Lichterketten im Laden hat sie aufgehängt. „Nächste Woche hole ich noch
       eine für den Flur“, plant sie stolz. Sie legt den Gästen das Geld für den
       Dartsautomaten aus, sie bringt Kuchen für die Gäste mit, kauft das
       Klopapier – als wäre das ihr eigenes Wohnzimmer.
       
       Irgendwann fallen Fußballfans, Freunde der beiden Boaznengel, bereits gut
       angetrunken in die Kneipe ein. Gewonnen: 3:1, ein Grund zu feiern. „Auf die
       Löwen“, schallt es aus lallenden Männerstimmen durch die Boazn. Wie so
       häufig werden sie noch gemeinsam viele Stunden im L185 verbringen und am
       Ende der Nacht räumt Sandra auf, macht das Licht aus, schließt ab und
       verlässt als Letzte den Laden. Morgen hat sie frei, aber „wenn ich nicht
       arbeite, bin ich privat hier“.
       
       21 Jan 2026
       
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