# taz.de -- Wolfspopulation in Niedersachsen: Dem Unsichtbaren auf den Fersen
       
       > Kot checken, Spuren suchen, Rudel dokumentieren: Jedes Wochenende sind in
       > Niedersachsen freiwillige Wolfsschützer unterwegs. Warum tun sie das?
       
 (IMG) Bild: Wölfe? Kriegen die beiden Männer bei ihren Streifzügen nie zu Gesicht, nur die Spuren der Tiere begleiten sie
       
       Die beiden Männer warten auf dem Parkplatz, direkt an der Landstraße. Das
       Große Moor, gelegen zwischen Bremen und Osnabrück, ist nicht weit. Sie
       stehen da in Tarnklamotte und räumen Dinge im Auto herum: Ferngläser,
       Rucksäcke, eine Tüte mit Pappe und Gipspulver, ein Transparent liegt da
       auch. „Ja, sieht etwas martialisch, militärisch aus“, sagt Hendrik Spiess
       und schaut an sich hinunter. „Aber mit Militär haben wir nichts am Hut.“ In
       diesem Outfit können sie bei ihren stundenlangen Streifzügen durch die
       niedersächsische Ebene einfach besser mit der Umgebung verschmelzen,
       spazieren unter dem Radar gewissermaßen. Hilfreich bisweilen, denn sie sind
       nicht gern gesehen.
       
       Vor allem den Jägern sind die Männer ein Dorn im Auge. Sie stehen auf zwei
       Seiten: Hier die Mitglieder vom [1][Freundeskreis des freilebenden Wolfes],
       dort die Jägerschaft. Hier die, die sich über die Rückkehr des Wolfes in
       Deutschland freuen, dort diejenigen, für die der Wolf sowas wie eine
       Konkurrenz ist. Hier die, die immer wieder gegen [2][Abschussgenehmigungen
       für Wölfe vor Gericht] ziehen, dort jene, die es begrüßen, dass die
       [3][Bundesregierung den Abschuss von Wölfen grundsätzlich erleichtern]
       will.
       
       Die beiden Wolfsschützer sind an vielen Wochenenden in einem
       Wolfsterritorium unterwegs. Auch an diesem Samstag im Dezember. Rein ins
       Auto und auf gehts. Wölfe suchen, naja, ihre Spuren, das trifft es eher:
       Kot, Trittsiegel, Haare, Risse. Denn die Tiere selber kriegt man nicht zu
       sehen. Spiess hat bisher überhaupt erst drei Wölfe gesehen, von weitem und
       mit viel Geduld und Glück. Sein Begleiter hat noch nie einen in freier
       Wildbahn gesehen, aber sie wollen den Tieren ohnehin nicht zu nahe kommen,
       um sie nicht zu stören.
       
       Aber von Spuren wimmelt es hier im Großen Moor nur so, wie sich zeigen
       wird. Spiess redet im Wagen gleich los, er spricht gern, erzählt viel,
       kennt sich mit der Gegend und den Tieren aus, und er ergreift eindeutig
       Partei für den Wolf. Das formuliert er am Ende des mehr als fünf Stunden
       langen Marsches kreuz und quer durch das Moor zurück auf dem Parkplatz
       entwaffnend offen: „Ich hatte gehofft, dich ein bisschen auf unsere Seite
       zu ziehen.“
       
       Seine Seite, das ist die Seite derjenigen, die die [4][Rückkehr des Wolfes]
       als etwas Gutes betrachten, weil sie dieses Tier nicht als Bedrohung,
       sondern als Bereicherung empfinden. Zum Beispiel, erzählt Spiess, wegen der
       tropischen Kaskade. So wird der ökologische Prozess genannt, der
       beschreibt, dass [5][Raubtiere wie der Wolf die Population und das
       Verhalten ihrer Beutetiere regulieren und damit indirekt das
       Pflanzenwachstum beeinflussen]. Kurz gesagt: Wölfe schützen den Wald, weil
       sie das Rot- und Damwild in Bewegung halten. Die Herden fressen deswegen
       keine kompletten Schonungen mehr kahl und es muss weniger aufgeforstet
       werden. „Das spart Millionensummen im deutschen Wirtschaftswald ein“, sagt
       Spiess.
       
       Solche Dinge schüttelt Spiess am laufenden Band aus dem Tarnfleckärmel,
       während er durchs Moor stapft, immer wieder durchs Fernglas schaut, über
       die Ebene, zu dem schmalen Waldstreifen mit seinen über 50 Jahre alten
       Kiefern und Birken, der das Moor umschließt und sagt: „Wir sehen sie nicht,
       aber sie haben uns auf jeden Fall schon bemerkt.“
       
       Hier soll es nicht um richtige oder falsche Seiten gehen, sondern um den
       Versuch, zu verstehen, wieso es Privatpersonen wie Hendrik Spiess gibt, die
       jedes Wochenende bis zu zehn Stunden in Kothaufen stochern, Spuren sichten,
       Fotos machen, immer dem Unsichtbaren auf den Fersen. Die sich damit Ärger
       einhandeln, ihnen wurden schon die Reifen am Auto zerstochen, sie wurden
       beschimpft und bedroht. Und doch gehen sie immer wieder los.
       
       ## Auf der Suche nach dem Motiv
       
       Eine einfache Antwort auf die Frage, warum er das macht, hat Spiess nicht.
       Es scheint für ihn selbstverständlich zu sein, eine ganz normale Sache
       eben, sich gegen das in unserer Gesellschaft vorherrschend asymmetrische
       Verhältnis von Mensch und Tier aufzulehnen. Angefangen hat er mit Vögeln,
       ist 1977 in den Deutschen Bund für Vogelschutz (DBV) eingetreten, aus dem
       später der Naturschutzbund (Nabu) hervorging. „Aber Vögel schützen ist
       einfach, die sind niedlich, alle mögen Vögel“, sagt Spiess. Er setze sich
       lieber für die Randständigen, die konfliktbeladenen Arten ein, für die, die
       keine Lobby haben.
       
       Dass der Mensch das Tier unterwirft und über viele Mittel verfügt, das zu
       tun, kennt Spiess von kleinauf. Er ist 1960 im niedersächsischen Dinklage
       geboren, einem „Schweinedorf“, wie er sagt. Das tief katholische Dinklage
       ist bis heute für intensive Tierhaltung bekannt, vor allem Schweine werden
       hier gemästet. Aber auch Hühner und Rinder. Er war in der
       [6][Anti-Atom-Bewegung] aktiv, war schon 1976 bei der ersten großen Demo in
       Dinklage dabei, war überhaupt viel auf der Straße, auf Demos, ist heute
       Künstler mit eigenem Atelier in Osnabrück.
       
       Er ist damit aufgewachsen, dass die Natur fortwährend zerstört wird, in den
       1970er-Jahren war es ganz normal, dass Arten verschwinden. Spiess habe es
       immer für ausgeschlossen gehalten, dass sich diese Entwicklung umdrehen
       könnte. „Und jetzt laufen wir hier auf Wolfsspuren herum. Das ist doch
       irre!“
       
       Im Januar 2000 [7][kam der Wolf nach Deutschland zurück], über die
       Oder-Neiße-Grenze. Heute leben bundesweit laut [8][Monitoring-Bericht
       2024/25 der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW)] 219
       Wolfsrudel, 43 Wolfspaare und 14 territoriale, also in einem bestimmten
       Gebiet ansässige einzelne Tiere. Mindestens 1.636 Tiere also. Zum
       Vergleich: In Italien leben etwa doppelt so viele Tiere.
       
       ## Wölfe und ihre Stammbäume dokumentiert
       
       Die meisten Wolfsterritorien in Deutschland gibt es aktuell erstmals in
       Niedersachsen, nämlich 63. Eines davon ist hier im Großen Moor bei
       Barnstorf, wo [9][2015 das erste Tier auftauchte, ein Weibchen aus dem
       Rudel Gartow]. Ende 2016 tat sie mit einem Rüden aus dem Rudel in
       Ueckermünde zusammen und im Sommer 2017 brachte sie vier Welpen zur Welt,
       auf dem Gelände eines Baustoffhandels am Rande des Großen Moores.
       
       Spiess stoppt den Wagen vor dem Eingangstor eines Baustoffhandels, das
       umzäunte ehemalige Militärgelände sieht verlassen aus. Das täuscht, unter
       der Woche läuft der Betrieb. Aber am Samstagmorgen ist alles verrammelt.
       Hier brachte die Fähe, so heißen weibliche Wölfe, ihren Wurf zur Welt, zog
       dann aber mit den Welpen in eine andere Nisthöhle weiter, weil sie gestört
       wurde.
       
       Wölfe und ihre Stammbäume, sie sind gut erfasst: wer, wann, wohin und mit
       wem? Wird dokumentiert. Und um die Anzahl der Tiere dreht sich Vieles, weil
       die entscheidend dafür ist, ob der Wolf [10][weiter als geschützte Art
       eingestuft] wird oder nicht. Also letztlich: Ob er noch leichter geschossen
       werden darf oder eben nicht. Auch [11][EU-weit tobt dieser Streit über den
       Erhaltungszustand des Wolfes].
       
       [12][In Niedersachsen ist die Jägerschaft für die Dokumentation der Tiere
       zuständig], in den anderen Bundesländern übernehmen das Wolfsberater.
       Spiess hatte auch mal die Ausbildung zum Wolfsberater begonnen, aber nicht
       beendet. Er wurde, so erzählt er, als zu aktiv „pro Wolf“ eingeschätzt. Er
       setzt sich dafür ein, dass der Wolf weiter als geschützte Art gilt und
       nicht ins Jagdgesetz aufgenommen wird.
       
       ## Spuren, überall Spuren im Moor
       
       An diesem Dezembertag ist der durchnässte Moorboden in Barnstorf voller
       Spuren. Den Hauptweg rein ins Moor nennt Spiess den Wolfs-Highway, weil die
       Tiere hier viel unterwegs sind, die vielen Kothaufen erzählen davon. Sein
       Begleiter sinkt immer wieder auf die Knie, popelt mit einem Messer in den
       Haufen herum und legt Knochen oder Reste von Federkielen frei. Daran lassen
       sich Hunde- und Wolfshaufen, die für das laienhafte Auge schon recht
       ähnlich aussehen, eindeutig unterscheiden. Oder wie Spiess sagt: „Wölfe
       haben hier verendete Kraniche gefressen, das ist sicher kein Chappi.“
       
       Achtet man nicht drauf, fallen die Spuren der Tiere, die einen hier überall
       umgeben, nicht ins Auge. Aber je länger man hier unterwegs ist und seinen
       Schuhen beim Stapfen zuschaut, desto mehr verschiebt sich der eigene Blick.
       Da, ein Abdruck! Oh da, gebuddelte Löcher: So wie Hunde wild in der Erde
       wühlen, machen junge Wölfe es auch. Und Überreste von Vögeln, vor allem von
       Kranichen.
       
       „Ungewöhnlich“, sagt Spiess. Diese Tiere stehen eigentlich nicht wirklich
       auf der Beuteliste der Wölfe. Das dürfte, vermutet er, an der
       [13][grassierenden Geflügelpest] liegen, viele geschwächte Tiere sind
       unterwegs und verenden dann eben auch an den Rast- und Ruheplätzen. Und
       Wölfe sind auch Aasfresser und verschmähen größere Vögel daher nicht.
       
       Als der [14][erste Wolf damals in Barnstorf nachgewiesen] wurde, war die
       Aufregung groß. Eltern brachten aus Sorge ihre Kinder mit dem Auto zur
       Schule, es gab Bürgerversammlungen, erhitzte Gemüter. Heute merkt man davon
       nichts mehr. Wolf und Mensch haben sich offenbar arrangiert. Alle paar
       Jahre wird ein Wolf überfahren, zuletzt im vergangenen Oktober. „Das sind
       zumeist Jungwölfe, die spätestens Ende Februar das Rudel verlassen müssen,
       um sich eigene Territorien zu suchen“, sagt Spiess. „Diese Tiere sehen zwar
       schon wie ausgewachsene Wölfe aus, aber es ist, so als würde man einem
       Achtjährigen sagen: Los, zieh jetzt aus und suche dir gefälligst eine
       eigene Wohnung.“
       
       ## Begrenzten Raum teilen
       
       Was problematisch bleibt ist, dass Mensch und Wolf sich den sehr begrenzten
       Raum teilen müssen und sich zwangsläufig in die Quere kommen. In Zahlen
       betrachtet sieht das so aus: Insgesamt hat die Zahl der bestätigten
       Wolfsangriffe auf Nutztiere in Niedersachsen im vergangenen Jahr zugelegt.
       Allerdings sind insgesamt weniger Tiere ums Leben gekommen.
       
       Laut [15][offizieller Statistik der Landesjägerschaft] sind im Jahr 2025
       301 Wolfsangriffe auf Nutztiere amtlich bestätigt worden. 667 Tiere
       starben. In diese Statistik fließen natürlich nur Fälle ein, bei denen ein
       Wolfsangriff offiziell bestätigt wurde. Am häufigsten traf es Schafe: 608
       Schafe wurden nachweislich von Wölfen getötet. Dazu kamen unter anderem 38
       Rinder, 4 Pferde und 11 Ziegen. Die meisten gerissenen Tiere waren nicht
       ausreichend mit hohen Zäunen gegen Wolfsangriffe geschützt. In 32 Fällen
       überwanden Wölfe vorhandene Herdenschutzmaßnahmen.
       
       ## Wie Verliebte im geschnürten Trab
       
       Im Großen Moor sind überall tiefe Pfotenabdrücke, handtellergroß, einige
       Spuren kreuzen sich. Eine typische Wolfspur ist zum Beispiel die, die beim
       geschnürten Trab entsteht. Das bedeutet, dass das Tier die Hinterpfote
       exakt in den Abdruck der Vorderpfote der selben Körperhälfte setzt.
       Geschnürter Trab, das ist der Fachausdruck. In Natura sieht das so aus, als
       liefe hier ein Wesen auf zwei Beinen. Als die Fähe sich einen neuen Rüden
       suchte, erzählt Spiess, sind die beiden Tiere tagelang Seite an Seite im
       geschnürten Trab gelaufen, ganz dicht zusammen, „wie Verliebte“.
       
       Spiess ist auch nach fünf Stunden noch aufmerksam, findet Spuren, erklärt,
       auf welchen Wege und Pfaden, die das Moor durchziehen, der Wolf unterwegs
       ist. Auch hier gibt es sie, diese Konkurrenz um den Raum: Es wird noch
       immer Torf abgebaut, die Jäger sind unterwegs, ihre Schüsse sind an diesem
       Samstag kurz vor Sonnenuntergang laut zu hören, das Wolfsrudel lebt hier
       ebenso wie eine Heerschar Vögel, die Spiess alle beim Namen nennen kann.
       
       Menschen leben schon immer in Gemeinschaft mit Tieren; der Wolf, das ist
       eindeutig, gehört nicht dazu. Das ist es, was Spiess und sein Begleiter
       ändern wollen. Auf dem Rückweg über den Wolfs-Highway geht die Sonne unter,
       und ein lautes Tröten schwebt heran. Ein riesiger Schwarm Kraniche,
       mindestens 1.000 Tiere schätzen die beiden Männer. Die Vögel sinken herab,
       lassen sich in den Wasserflächen im Großen Moor nieder, wo sie gerade so
       stehen können mit ihren langen Beinen und sicher sind vor Räubern. Ihr
       Tröten wird leiser, verstummt schließlich als alle ihren Platz gefunden
       haben.
       
       Transparenzhinweis: Hendrik Spiess' Begleiter ist freier Autor und schreibt
       unter anderem für die taz – aber nicht mehr über Wölfe und deren Schutz,
       weil er als Aktivist befangen ist. Er hat noch nie einen Wolf in freier
       Wildbahn gesehen, obwohl er an vielen Wochenende stundenlang auf ihren
       Spuren wandelte.
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.freundeskreiswoelfe.de/
 (DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/juristisches-tauziehen-um-wolf-in-friedeburg-geht-weiter,wolf-452.html
 (DIR) [3] /Bundesjagdgesetz/!6139196
 (DIR) [4] /Woelfe-im-neuen-Deutschland/!vn5997987/
 (DIR) [5] https://www.spektrum.de/news/oekosystem-woelfe-ermoeglichen-baumnachwuchs-seit-jahrzehnten/2279454
 (DIR) [6] /Geschichte-der-Anti-AKW-Bewegung/!5924964
 (DIR) [7] /Woelfe-im-neuen-Deutschland/!vn5997987/
 (DIR) [8] https://www.dbb-wolf.de/mehr/pressemitteilungen/details/ergebnisse-des-wolfsmonitorings-2024-25-veroeffentlicht-bestandsentwicklung-stagniert
 (DIR) [9] https://www.wildtiermanagement.com/wildtiere/haarwild/wolf/wolfsnachweise-in-niedersachsen/rudel-barnstorf
 (DIR) [10] /Woelfe-in-Deutschland/!6035734
 (DIR) [11] https://anca.at/erhaltungszustand-des-wolfs-in-deutschland/
 (DIR) [12] https://www.wolfsmonitoring.com/monitoring/wolfsnachweise/
 (DIR) [13] /Vogelgrippe/!6129420
 (DIR) [14] https://www.wildtiermanagement.com/wildtiere/haarwild/wolf/wolfsnachweise-in-niedersachsen/rudel-barnstorf
 (DIR) [15] https://www.wolfsmonitoring.com/nutztierrisse
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ilka Kreutzträger
       
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