# taz.de -- Räumung von besetzten Haus in Bochum: Der Traum ist längst nicht aus
> In Bochum ist die „Villa Kunterbunt“ nach fast 45 Jahren geräumt worden.
> Doch die Bewohner:innen geben nicht auf.
(IMG) Bild: Der Traum ist aus in Bochum: Mahnwache vor der Villa Kunterbunt, denn auch Punks brauchen ein Zuhause
„Es tut einfach nur weh“, sagt die Punkerin, die sich „Schnaps“ nennt. Am
Freitagnachmittag steht die 27-Jährige vor der „Villa Kunterbunt“ auf der
Grenze der Bochumer Stadtteile Werne und Langendreer. 44 Jahre lang war die
seit 1981 besetzte ehemalige Direktorenvilla der Westfälischen Drahtwerke
Schutz-, Sehnsuchts- und Rückzugsort für viele, die von einem alternativen
Leben träumten. Jetzt treiben Arbeiter lange Nägel in die Fenster des
denkmalgeschützten Hauses: Die Stadtverwaltung lässt sämtliche Öffnungen
mit Sperrholzplatten vernageln.
Die Polizei hatte am Donnerstag Dutzende Einsatzfahrzeuge und mehr als
hundert Beamt:innen aufgeboten, um die zuletzt etwa 15
Bewohner:innen aus dem wohl am längsten besetzten Haus der Republik zu
werfen – darunter auch ein mit einem regulären Mietvertrag ausgestattetes
altes Ehepaar, das schon seit Mitte der Siebziger in einer Hälfte des
Hauses lebte. Nötig war das massive Polizeiaufgebot nicht: Die
Besetzer:innen verließen die „Villa Kunterbunt“ völlig friedlich.
„Wegen Verstößen gegen brandschutzrechtliche Vorschriften“, fehlender
Fluchtwege und Schimmelbildung hatte die Stadt Bochum die 1898 gebaute
Villa zuvor für unbewohnbar erklärt und am 27. Oktober gefordert, das Haus
müsse innerhalb nur einer Woche verlassen werden. Zwar haben die
Hausbesetzer:innen versucht, mit zwei Demos und juristisch um ihr
Projekt zu kämpfen. Doch am 11. Dezember hatte das Oberverwaltungsgericht
Münster in zweiter Instanz die Räumungsverfügung in einem unanfechtbaren
Beschluss bestätigt.
Verstehen können die Unterstützer:innen der Villa das nicht. „Innen
gibt es ein ganz normales Treppenhaus aus Holz – wie in vielen anderen
Altbauten auch“, sagt ein 50-Jähriger, der seinen Namen nicht
veröffentlicht sehen will und der sich deshalb einfach „ein Freund der
Villa“ nennt.
## Aufgeben wollen sie nicht
„Wir haben rund um das Haus Pflanzen gerodet und Fluchtwege angelegt“,
klagt eine andere Bewohnerin. Dabei sei die Stadt selbst für den Verfall
des Hauses verantwortlich: Als Eigentümerin habe sie über Jahrzehnte selbst
im vermieteten Teil „so gut wie nichts“ für den Erhalt des Hauses getan –
und Arbeiten, die im besetzten Teil geleistet wurden, seien als „nicht
denkmalgerecht“ kritisiert worden. „Dabei sind unter unseren
Unterstützer:innen Fachleute wie Dachdecker, Elektriker, sogar ein
Architekt.“ In Bochum vermuten deshalb einige, die Stadt wolle das Haus
weiter verfallen lassen, um das Grundstück später gewinnbringend vermarkten
zu können.
Dabei hat das Projekt Bedeutung weit über die linke Szene Bochums hinaus:
„In den letzten vier Jahrzehnten haben hier hunderte Menschen solidarisch
zusammengelebt. Auch bei Obdachlosigkeit oder in psychischen
Belastungssituationen haben viele Hilfe bekommen“, erklärt der Freund der
Villa. „Und jetzt werden wir auseinandergetrieben und verstreut“, sagt
Punkerin Schnaps. Die Stadt Bochum habe zwar angeboten, die
Bewohner:innen in „Schlichtwohnungen oder Wohncontainern“
unterzubringen. Doch viele seien bei Freund:innen untergeschlüpft – oder
leben noch in einer Mahnwache vor dem Haus.
Aufgeben wollen sie trotzdem nicht – und träumen davon, die Villa
Kunterbunt zu kaufen: „Ein Unterstützer:innen-Verein kann reaktiviert
werden“, sagt Arne Strey, der die Proteste gegen die Räumung für die
Linkspartei begleitet und der auch die beiden Demos angemeldet hat. „Wir
werden weiter friedlich um die Villa Kunterbunt kämpfen“, so der
46-Jährige. Er hofft dabei auch auf die Unterstützung der Grünen.
Ein erstes Kaufangebot aber lehnen die Unterstützerinnen als inakzeptabel
ab. Zwar will die Stadt ihnen die Villa für den symbolischen Preis von
einem Euro überlassen. „Zur Sicherstellung der erforderlichen
Sanierungsmaßnahmen“ fordert Stadtbaurat Markus Bradtke aber „eine
Finanzierungszusage über mindestens eine Million Euro“ von einer
europäischen Bank. Dabei seien Haus und Grundstück zusammen nur etwa eine
Viertelmillion Euro wert, hält der Anwalt der Bewohner:innen, Erich Eisel,
dagegen. Das erste Angebot der Stadtverwaltung sei deshalb schlicht
„sittenwidrig und unwirksam“.
21 Dec 2025
## AUTOREN
(DIR) Andreas Wyputta
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