# taz.de -- Natalie Amiri über Iran: „Der instabilste Moment seit 46 Jahren“
       
       > Natalie Amiri schreibt in „Der Nahost-Komplex“ immer wieder über den
       > Iran. Ein Gespräch über das Bröckeln des Mullah-Regimes und die Wut im
       > Land.
       
 (IMG) Bild: Die große Mehrheit der iranischen Bevölkerung sehnt sich nach Demokratie. Teheran, 2. Januar 2026
       
       taz: Frau Amiri, für Ihr neues Buch waren Sie im Nahen Osten unterwegs. Ob
       es um Israel, die Palästinenser, den Libanon oder Syrien geht, viele Ihrer
       Analysen führen zum iranischen Regime. Wie kommt es dazu? 
       
       Natalie Amiri: Beim Schreiben stand der Iran für mich zunächst eher im
       Hintergrund, bis zum 12-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Iran. Erst da
       rückte das Thema mit voller Wucht ins Zentrum, viele Kapitel entstanden
       oder veränderten sich noch während der Überarbeitung. Auch nach der
       Veröffentlichung des Buchs im Oktober war das Schreiben nicht
       abgeschlossen. Bereits drei Wochen später erschien die dritte Auflage, für
       die ich unter anderem die Einleitung und das Kapitel über die Geiseln neu
       geschrieben habe.
       
       Dieses Buch gleicht einer Live-Berichterstattung. Schon vor der ersten
       Auflage wurde mir gerade bezüglich der Iran-Kapitel bewusst, dass ich aus
       einer Gegenwart mit offener, ungewisser Zukunft schreibe. Eines davon trägt
       den Titel „Schachmatt? Noch kein Ende der Islamischen Republik Iran“. Das
       Fragezeichen habe ich in den letzten Monaten gestrichen und wieder gesetzt.
       Und selbst jetzt weiß ich nicht, setz ich es, oder kann es wegbleiben.
       
       taz: Wieso? 
       
       Amiri: Es ist der instabilste Moment dieses Regimes nach 46 Jahren.
       International isoliert und sowohl von der eigenen Bevölkerung als auch von
       Trump im Schachgebot. Ideologisch ist es bankrott, finanziell auch. Der
       Unterdrückungsapparat nach innen funktioniert noch sehr gut, doch der
       Mossad hat die Revolutionsgarden bereits Monate, vielleicht sogar Jahre
       lang unterwandert. Das ist ein enormer Stabilitäts- und Gesichtsverlust.
       Das Regime wurde gedemütigt, und das ist immer noch zu spüren.
       
       taz: Und jetzt im Hinblick auf [1][die aktuellen Proteste] seit dem 28.
       Dezember? 
       
       Amiri: Es steht im Raum, dass nicht nur die Wut der Basarhändler, sondern
       auch der innere Machtkampf Auslöser der Proteste war. Die Islamische
       Republik spricht schon lange nicht einheitlich, so dass es durchaus möglich
       ist, dass rivalisierende Akteure aus den Reihen des Regimes selbst
       Initiative ergreifen. [2][Die Protestierenden] sind sicher ein
       ausschlaggebender Faktor für die Instabilität des Regimes und für das
       Regime die größte Gefahr. Die Frage ist, ob es durch Proteste allein zu
       einem Systemwechsel kommen wird.
       
       taz: Wie ist das Regime trotzdem noch überlebensfähig? 
       
       Amiri: Die genaue Zahl ist nicht bekannt, doch die Revolutionsgarde besteht
       aus rund 250.000 extrem gut ausgebildeten und hochgerüsteten Militärs.
       Diese haben eine Untereinheit, die Basidsch-Milizen, die aus ungefähr einer
       Million Männern besteht. Es handelt sich um fanatisch ideologisierte
       Freiwillige, die in dieser Gesellschaft nichts haben. Sie sind dem Regime
       in Teilen aus Not treuer als manche Regime-Anhänger.
       
       Es gibt viele hohe Figuren des Regimes, die sich bereits im Ausland
       umgehört haben, wie sie untertauchen können. Sie sind schlichtweg
       Opportunisten, die mit dem nächsten System weitermachen. Es gibt aber auch
       Figuren innerhalb des Regimes, die an Wegen arbeiten, um durch eine
       Transformation zu überleben, im Iran, in der Macht.
       
       taz: Es gab Berichte, dass der Ajatollah vorhat, nach Moskau zu fliehen.
       Wie realistisch ist das? 
       
       Amiri: Ich glaube nicht an diese Meldung, die auf nicht konkret benannten
       Quellen beruht. Chamenei wird entweder im Iran getötet oder sterben. Er ist
       86 Jahre alt, sehr krank und soll sich in keinem guten gesundheitlichen
       Zustand befinden. Dazu war Russland schon seit jeher nur ein strategischer
       Partner, nie ein Freund.
       
       taz: Wie groß ist die Macht der islamischen Revolutionsgarde IRGC? 
       
       Amiri: Die Revolutionsgarde ist nach wie vor der mit Abstand mächtigste
       Machtfaktor im Land und verfügt über ein weitaus stärkeres Militär als die
       regulären Streitkräfte der Islamischen Republik. Sie besitzt und beherrscht
       80 Prozent der Wirtschaft des Landes, kontrolliert die Grenzen sowie das
       Rüstungs- und das Raketenprogramm. Sie steht in Verbindung mit der gesamten
       Achse des Widerstands …
       
       taz: … so die Eigenbezeichnung der vom Iran gestützten Islamistischen
       Gruppierungen in der Region … 
       
       Amiri: … unterstützt diese militärisch und finanziell.
       
       taz: Auch nach den militärischen Rückschlägen im Juni? 
       
       Amiri: Es gibt eine riesige Kluft zwischen ideologischem Getöse und
       militärischen Fähigkeiten. Die IRGC wurde massiv geschwächt und musste
       riesige Verluste und Schmach hinnehmen. Ihre Proxys, in die sie Milliarden
       investierte, sind ihnen nicht zu Hilfe gekommen, als die Islamische
       Republik Iran von Israel angegriffen wurde.
       
       Die Hisbollah, die Hamas, der Islamische Dschihad, die Huthis, die
       schiitischen Milizen in Syrien und Assad waren wichtige strategische
       Partner der Islamischen Republik. Nun sind sie massiv geschwächt. Und die
       Drohung von US-Präsident Trump, dem iranischen Volk zu Hilfe zu kommen, wie
       ein erneuter Angriff der Israelis bringt das Regime noch mehr ins Wanken.
       
       taz: In der Geschichte Irans sehen wir gut, dass ein Regimewechsel nicht in
       Demokratie münden muss. Welches System könnte nach dem Ende der Islamischen
       Republik entstehen? 
       
       Amiri: Entweder wird dieses Regime komplett zusammenbrechen und eine Person
       von außen wird an die Macht kommen, eventuell mit der Rückendeckung der USA
       und Israels. Oder verschiedene Machtgruppierungen innerhalb des Systems
       werden versuchen, durch einen Deal mit dem Westen an der Macht zu bleiben.
       Eine weitere Möglichkeit ist eine Transformation hin zu einem
       saudi-arabischen Modell mit einer pragmatischen Öffnung der Wirtschaft und
       einer Liberalisierung gegenüber der Bevölkerung, solange keine Kritik am
       Regime geübt wird.
       
       taz: Und ein freier und demokratischer Iran? 
       
       Amiri: Danach sehnt sich die Mehrheit der Bevölkerung. Laut einer neuesten
       Umfrage des Gamaan-Instituts wünschen sich 93 Prozent der 90 Millionen
       Iranerinnen und Iraner eine Demokratie. Bisher war das Problem bei allen
       Protesten gegen das Regime, dass es keine charismatische Figur gab, die
       diesen Wandel anführen könnte. Die Opposition ist zerstritten, und es gibt
       berechtigtes Misstrauen von allen Seiten gegen alle Figuren.
       
       taz: In den letzten Monaten wurden vor allem Angehörige von
       [3][Minderheiten verhaftet und hingerichtet,] auch jetzt geht das Regime
       härter außerhalb Teherans mit Protestierenden um. Wieso? 
       
       Amiri: Der Moment, der sich für das Regime gefährlicher anfühlte als der
       Angriff Israels, war die Frau-Leben-Freiheit-Bewegung 2022 von der
       Zivilbevölkerung, bei der die Menschen auf den Straßen riefen: „Von
       Kurdistan bis nach Täbris, von Bandar Abbas bis nach Maschhad, halten wir
       alle zusammen. Und wir sind der Iran.“ Diese Wut aller ethnischen und
       religiösen Minderheiten gegen das Regime war ein Warnsignal, dass sie sich
       eben nicht zersplittern lassen.
       
       taz: Es leben im Iran viele Ethnien, die sich nicht als Perser verstehen.
       Braucht es nicht ein föderal-multiethnisches Modell und ein Ende der
       Fixierung auf Teheran und den aktuellen Landesgrenzen? 
       
       Amiri: Das wäre natürlich vor allem im Interesse der umliegenden Staaten,
       weil der Staat Iran dadurch sehr geschwächt wäre.
       
       taz: Aber er ist auch jetzt schon geschwächt. 
       
       Amiri: Das Land wäre gestärkt, wenn es eine starke Führung gäbe, die
       ethnische und religiöse Minderheiten respektiert und ihnen Rechte einräumt.
       Die Kurden zum Beispiel könnten dann ihre eigene Sprache sprechen und ihr
       eigenes Schulsystem haben.
       
       taz: Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, die Situation in Syrien ist
       das beste Beispiel, was ein Bestehen auf Zentralismus für viele
       Minderheiten bedeutet. 
       
       Amiri: Was die Iranerinnen und Iraner in dem Moment, in dem dieses Regime
       zusammenbricht, entscheiden, sollte ihnen überlassen werden. Wer bin ich,
       dass ich aus meinem sicheren Leben in einer Demokratie heraus urteilen
       will, wie Kurden im Iran zu leben haben?
       
       taz: In Ihrem Buch tauchen die Kurden immer wieder im Kontext von Syrien
       und der Türkei auf. Aber wenig aus dem Iran. Warum? 
       
       Amiri: Mein größter Wunsch ist es, zu den Kurden im Iran zu reisen. Während
       meiner Zeit als ARD-Korrespondentin hat mich das Regime jedoch nie in die
       Region gelassen. Da ich kaum Berührungspunkte mit den Kurden im Iran hatte,
       konnte ich nur wenig über sie berichten. Das Regime wollte genau das,
       verhindern, dass ich darüber berichte. Die Kurden sind mutig. Jina Mahsa
       Amini ist Kurdin aus Saqqez, und die Aufstände dort waren unglaublich.
       
       taz: Gibt es westliche Politikerinnen und Politiker, die den Komplex
       verstehen? 
       
       Amiri: In Bezug auf die Iran-Politik gibt es in dieser ganzen Serie von
       Fehlentscheidungen keinen Lichtblick. Ich denke, es hätte einen Zeitpunkt
       gegeben, an dem man das Regime durch wirtschaftliche Kooperation hätte
       unter Druck setzen können, da die Ideologie im Jahr 2015 gar nicht mehr so
       präsent war. Doch der einseitige Austritt der Amerikaner aus dem
       Atomwaffensperrvertrag und die Tatsache, dass die Europäer keine
       eigenständige Antwort darauf gefunden haben, haben dies verhindert. Jetzt
       steht man vor einem Scherbenhaufen.
       
       Dazu war die Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang der wichtigste
       Handelspartner der Islamischen Republik innerhalb der EU. Es wurden Waren
       geliefert, die zur Unterdrückung genutzt wurden. Während die Kinder der
       Mullahs an Eliteuniversitäten in westlichen Metropolen studieren. Der
       Geldtransfer funktioniert für die Machtelite perfekt, weil sie die
       Schlupflöcher kennen.
       
       Es ist traurig, dass es bis heute im Westen keinen politischen Willen gibt,
       das Regime endgültig Schachmatt zu setzen. Wie viel friedlicher wäre die
       Region dann, und welch wichtiger Partner könnte das iranische Volk für den
       Westen sein.
       
       10 Jan 2026
       
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