# taz.de -- Neue Nutzung von Kirchen: Ommmm statt Amen
> In Deutschland stehen vielerorts Kirchen leer oder werden sogar
> abgerissen. Dabei lassen sich die Gebäude für so viel anderes nutzen.
(IMG) Bild: In der entweihten Marienkirche im schwäbischen Staig grüßen Gäste nun öfter die Sonne als Gott
Gotteshäuser müssen nicht bis in alle Ewigkeit Gotteshäuser bleiben. Aus
alten Kirchen können Buchhandlungen, Kletterhallen, Yogastudios oder
Wohnungen werden, wie Beispiele aus aller Welt (und auf den folgenden
Seiten) zeigen. Die Frage, [1][was mit leerstehenden Kirchengebäuden
geschehen soll], wird sich in Zukunft in Deutschland vermehrt stellen:
Sowohl die katholischen als auch die evangelischen Kirchengemeinden
schrumpfen weiterhin dramatisch – beide haben in den vergangenen zwei
Jahrzehnten jeweils mehr als 6 Millionen Mitglieder verloren. Viele
Gemeinderäume werden deshalb nicht mehr für religiöse Zwecke gebraucht. Von
insgesamt etwa 45.000 Kirchengebäuden in Deutschland könnten schon bis 2033
rund 10.000 Kirchen, Kapellen und Pfarrhäuser aufgegeben werden, schätzen
Expert:innen.
Eigentlich könnte das für Kommunen auch ein Grund zum Jubeln sein, mangelt
es doch allerorten an Raum (für Neues). Oft genug aber werden die
Kathedralen immer noch abgerissen, wie zuletzt etwa die Zufluchtskirche in
Berlin-Spandau, St. Norbert in Kaiserslautern oder viele Nachkriegskirchen
im Ruhrpott. Karin Berkemann, Professorin für Baugeschichte und
Denkmalpflege an der Hochschule Anhalt in Dessau, sagt, es fehle häufig an
Zeit und Geduld bei der Nachnutzung von Kirchen. „Die Kirchengemeinden vor
Ort dürfen mit dem Finanzdruck nicht alleingelassen werden. Denn sonst
schließen sie ihre Kirchen zu voreilig und verkaufen sie oft auf Abriss.“
Es brauche aber Zeit, um Investoren zu finden, [2][Nachnutzer:innen zu
gewinnen, die Sanierung zu konzipieren]. Ein Grundstück zu verkaufen, sei
da oft die leichtere und lukrativere Lösung. „Aus dieser Logik des
schnellen Abstoßens der Kirchengebäude müssen wir raus.“
Karin Berkemann hat 2024 das Manifest „Kirchen sind Gemeingüter!“
mitinitiiert, das unter anderem von der Bundesstiftung Baukultur und der
Deutschen Stiftung Denkmalschutz mitgetragen wird. Knapp 23.000
Unterzeichner:innen hat die Petition. Die Kernanliegen: Kirchen sollen
als gemeinwohlorientierte Räume erhalten werden, Stiftungsmodelle oder eine
ganz neue Stiftungslandschaft sollen zu diesem Zweck entstehen.
„Wichtig ist, dass die Gebäude in öffentlicher Nutzung bleiben. Das sage
ich als Denkmalpflegerin, die sich um den Zustand der Kirchenbauten sorgt“,
erklärt Berkemann im Telefongespräch. „Wenn Sie mich als Theologin fragen,
würde ich mir mehr Mischnutzungen wünschen, also dass sich Kirchengemeinden
und nichtreligiöse Gruppen die Räume öfter teilen, als dies bislang
geschieht.“ Bei der Finanzierung müsse man dann kreativ sein. Berkemann
könnte sich vorstellen, dass die Staatsleistungen für Kirchen in einen
Fonds zur Kirchennachnutzung fließen. In 14 Bundesländern erhalten
religiöse Gemeinden diese Staatsleistungen aufgrund von Gebäudeenteignungen
aus früheren Jahrhunderten, über 600 Millionen Euro wurden 2024 bundesweit
an Kirchen ausgezahlt.
## Kein neues Phänomen
Das Thema der Sakralraumtransformation – wie es fachlich auch genannt wird
– scheint dabei langsam in Politik und Zivilgesellschaft anzukommen. Wenn
Kirchen säkular nachgenutzt werden, spricht man bei katholischen Kirchen
von Profanierung, bei evangelischen von Entwidmung. Die beiden großen
christlichen Kirchen halten es mit der Heiligkeit ihrer Gebetsräume etwas
unterschiedlich: Nach evangelischem Verständnis sind Kirchen „in usu“
heilig, also im Gebrauch, katholische Kirchen werden dagegen geweiht –
müssen also auch entweiht werden, wenn sie zweckentfremdet werden sollen.
Und noch etwas muss bei der Neu- und Nachnutzung berücksichtigt werden: der
Denkmalschutz. Etwa 90 Prozent der Kirchen in Deutschland sind
denkmalgeschützt.
Dass einst als heilig geltende Orte verweltlicht werden, ist dabei
eigentlich alles andere als ein neues Phänomen. Bereits während der
Reformation im 16. Jahrhundert wurden aus Klöstern zum Beispiel Schulen
oder landwirtschaftliche Betriebe. In jüngerer Zeit waren die sehr
säkularen Niederlande Vorreiter für Umnutzung, dort gehören nur noch rund
30 Prozent der Bevölkerung den großen christlichen Kirchen an, in
Deutschland ist es noch etwa die Hälfte.
Unsere Nachbar:innen haben vorgemacht, was aus Kirchen werden kann –
etwa eine Brauerei, ein Trampolinpark oder ein Buchladen. Ein Blick ins
Ausland lohnt dabei immer; im litauischen Vilnius wird eine Kirche als
Restaurant genutzt, das unter anderem von Menschen mit Behinderung
betrieben wird.
In Berlin hat sich im Herbst eine Arbeitsgruppe zur Kirchennachnutzung aus
Senatsmitarbeiter:innen und Vertreter:innen des Erzbistums
Berlin sowie der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gegründet. Sie
berät nun über 300 Kirchen in der Hauptstadt, die in den kommenden Jahren
frei werden sollen. Silke Lechner ist stellvertretende Beauftragte für
Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften des Berliner Senats
und Teil der Arbeitsgruppe. „Wir haben ein Interesse daran, dass diese
Gebäude eben nicht verschleudert und privatwirtschaftlich genutzt werden,
sondern dem Land Berlin erhalten bleiben“, sagt sie im Videochat. „‚Die
Kirche im Kiez lassen‘ ist unser Motto. Die Gebäude sollen weiter dem
Gemeinwesen dienen.“ Auch Lechner betont die besondere Verantwortung für
die Bauten und die religiösen Gemeinschaften, die diese genutzt haben. „Wir
verfolgen zugleich das Ziel, dass Räumlichkeiten für kleinere
Religionsgemeinschaften gesichert werden. Wir wollen nicht, dass diese an
den Rand gedrängt oder aus ihren Häusern vertrieben werden.“ Auch Lechner
sieht die Mischnutzung von kulturellen, zivilgesellschaftlichen, sozialen
und eben auch religiösen Gruppen als Königsweg.
## Soziale Nachnutzung und Begegnungsorte
Aber natürlich können die Kirchen auch zu Wohnraum werden, der in vielen
Städten knapp ist. In Berlin gibt es in Schöneberg, Kreuzberg und in
Weißensee (im Bau) schon einige Beispiele dafür, die jedoch eher im
hochpreisigen Segment liegen. Vielleicht braucht auch Berlin ein Manifest –
eines für die soziale Nachnutzung der Kirchen. Obdachlosenheime,
Sozialwohnungen und Geflüchtetenunterkünfte unterm Kirchendach? Angesichts
der Wohnraumkrise wäre das eine so naheliegende wie bedenkenswerte Utopie.
Das Know-how ist dabei längst da, in vielen Städten haben Architekturbüros
Expertise bei der Kirchenumnutzung. So hat das Büro Bundschuh in Berlin
mehrere Kirchenumbauten vorgenommen, in Hannover und Goslar haben Gert
Meinhof und Dirk Felsmann zuletzt einige Projekte realisiert. Das
Entwicklerduo wies kürzlich in der FAZ darauf hin, dass „es preiswerter und
ökologisch sinnvoller ist, den Bestand zu erhalten und behutsam
nachzunutzen, als alles komplett abzureißen und neu zu bauen. Gerade bei
Kirchbauten, die ja meist in zentralen schönen Lagen errichtet wurden.“
Auch Kunst- und Architekturwissenschaftlerin Stefanie Lieb, Expertin für
Kirchennachnutzung, sagt, der nachhaltigere Weg sei in Zeiten der
Klimakrise die Umnutzung. Im Sommer brauche es künftig vermehrt kühle
Räume, welche die Kirchen bieten könnten. Und für den Winter sei der Einbau
intelligenter neuer Heizsysteme sicher ökologischer als der Abriss.
Denkmalpflegerin und Theologin Karin Berkemann will, dass die Kirchen in
neuer Form eine alte Funktion beibehalten: die des Zusammenkommens. „Die
Demokratieforschung sagt, dass es [3][eine alltägliche Begegnung zwischen
Menschen] braucht, mit denen wir uns sonst vielleicht nicht treffen würden,
die nicht zu unserer Bubble gehören“, sagt sie. Diese Funktion der Kirche
sei oft verloren gegangen, werde aber auch in einer säkulareren
Gesellschaft benötigt – gerade in einer instabilen Zeit wie der heutigen.
„Demokratie können wir nicht mehr einfach voraussetzen, sondern wir müssen
an ihr arbeiten“, sagt sie. Kirchen als Demokratieorte? Auch da geht doch
noch was. Jens Uthoff
Maastricht: Vom Kloster zur Buchhandlung
Der Buchhändler Ton Harmes ist leidenschaftlicher Liebhaber seines
Geschäftsgebäudes, des 700 Jahre alten früheren Dominikanerklosters mitten
im niederländischen Maastricht. Er hat dort 2006 einen riesigen Buchladen
eröffnet, der 74-Jährige spricht heute vom „spirituellen Inhalt als
Treibstoff“ für sein Geschäft. Mit seiner Liebe ist er nicht allein: 2007
adelte der britische Guardian seinen Boekhandel Dominicanen zur „schönsten
Buchhandlung der Welt“, sie sei „wie im Himmel erschaffen“. Das deutsche
Geo-Magazin sekundierte später: „Göttlich“. Mittlerweile, so Harmes, kämen
mehr als eine Million Menschen pro Jahr zu Besuch.
Das Besondere an der Buchhandlung sind die begehbaren zweigeschossigen
Regalkonstruktionen. Im zweiten Stock, auf gut acht Metern Höhe, öffnen
sich den Besuchern umringt von Bücherwänden immer neue Blicke ins
Kirchenschiff, und man ist den restaurierten Deckenmalereien aus dem
Mittelalter und der Barockzeit ziemlich nah. Die riesigen Regale sind aus
Eisen und 30 Meter lang. Wie Schachteln wurden sie denkmalschutzgerecht in
die gotische Halle hineingestellt und teils um die mächtigen Säulen
herumgebaut. „Wir berühren das Gebäude nicht“, sagt Harmes. Der gesamte
Raum scheint auf magische Weise gewachsen, obwohl die Regalwände so viel
Platz einnehmen. Für ihr Konzept erhielt das Amsterdamer Architekturbüro
Merkx+Girod seinerzeit den Niederländischen Innenarchitekturpreis.
Die Dominikaner sind dabei schon seit den Zeiten Napoleons raus. Im Jahr
1815 ging das Gebäude in den Besitz der Stadt über – und wurde immer nur
gelegenheitsgenutzt, mal als Konzertsaal, mal als Schlachthaus, nach dem
Krieg für den Kinderkarneval, dann als Parkhaus für Hunderte Fahrräder. Bis
Harmes die Kirche vor knapp 20 Jahren pachtete.
Der Lesetisch im alten Altarbereich hat die Form eines angedeuteten
Kreuzes. Den Cappuccino machen die Coffeelovers von Blanche Dael, einem
kleinen Maastrichter Fairtrade-Kaffeeröster. Manche rümpften die Nase,
profaner Genuss an diesem heiligen Ort? „Nein, passt“, sagt Harmes, „das
ist doch der Ort des Abendmahls.“ Etwa 170 Veranstaltungen gibt es
jährlich: Lesungen, Konzerte, Diskussionsrunden.
Die älteste Stadt der Niederlande hat noch viele andere umgenutzte
Sakralbauten – ein Naturkundemuseum, ein Info-Center der Uni und ein
Modegeschäft befinden sich heute dort. Eine frühere Kirche gleich am
Maasufer war lange eine Disco, dann eine Turn- und Fitnesshalle, später ein
Gemüsemarkt. Im benachbarten Heerlen wird eine Kirche gerade zum
Schwimmbad. Besonders spektakulär: das Maastrichter Kreuzherrenkloster von
1440, heute zum Fünfsternehotel umgebaut. Auf zwei Etagen sind im
Kirchenschiff die Restauranttische für gotteslästerliche Völlerei
untergebracht, darüber schweben wie Ufos die meterbreiten Lampen des
Münchner Lichtdesigners Ingo Maurer. 60 Betten gibt es in den
Seitenflügeln. Doppelzimmer ohne Frühstück: 206 bis 430 Euro die Nacht. Ob
es zum Trost konservativer Kirchenkreise wenigstens die Bibel bei
Buchhändler Harmes zu kaufen gebe? „Aber ja, natürlich“, sagt der, „und den
Koran und die jüdische Bibel auch.“ Bernd Müllender
Berlin: Filmset und Konzertsaal
Lange Zeit stand dort, wo Isabel Schubert nun schnellen Schrittes die
Treppe hinaufgeht und durch einen Säulengang schreitet, eine komplett
zugewucherte Kirchenruine. Eine einigermaßen berühmte sogar. Karl Friedrich
Schinkel errichtete hier in der Berliner Invalidenstraße zwischen 1832 und
1835 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. die Kirche
St. Elisabeth. Damals befand sich hier nicht Berlin-Mitte, sondern die
Rosenthaler Vorstadt, „ein armes Arbeiterviertel am Rande Berlins, in dem
die Menschen meist in prekären Verhältnissen lebten“, wie Isabel Schubert
erklärt. „Der König wollte die ärmeren Stadtviertel aufwerten und hat ‚zur
moralischen Erhebung der Verhältnisse‘ – wie er es nannte – vier Kirchen in
den Vorstädten errichten lassen.“ Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Elisabeth
dann zerstört, bis in die neunziger Jahre rottete die Ruine vor sich hin –
ehe eine Kulturkirche an diesem Ort entstand.
Isabel Schubert ist Kulturmanagerin und arbeitet seit 2006 für das Kultur
Büro Elisabeth (KBE), das aus der einstigen Kirche den heutigen
Veranstaltungsort gemacht hat. Schubert hat das Projekt fast von Beginn an
begleitet, ist heute dessen künstlerische Leiterin. Die 50-Jährige führt
nun hinein ins Innere der Kirche mit ihrer prächtigen hohen Decke und der
runden Apsis, dem ehemaligen Altarraum, der heute oft als Bühne dient. Im
Jahr 1990 fing man an, die Kirchenruine Stück für Stück wiederherzustellen,
im Jahr 2003 begann die kontinuierliche Nutzung für Kulturveranstaltungen.
Der vor einigen Jahren verstorbene Architekt Klaus Block, der viele
Kirchensanierungen und -umbauten in Berlin begleitet hat, ließ unter
anderem die Fassade und das Dach erneuern; seine Pläne werden bis heute
realisiert. Aktuell werden zwei Seitenemporen, die Teil der
Dachkonstruktion sind, ausfahrbar gemacht, sodass sie als weitere
Bühnenfläche genutzt werden können.
Die ständige Erweiterung ist Konzept beim Kultur Büro Elisabeth. Gleich
mehrere kirchliche Orte – darunter die angrenzende Villa Elisabeth, die
Sophienkirche und die Zionskirche – bespielt die Initiative. Die meisten
Veranstaltungen finden allerdings in den beiden „Haupthäusern“, St.
Elisabeth und der Villa Elisabeth, statt. Zwölf Mitarbeiter stemmen um die
hundert Veranstaltungen im Jahr, davon etwa 50 im kuratierten
Konzertprogramm. Das Festival Tanz im August ist zum Beispiel jährlicher
Gast, Orchester, Chöre und Ensembles der Freien Szene Berlins geben
Konzerte. All das gelingt dem KBE-Team ohne dauerhafte öffentliche
Förderung; refinanziert werden die Kulturveranstaltungen unter anderem
durch Vermietung an Firmen, für Filmdrehs, Werbeevents oder Kongresse.
Schubert legt Wert darauf, dass das Kultur Büro Elisabeth den religiösen
Hintergrund der Gebäude mitdenkt. „Bei der Kuration achte ich darauf, dass
die Veranstaltungen mit der Würde des Ortes zusammenpassen“, sagt sie.
„Wenn die Kirche etwa nur als Kulisse zur Provokation dienen soll, lehnen
wir Projekte eher ab. Dafür entwickelt man mit der Zeit ein Gespür.“
Die Architektur des Gebäudes wirkt dabei fast überwältigend, man blickt zur
über 13 Meter hohen Decke auf, die alten Klinkersteine der Seitenwände
gehen über in das moderne Glasdach, das den Raum mit Licht durchflutet. Der
Besucherraum hat 315 Quadratmeter, ohne jegliche Bänke darin kommt er einem
sehr weit vor. Rechts und links neben dem einstigen Altarraum an der Front
ragen die ehemaligen Sakristeien wie Türme auf. Der alte Schinkel scheint
hier mit dem neuen Block organisch zusammengewachsen zu sein.
„Man spürt, dass von Kirchengebäuden eine ungeheure Kraft ausgehen kann“,
sagt Schubert, während sie weiter durch den Raum streift. „Einzig auf die
praktische Nutzung zu setzen und den spirituellen Charakter außen vor zu
lassen, funktioniert daher nicht. Man muss alle Aspekte zusammendenken.“
Für sie bedeutet das auch, die Geschichte dieses Ortes mitzuerzählen. In
der NS-Zeit sei dies eine sehr braune Kirchengemeinde gewesen, dominiert
von den Deutschen Christen. Schubert hat auf dem Außengelände zu dieser
Epoche einen Info-Point errichtet; auch auf der Website kann man die
NS-Geschichte der Kirche nachlesen.
Die Arbeit des Kultur Büros Elisabeth lässt sich mit den Worten Karl
Schefflers zum Zustand Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts treffend
beschreiben: „verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“. Es wurden
weiter neue Orte erschlossen, vor drei Jahren hat das KBE das Friedhofscafé
Lisbeth eröffnet, einen Begegnungs- und Kulturort, der insbesondere den
Themen Abschied, Übergang und Trauer Raum gibt. Und in Zukunft sollen die
Haupthäuser mit einer Geothermie-Anlage ausgestattet werden und endlich
eine vernünftige Heizung bekommen. Nachhaltigkeit ist dabei ein Stichwort,
das Isabel Schubert wichtig ist, das sie aber auch in dem Sinne definiert,
„wie etwas nachwirkt“. Sie sagt: „Wenn man in so einem Raum ein tolles,
schönes Erlebnis hatte, dann kann man das auch als nachhaltig bezeichnen.“
Dass diese Kathedrale in Berlin-Mitte für solche Erfahrungen wie geschaffen
ist, weiß jeder, der sie mal besucht hat. Jens Uthoff
Staig: Wo die Kirche im Dorf bleiben soll
Nirgends hat das „Omm“ von Yogatrainerin Heike Seemüller bislang so
gewaltig gehallt wie vor dem ehemaligen Altar der Marienkirche im
schwäbischen Dorf Staig bei Ulm. Hinter ihr thront während der Übungen ein
gläsernes Abbild von Jesus, rund fünfzig Yogis rollen ihre Matten dort aus,
wo einst Betbänke standen. Während die bunten Bleiglasfenster den Raum in
warmes Licht tauchen, schlägt die Trainerin gegen ihre Klangschale.
„Genießt jeden Atemzug“, flüstert sie. Und die Kursteilnehmer:innen
scheinen ihr zu folgen.
Der Saal, in dem die Yogis erst in den herabschauenden Hund, dann den
Vierfüßlerstand geführt werden, stand jahrzehntelang leer. Mitte der 1960er
baute die katholische Gemeinde eine neue Kirche im Ort, die alte
Marienkirche sollte abgerissen werden. Doch die Denkmalbehörde stoppte das
Vorhaben. Das Gemäuer verkam, Tauben nisteten im einstigen Gotteshaus.
In den 1980er Jahren übernahm dann der Restaurator Peter Rau die
heruntergekommene Kirche für eine symbolische D-Mark. Er profanierte sie,
investierte einen Millionenbetrag. Jetzt will er sein Lebenswerk für rund
1,5 Millionen Euro verkaufen – am liebsten zurück an die Gemeinde. Doch die
lehnt ab. Was also tun mit der Kirche, die schon wieder niemand will?
Eine Gruppe aus Dorfbewohner:innen hat eine Antwort: Im Mai 2025
gründeten 14 Personen aus der Gemeinde die Interessengemeinschaft „Zukunft
Marienkirche“. Das ehrenamtliche Team entwickelte einen Plan, um die
Marienkirche im Dorf zu halten. „Unser Ziel war es erst mal, dieses Haus in
die Öffentlichkeit zu bringen“, sagt Ulrike Geiselmann, die sich in der
Interessengemeinschaft engagiert. Denn die meisten der rund 3.000
Dorfbewohner:innen haben die Räume noch nie von innen gesehen.
Geiselmann findet, die Marienkirche könne eine Lücke füllen. Das
Sportangebot im Ort sei zwar schon super, doch fehle es an Kultur. „Wenn
junge Leute hier was unternehmen wollen, müssen sie eigentlich in die
nächste Stadt fahren“, erklärt sie. Die Interessengemeinschaft organisierte
also Konzerte, ein Café, Yoga, einen Kabarettabend. „Hunderte Menschen
kamen und unterschrieben, dass die Kirche im Dorf bleiben soll“, sagt
Geiselmann. Doch die Gemeinde verweist noch immer auf fehlende Mittel.
Die Interessengemeinschaft hat nun einen Plan entwickelt: Sie möchte eine
Genossenschaft gründen, mit der sie die Kirche kaufen will. Genoss:innen
sollen Anteile für je 1.000 Euro erwerben können, der Rest wird von der
Bank geliehen. Vorstand, Aufsichtsrat und viele helfende Hände sollen die
Kirche dann zu einem generationsübergreifenden Anlaufpunkt für den ganzen
Ort machen. Nun gilt es, Menschen aus der Region von dem Vorhaben zu
überzeugen: „Es braucht seine Zeit, Genoss:innen zu finden“, sagt
Geiselmann.
Wie die 61-Jährige sich die Zukunft ausmalt? Ein volles Café im grünen
Vorgarten der Marienkirche, ein Konzert an einem lauen Sommerabend,
sonntags vielleicht eine Hochzeit oder ein Kindertheater – so ihre Visionen
für das Gelände. Obwohl der Plan in weiter Ferne und der Kaufpreis hoch
ist, bleibt sie optimistisch. Denn als sie im Sommer auf ihrer Yogamatte
kniete und sich zum Summen der Klangschale entspannte, brach ein
Sonnenstrahl durch das bunte Bleiglasfenster direkt auf ihre Matte. „Schon
da war mir klar: Wir werden es schaffen, die Kirche in unsere Hände zu
bekommen“, sagt Ulrike Geiselmann. Leon Scheffold
## Mönchengladbach: Richtung Himmel klettern
Der Anfang war mühsam, im Nachhinein komisch. „Im Radio hatte ich gehört,
dass St. Peter endgültig aufgegeben wird“, sagt Simone Laube,
leidenschaftliche Kletterin aus Mönchengladbach. Diese Kirche, dachte die
53-Jährige, könnte man doch zum Kletterparadies umbauen. „Aber, wie kommt
man an eine Kirche?“
Anrufe bei der Stadt, beim Bistum, der Kirchengemeinde. „Auf meinen Wunsch:
Ich will die Kirche kaufen oder mieten, kam immer zuerst: Totenstille …“ Ja
wie, was, klettern? Der Pfarrer habe gefragt, „ob wir Nachfahren von Luis
Trenker“ – bekannt für seine Bergsteigerfilme – seien. Erst der
Kirchenvorstand gab zurück: „Charmante Idee.“
Die Umsetzungspläne begannen Ende der Nullerjahre, auch sie gestalteten
sich schwieriger als gedacht. „Für Banken war das völlig neu, für Stadt,
Denkmalschutzbehörde und Architekten auch. Und das Bistum wollte uns erst
nicht aus seinem teuren Versicherungspool lassen.“ Doch Simone Laube blieb
beharrlich, sie eröffnete 2010 „die einzige katholische Kletterkirche der
Welt“, wie sie sagt. Laube ist Pächterin des Kirchengebäudes. „Ich habe
einen Traum verwirklicht.“
Jetzt am frühen Nachmittag ist es ziemlich leer. Die 12-jährige Juliana ist
gerade da, Anfängerin. Die Chefin selbst sichert am Seil und redet ihr gut
zu. „Vertrau mir, es kann nichts passieren …“ Juliana kommt dem Himmel fast
drei Meter näher. „Du wirst immer besser“, hört sie wenig später und
erwidert schüchtern „gut“, noch staunend über ihre Fortschritte in der
Senkrechten.
Vormittags kommen oftmals Schulklassen, nachmittags viele Schüler:innen
einzeln, auch Kinder ab 5 Jahren zum Schnupperkletterkurs. Abends ist es
voll, sagt Laube, da kommen die Fortgeschrittenen und Könner:innen, am
Wochenende oft im Familienverbund. Es warten 42 Seile, gut 200 Routen,
unzählige bunte Tritte und Griffe; auf 1.300 Quadratmetern, bis 13 Meter
Höhe, mit Überhang unter der Decke. All das hatte 2013 auch der damals 9
Jahre alte Leander Carmanns hier über sich. Heute ist Carmanns 21 und
Vizeweltmeister im Speedklettern. 2028 ist Olympia. „Und der Leander holt
Gold“, ist sich Laube sicher.
Die kirchliche Anmutung ist im umgebauten Gebäude stellenweise geblieben:
die großen runden Seitenfenster mit den bunten Mosaiken, die
Weihwasserbecken im Eingangsbereich, eine kleine Glocke, ein paar alte
dunkle Betbänke zwischen den drei Kletterwänden zum Zugucken. Die Bar
(Kaffee, Kuchen, Kreide, Leihgurte und Leihschuhe) ist aus dem Holz des
ehemaligen Kircheninterieurs gezimmert. Im Seitengang findet sich ein
Anfängerparcours, schräg hinter der Kirche eine Anlage zum
Outdoor-Bouldern, beide mit dicken Matten.
Die Griffe aus Epoxidharz gehen bei der Nutzung mit der Zeit kaputt, sie
wären dann eigentlich als Sondermüll zu entsorgen. Aber verschlissene Teile
wegzuwerfen findet Laube nicht nachhaltig, „also upcycle ich sie selbst“.
Neben diesem Öko-Nebenjob ist die gelernte Zahntechnikerin auch zur
Pädagogin geworden. „Man kann jungen Menschen hier Werte vermitteln, man
lernt Kontrolle abzugeben, Verantwortung zu übernehmen, immer Respekt zu
haben vor den anderen und den Gefahren. Vertrauen lernen, sich auf andere
verlassen.“ Und, was sie immer wieder beobachtet: Kinder und Jugendliche
reden in der Kletterhalle über ihre Ängste. „Wo gibt’s das sonst! Klettern
ist eine pädagogische Schatzkiste.“ Bernd Müllender
12 Jan 2026
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